Schon als Knirps schrie Beethoven: «Selbst den Ton angeben!» - zumindest im genialen Comic «Goldjunge»

Fast am Ende des Beethoven-Jubiläums kommt eine hinreissende Graphic Novel über die Kindheit und Jugend des jungen, zerrissenen Genies auf den Markt.

Hansruedi Kugler
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Beethovens Noten strömen in «Goldjunge» als expressive Farbwolken über die Buchseiten.

Beethovens Noten strömen in «Goldjunge» als expressive Farbwolken über die Buchseiten.

Zvg / Aargauer Zeitung

Ein herrisches Kerlchen ist dieser «Luddi». Jähzornig, überheblich, stolz – und genial! «Selbst den Ton angeben!», schreit der siebenjährige Knirps in die Winternacht, peitscht einen Ast durch die Luft: «Dem Schnee befehlen: Schmilz dahin! Und dem Rhein gebieten: Fliess rückwärts!»

Diese Graphic Novel «Goldjunge. Beethovens Jugendjahre» des deutschen Zeichners Mikael Ross fängt so energiegeladen an, dass man in den Temperamentsausbrüchen des Knaben Ludwig van Beethoven schon gleich das «Tatata-Taaa, Tatata-Taaa» der 5. Sinfonie zu hören glaubt. Kongenial umgesetzt, Bravo!

Goldjunge - Mikael Ross p4

Goldjunge - Mikael Ross p4

Zvg / Aargauer Zeitung

Nachdem der Siebenjährige von einer Bande Jungen verprügelt wird und die ihm auch noch ins Gesicht pinkeln, setzt er sich zu Hause an den Flügel und haut die Stirn auf die Tasten. Mikael Ross lässt ihn aber wegschweben: «Ist diese Musik nicht wie ein grosser Fluss? Sie nimmt allen Unrat in sich auf und trägt ihn fort.»

«Um so erstaunlicher, was er alles geschafft hat»

Ross lässt den Buben die Haare zu Berg stehen und seine Mimik zwischen Verängstigung und cholerischem Anfall hin und her schwanken. Mit «Knall!», «RRRums!» und «Vlam» bringt er Comic-Pfeffer in die Graphic Novel, die sich mit wenigen Freiheiten an den überlieferten Lebenslauf des Musikgenies hält. Neben neueren Biografien dienten ihm auch die Erinnerungen des Beethoven-Nachbarn Gottfried Fischer als süffige, zeitgenössische Quelle. Die Begegnung mit Mozart jedoch hat Ross erfunden: «Ich fand alleine die Möglichkeit einer solchen Begegnung einfach zu reizend», bekennt der Zeichner zu dieser Szene. Die Kindheit dieses Genies und die familiäre Situation hätten ihn besonders fasziniert: «Wenn man bei Beethoven auf die tatsächlichen Verhältnisse schaut, ist es um so erstaunlicher, was er alles geschafft hat.» Speziell interessiert habe ihn die Frage, ob genau in diesen ungünstigen Umständen der Keim für dessen Werk zu finden sei. Sein energiegeladener Zeichnungsstil lässt keinen Zweifel: Ross sieht die Ursachen für das explosive Temperament und die musikalische Vehemenz des Genies in einer zerrissenen Jugend.

Beethoven ist Papas Goldjunge. Der jähzornige, ehrgeizige, verschuldete Vater, ein mittelmässiger Tenor, herrscht den Knirps an: «Üb den Mozart. Üb du jetzt. Los.» Einen zweiten Mozart will er aus ihm machen, und hasst es, wenn der Kleine selbst komponiert. Legendär, wie der versoffene Vater ihn nachts aus dem Bett an den Flügel zerrt, um seinen Saufkumpanen das Genie vorzuführen. Nur seiner Mutter spielt Klein Ludwig die Eigenkompositionen vor und sagt dazu: «Ich hab es geträumt! Ich bin in ein Gewitter reingeflogen. Aber in der Mitte war es ganz still. Nur die Musik war da.» Das passt perfekt zu seinem explosiven Temperament.

Goldjunge

Goldjunge

Zvg / Aargauer Zeitung

Ein verletzlicher, verträumter Temperamentbolzen also, dieser Knirps, der zum Jüngling heranwächst, mitten unter Verrückten, Krüppeln, Säufern, in der tödlichen Pockenepidemie in Köln. Und die tolle Graphic Novel «Goldjunge» zieht einen sofort in die explosive Ambivalenz dieser Figur hinein. Ungeduldig, überheblich, immer gleich aus allem ein Gewitter machend, in Liebesdingen ungeschickt. Und als er endlich in der Mitte des Buches in Wien ankommt und seine Karriere sich schon abzeichnet, wird er von den Damen umarmt und verschmäht, leidet aber auch an Durchfall und quälendem Ohrensausen.

Ein Buch wie ein Rausch

Goldjunge - Mikael Ross Buchcover

Goldjunge - Mikael Ross Buchcover

Zvg / Aargauer Zeitung

Mikael Ross lässt ihn seitenweise in Albträumen verschwinden, vor Konzerten auf die Treppe kotzen – und in der Garderobe sieht er sich vor lauter Lampenfieber schon vor einem Erschiessungskommando: «Ich kann nicht spielen.» Dann aber auf der Bühne, was für ein Triumph: Aus dem Flügel sprengt Beethoven die tänzelnden Melodien des Orchesters und zündet mit seinem Spiel feurige, in allen Farben leuchtende Gewitter. Ross lässt expressive Farb- und Linienwolken aus dem Flügel über ganze Buchseiten hinweg strömen. «Goldjunge» ist ein Buch wie ein Rausch – ein Buch mit der Vehemenz einer Beethovenschen Symphonie.

Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre. Avant-Verlag, 192 Seiten.