Marc Storace wird 70 – und will endlich wieder auf die Bühne

Serie: Schweizer Rock Pioniere (1)
Marc Storace wird 70 – und will endlich wieder auf die Bühne

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Marc Storace wird 70 Jahre alt: Das bewegte Leben des Schweizer Rocksängers von Weltformat.

Stefan Künzli
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Wer auf Malta mit Musik Geld verdienen wollte, musste in den Cabaret-Clubs und Hotels Tanzmusik für Touristen spielen. Damit konnte sich der junge Marc Storace, der in Malta aufwuchs und später Krokus-Sänger wurde, nicht anfreunden. «Meine Lebensphilosophie passte nicht dazu», sagt er, «ich war rebellisch und wollte Rocksänger werden.» Der Sänger, der am 7. Oktober vor 70 Jahren als fünftes von sechs Kindern einer musikverrückten Familie geboren wurde, sang Ende der 60er-Jahre in der Rockband «Cinnamon Hades». In einem Engagement der Band auf einem Kreuzfahrtschiff verdiente er genug Geld, um die Insel zu verlassen und in London sein Glück als Sänger zu versuchen.

Nach einigen Monaten an der Themse lernte er eine Schweizerin aus Basel kennen. In der Schweiz gäbe es viele Musiker, die auf einen Sänger wie ihn gewartet hätten, versprach sie. ­Storace packte seine Siebensachen und folgte ihr in die Schweiz. Schliesslich strandete er in St. Gallen, wo er 1971 die Musiker der Band Deaf, den Gitarristen Dany Rühle und die Keyboarder Peter Scherer und Jack Conrad, kennen lernte und hängen blieb. Die Beziehung zu seiner Freundin ging schon nach einem Monat in die Brüche, doch die Beziehung zur Schweiz sollte ein Leben lang halten. «Ich bin der Baslerin sehr dankbar, dass sie mich in die Schweiz gelotst hat, aber ich habe sie nie mehr gesehen», sagt Storace.

Hinweis

Serie: Schweizer Rock-Pioniere
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Serie: Schweizer Rock-Pioniere

Das Porträt von Marc Storace ist eine gekürzte Fassung aus dem Buch «Schweizer Rock Pioniere» von Stefan Künzli, das die Gründerjahre der Rockmusik in der Schweiz thematisiert. In einer losen, kleinen Serie porträtieren wir hier Schweizer Rockmusiker der ersten Stunde. Der Autor ist Musikredaktor und Kulturchef von CH Media. Das Buch erscheint am 12. Oktober im Verlag Zytglogge und kann schon jetzt über bestellungen@zytglogge.ch bestellt werden.
Stefan Künzli: Schweizer Rock Pioniere.
Eine Spurensuche in den rebellischen Gründerjahren. Zytglogge, 352 Seiten.

«Wir hatten kein Geld und viel zu viel Zeit», sagt Storace über die St. Galler Zeit, «wir waren ambitioniert und haben geübt und geübt. Die teure Anlage hätte abbezahlt werden sollen, aber wir hatten kein einziges Konzert. Nach neun Monaten waren wir ökonomisch zerstört. Die Flamme ist erloschen, und ich hatte die Nase voll.»

Storace war drauf und dran, seine Zelte in der Schweiz wieder abzubrechen und heim nach Malta zu reisen. Die Rettung hatte drei Buchstaben: TEA, die in jenen Jahren beste Schweizer Rockband, mit Bassist Turi Paschayan, Gitarrist Armand Volker, Schlagzeuger Roli ­Eggli und Keyboarder Philippe Kienholz. Storace zog in die Kommune von TEA, in ein Bauernhaus in Boniswil, und wurde dauernder Feriengast.

1977: Marc ­Storace in der Schweizer Supergroup TEA.

1977: Marc ­Storace in der Schweizer Supergroup TEA.

Bild: Ueli Frey

Der beste Rocksänger der Schweiz hatte lange kein Einkommen

Das Leben in Boniswil war idyllisch. Im Keller war das Probelokal, im Garten wurde Fussball oder Tischtennis gespielt, und der nahe Hallwilersee lud ein zum Schwimmen und Baden. Zweieinhalb Jahre lebte die Band im aargaui­schen Seetal, tourte mit Status Quo und Queen in England und war auf dem Sprung zur Weltkarriere.

TEA hatte alles: Eine superteure Anlage, einen bandeigenen Sattelschlepper für Tourneen. Doch am Schluss war die Band hochverschuldet. Die Bandmitglieder waren gefeierte Stars. Doch der Schein stimmte mit der Realität nicht überein. «Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Wie wenn man eine Luxusvilla kaufen würde, aber die Hypothek nicht bezahlen kann. Wir sind wie Rockstars aufgetreten, lebten aber von Wurst und Brot, um diesen Schein zu finanzieren», sagt ­Storace, «wir haben die ganze Zeit geschuftet, aber nicht genügend verdient, um weiterhin als professionelle Rockmusiker zu existieren.» Trotzdem hat die Band dank ihren drei Alben und den Tourneen durch die Schweiz und Europa den Schein sechs Jahre lang wahren können.

