Wer die detaillierten Boxszenen in Szczepan Twardochs neustem Roman «Der Boxer» liest und seine verwegene Frisur und den Dreitagebart sieht, kommt schnell in die Versuchung, in diesem Autor jemanden zu sehen, der nicht nur übers Boxen schreibt, sondern selber ein Boxer ist. Aber nein.

Als «Enfant terrible» der polnischen Gegenwartsliteratur gilt der 38-jährige Twardoch nicht etwa wegen körperlichem Einsatz, sondern weil der bekennende Schlonsake (Anhänger einer schlesischen Nationalität) in seinen Romanen ein neues Geschichtsbild skizziert, das nicht allen gefällt. Twardoch selbst lebt mit seiner Familie in Pilchowice, einem 3000-Personen-Dorf in Oberschlesien. Und «Der Boxer» erzählt von Schwierigkeiten der jüdischen Unterschicht im zunehmend faschistischen Warschau ab Mitte der 1930er-Jahre.

Ein Boxer ist Twardoch nicht, aber für die Vorbereitungen zu seinem Roman hat er doch einige Boxstunden genommen, um die Materie verstehen zu lernen. Es erstaunt daher nicht, dass sein Buch anfängt wie ein Lied von Mani Matter: «Zwe Boxer im Ring gä nang ufe Gring». Und wie! Alle erwarten den Sieg des blonden grossen polnischen Katholiken Andrzej Ziembinski. Aber es gewinnt der andere, der polnische Jude Jakub Shapiro.

Jüdische Unterwelt und Faschisten

Schnell wird klar, dass der elegante Shapiro nicht bloss Held des Boxkampfs, sondern auch Held des jungen Erzählers Mojzesz Bernstein ist. Dies, obwohl Shapiro seinen Vater wegen Schutzgeldschulden umgebracht hatte.

Shapiro ist die rechte Hand des mächtigen jüdischen Unterwelt-Paten Kaplica. Als diesem ein politischer Mord angehängt wird und er in Gefangenschaft gerät, übernimmt Shapiro die Position seines Bosses. Er beginnt eine ebenso kalkulierte wie leidenschaftliche Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts und muss gleichzeitig seine Familie vor dem zunehmenden Hass gegen Juden schützen.

Dass Martin Scorsese und Francis Ford Coppola für diesen Roman Paten standen, ist so offensichtlich wie reizvoll. Twardoch macht daraus aber mehr als ein Filmzitat, er haucht Kaplica und Shapiro so viel Leben ein, dass man in einen Lesefluss gerät, den Fans schon in Twardochs Erfolgsroman «Morfin» (2012) als Rausch beschrieben.

In der Erzähl-Technik sind Twardochs Bücher unkonventionell. Berichtete in «Drach» (2014) die allwissende Mutter Erde persönlich über die Entwicklung von Schlesien, so setzt er nun einen unzuverlässigen Erzähler in zwei verschiedenen Lebensaltern ein, der immer wieder an der eigenen Erinnerung zweifelt. Da der Rausch aber nun mal etwas ist, das keine Unterbrechung duldet, kommt einem das retardierende Element der Rahmenerzählung (Bernstein im Alter) manchmal fast so störend vor wie etwa die langen Rahmenerzählungen bei Jeremias Gotthelf.

Es gibt Autoren, die diese Techniken eleganter, beiläufiger beherrschen. Der unzuverlässige Erzähler will ihm nicht so meisterhaft gelingen wie etwa Agatha Christie in «The Murder of Roger Ackroyd» oder Wolfram von Eschenbach in «Parzival». Abgesehen davon ist «Der Boxer» ein Lesegewinn. Im Herstellen von Spannung und Drive haut wohl kaum jemand Twardoch so schnell aus dem Ring. Nicht umsonst wird er weit über Polen hinaus als Star gehandelt.

Wem «Der Boxer» nach etwas zu viel Waffen-Fetisch, Vulgarismen und Männerschweiss riecht, dem sei versichert, dass es genug andere Aspekte gibt, etwa die fundierte geschichtliche Dimension, die den 400-seitigen Roman lesenswert machen. Dabei rüttelt Twardoch kräftig an nationalen Tabus. In seiner Figurenzeichnung hat sich der Sozialwissenschaftler und Philosoph teilweise auch auf Personen bezogen, die es tatsächlich gab. Es ist ebenso ein Buch für Liebhaber von historischen Romanen wie für Fans von Gangsterromanen. Und, nicht zuletzt, ein Buch für Boxer.