Provokation

Shitstorm statt Beifall: Rapper Eminem besingt auf seinem neuen Album Attentäter

Eminem überrascht mit neuem Album

Das neue Album von Eminem «Music To Be Murdered By» schlägt Wellen. Ein Musik-Video erregt besondere Aufmerksamkeit: «Darkness». Darin kritisiert der Rapper die Waffengesetze in den USA.

Mit Provokationen schafft man es ins Weisse Haus, aber nicht mehr auf den Thron des Hip-Hop. Eminems Waffe ist stumpf geworden – für sein neues Album erntet er vor allem Unverständnis.

Was hätte wohl Alfred Hitchcock dazu gesagt? In Anlehnung an den Meister des Horrors hat Eminem sein neues Album «Music To Be Murdered By» veröffentlicht, das in den sozialen Medien einen Shitstorm auslöste. Das Feuilleton spricht von einem «Gipfel der Geschmacklosigkeit», Angehörige der Terroropfer reagieren angewidert und sogar der Bürgermeister von Manchester ächtete den amerikanischen Rapper und beklagt Eminems Respektlosigkeit gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen.

Was ist geschehen? Zwei Songs auf dem neuen Album von Eminem haben für Empörung gesorgt. In «Darkness» spielt er zur Melodie von «Sounds Of Silence» von Simon & Garfunkel die letzten Stunden von Stephen Paddock durch. Dieser hatte im Oktober 2017 aus einem Hotelfenster in Las Vegas auf die Besucher eines Country-Festivals geschossen und dabei 58 Menschen getötet.

In «Unaccomodating», dem zweiten kontroversen Song, vergleicht er sich mit dem Terroristen, der beim Konzert von Ariane Grande vor bald drei Jahren 22 Menschen in den Tod riss. Danach verweist er auf Saddam Hussein, Ayatollah Khomeni und Osama Bin Laden. «Here comes Saddam Hussein, Ayatollah Khomeini. Where’s Osama been? I been laden lately», rappt er.

Dass Eminem die Spendenkampagne nach dem Anschlag in Manchester unterstützte und den Song «Darkness» am Schluss zu einem Werbespot für die Verschärfung des amerikanischen Waffengesetzes nutzt, konnte die Kritiker nicht besänftigen. Wie konnte er nur?

Wut und Hass als Businessmodell

Eminem hat noch nie viel Fingerspitzengefühl bewiesen. Die Provokation ist sein Geschäft, Wut und Hass sein Businessmodell. Eminem ohne Provokationen wäre nicht Eminem. Und für einen wie Eminem kennen Provokationen sowieso keine Grenzen. Neben seinen grossen Fähigkeiten als Rapper haben die Provokationen und Respektlosigkeiten seinen Erfolg begründet und ihn gross gemacht. Weshalb sollte er also davon lassen? Die Provokationsmaschine hat erfolgreich geliefert. Die Rechnung ist für Eminem wieder aufgegangen.

Und doch hat sich seit dem Durchbruch von Eminem 1999 einiges getan. Vor zwanzig Jahren war er die unumstrittene Nr. 1 im Pop-Geschäft. Er verbalisierte in seinen Raps Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und überhöhte sie mit seinem aggressiven Stil. Eminem war nicht nur der mit Abstand beste Rapper, er löste Kontroversen aus und besetzte die Themen. Das Magazin «Rolling Stone» krönte ihn zum «King of Hip-Hop».

Den Ton geben heute andere an

Eminem ist immer noch der virtuoseste Rapper. Sein Flow ist unerreicht. Das beweist er gerade auf seinem aktuellen Album, zum Beispiel in Songs wie «Godzilla». Doch Eminem ist nicht mehr der grosse Wortführer. Rapper wie Kendrick Lamar, Tyler the Creator oder Childish Gambino geben heute den Ton an, besetzen die Themen und rütteln am Thron des alternden King. Sie sind auch gesellschaftskritisch, führen aber textlich eine feinere Klinge als der rappende Zeusler und Hassprediger Eminem.

Die Waffe der Provokation ist stumpf geworden. Das hat durchaus auch mit US-Präsident Trump zu tun, der mit denselben Mitteln der Provokation ins Weisse Haus gewählt wurde. Eminem hat zwar immer wieder betont, wie sehr er den amerikanischen Präsidenten hasst und verabscheut. Aber wie kann einer glaubwürdig gegen Donald Trump antreten, wenn er die gleiche Sprache spricht wie der Präsident und sich wie Trump auch immer wieder homophobe Ausfälligkeiten leistet.

Wer nur schockiert und provoziert, den nimmt man mit der Zeit nicht mehr ernst. Provokationen vermögen vielleicht noch in den leicht entflammbaren sozialen Medien ein Feuer zu entfachen. Aber sie erlöschen ebenso schnell. Die Wirkung verpufft. Das ist bei Eminem nicht anders als bei Trump. Vielleicht hätte ihm Hitchcock das gesagt.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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