Für Storace wurde die Situation in der Schweiz immer unerträglicher. Es war absurd: Jahrelang wurde er vom Magazin «POP» zum besten Schweizer Sänger gewählt, wurde als Rockstar und zu Recht als Sänger von Weltklasse gefeiert, hatte aber kein Einkommen und war auf die Hilfe von anderen angewiesen. «Ich konnte mir nichts leisten. Nur dank Freundinnen konnte ich hin und wieder raus aus dem Schneckenloch», sagt Storace.

Der Rockstar hatte Sehnsucht nach einem normalen, bürgerlichen Leben, einem Job von 9 to 5, nach Freizeit, nach eigenen vier Wänden. Er lernte die Tänzerin Alice kennen, heiratete sie und zog mit ihr nach London. Doch die Musik liess ihn nicht los. Er sang in der Band Eazy Money. Als Chris von Rohr sich 1979 bei Storace meldete, waren Easy Money daran, mit dem renommierten Label Chrysalis einen Plattendeal abzuschliessen und mit Genesis eine US-Tour aufzugleisen. «Ich war verheiratet, hatte einen Job und eine vielversprechende Band. Ein geregeltes Leben. Was wollte ich mehr? Meine erste Reaktion war denn auch ablehnend. Ich wollte nicht zurück ins Bettlerleben in der Schweiz», sagt er.

Audition bei Rainbow, Angebot von AC/DC

Storace hatte noch andere Eisen im Feuer: Ritchie Blackmore’s Rainbow wollten ihn in einer Audition testen. Wer würde da Nein sagen? Es gab nur ein Problem: Storace kannte zwar jede Menge Deep-Purple-Nummern, aber keinen einzigen Song von Rainbow auswendig. «Ich war sehr nervös und fühlte mich unter den Mega-Rockstars wie ein Greenhorn. Doch alle waren sehr nett, und Ritchie himself bot mir einen Whiskey an.» Storace lehnte dankend ab. Es nützte nichts. Die Band entschied sich für Graham Bonnet.

Einen Monat später meldete sich von Rohr wieder. «Das neue Song-Material von Krokus gefiel mir. Nicht mehr Minestrone wie vorher, die Songs hatten eine klare Linie», erinnert er sich und sagte zu. Ein Glücksfall für Storace und Krokus und der Beginn einer internationalen Erfolgsgeschichte, wie sie keine andere Schweizer Band erlebte. Aber auch eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit endlosen Querelen und personellen Wechseln, verwirrten Geistern, Egotrips und Intrigen, Drogen­eska­paden und Frauengeschichten. Rock-’n’-Roll-Lifestyle. «Ich erlebte Scheisszeiten», sagt Storace, «aber ich hatte immer wieder Glück und konnte mich aus dem Mist befreien und in die Zukunft schauen.»

Bereut Storace rückblickend, dass er das Angebot von AC/DC abgelehnt hatte? Dass er nicht einmal die Chance einer Audition wahrgenommen hat? «Ich bereue gar nichts», sagt Storace bestimmt. Der Kontakt kam nach dem Tod von Bon Scott 1980 zustande, doch das Angebot war unsicher und vage. Auf jeden Fall ging Storace darauf gar nicht ein. Der Entscheid für Krokus war auch ein Entscheid für die Schweiz. «Der Lebensstandard in der Schweiz ist meiner Meinung nach einfach höher. Ich bin jederzeit sehr gern in London als Tourist, aber zum Leben ist die Schweiz viel besser. London geht mir mit der Zeit auf den Keks. Ich bin ein überzeugter Schweizer», sagt Storace. Seit 30 Jahren ist er mit Cornelia, einer diplomierten Kosmetikerin, verheiratet, lebt in Baselland und hat mit ihr die beiden erwachsenen Kinder Luca und Giuliana. Mit der Heirat ist er auch Schweizer geworden.

Heute: Der 70-jährige Marc Storace vor dem Basler Musikclub Atlantis.

Heute: Der 70-jährige Marc Storace vor dem Basler Musikclub Atlantis.

Bild: Kenneth Nars

Mehr als 30 Jahre lang war Storace bei Krokus. Mit Unterbrüchen, aber so lange wie sonst keiner. Marc Storace hätte mit Krokus gern weitergemacht. Doch das Ende gibt Storace auch die Chance, endlich seinen Traum der eigenen Band zu verwirklichen. Die neue Musik ist schon im Kasten und soll noch im Dezember veröffentlicht werden. «Ich bin Rockmusiker», sagt Storace, «ich will auf die Bühne und mein Musikerdasein bis ins Grab leben.»

Das Soloalbum «Storace» erscheint im Dezember. Live: 21. 5., Hallenstadion Zürich.

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