Kunst
Giacometti bis Fischli/Weiss: Diese 230 Skulpturen im Aargauer Kunsthaus sind ein Plädoyer für die Schweizer Kunst

Das Aargauer Kunsthaus stellt sich eine Herkulesaufgabe. Mit über 230 Werken von 150 Künstlern ergründet es die «Schweizer Skulptur». Morgen ist Vernissage!

Anna Raymann
Merken
Drucken
Teilen
Die Ausstellung «Schweizer Skulptur seit 1945» entpuppt sich als wahre Wunderkammer.

Die Ausstellung «Schweizer Skulptur seit 1945» entpuppt sich als wahre Wunderkammer.

Alex Spichale

Lange verschmähten sie die Museen. Doch im freien Stadtraum nimmt sich die Skulptur längst Platz – und Aufmerksamkeit. Wie gross war der Aufstand, als Michael Grossert in Basel seine farbenprächtige Plastik «lieudit: Heuwaage» aufstellte? «Ein Monstrum!» Wie intuitiv die Aneignung der nicht weniger bunten Nana «L’ange protecteur» von Niki de Saint Phalle in der Zürcher Bahnhofshalle? «Treffen wir uns unter dem dicken Engel!»

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Michael Grossert, Raumhorizonte, 1964-65, © 2021, ProLitteris, Zürich

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Michael Grossert, Raumhorizonte, 1964-65, © 2021, ProLitteris, Zürich

Alex Spichale

Nun ist das Aargauer Kunsthaus an der Reihe und sucht nach der «Schweizer Skulptur seit 1945». Ein ambitioniertes Vorhaben! Und zugleich einschränkend – plastisch, schweizerisch, historisch. Doch der schwere Ausstellungskatalog weiss mindestens 230 Werke (Objekte sind es unzählige mehr) von 150 Künstlerinnen und Künstlern entgegenzuhalten.

Eine zum Bersten volle Schatztruhe

Es sind so viele Skulpturen, dass die Räume des Aargauer Kunsthauses nicht ausreichen. Schon im Garten des angrenzenden Rathauses schleichen sich den Flaneurinnen graue Wölfe als Vorboten entgegen. Mit ihnen legt Olivier Estoppey die ersten Spuren zur Ausstellung. Auf der Dachterrasse und im Foyer geht die Schatzsuche weiter. Selbstbewusst steckt dazu die Fahne auf dem Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron und markiert: Hier gibt es Schweizer Kunstgeschichte zu entdecken! Kräftig orange hat sie Ingeborg Lüscher gemacht. Eine Warnung?

«Es ist keine Best-of-Schau. Viel mehr wollen wir die Vielfalt der Schweizer Skulptur zeigen.»

In jedem Falle ist die Schatzkiste, die das Aargauer Kunsthaus unter Gastkurator Peter Fischer in Co-Arbeit mit Anouchka Panchard zusammengestellt hat, zum Bersten gefüllt. «Wir wollten nicht reduzieren, denn es ist keine Best-of-Schau. Viel mehr wollen wir die Vielfalt der Schweizer Skulptur und ihre Bezüge zeigen», sagt Fischer.

Eine Skulptur muss rundum schön sein

Zu allererst stellt sich die Besucherin aber selbst in Bezug. Kaum tritt sie durch den Eingang, stellt sich ihr ein imposantes schwarzes «X» in den Weg und wirft ihr das eigene Spiegelbild in der schwarzpolierten Oberfläche entgegen. Ugo Rondinone, aktuell im Wettbewerb, die Fassade des Bundeshauses in Bern zu bearbeiten, unterlegt den mächtigen Türsteher mit sanfter Spieldosenmusik. Die Ouvertüre rührt die benachbarte, lebensechte Büste des Selbstinszenierers Urs Lüthi vermeintlich gar zu Tränen.

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Urs Lüthi, Selfportrait (Tears), 2020, © 2021, ProLitteris, Zürich

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Urs Lüthi, Selfportrait (Tears), 2020, © 2021, ProLitteris, Zürich

Alex Spichale

Die Begegnung mit einer Skulptur verlangt viel ab. Ein Blick genügt nicht, sie will von allen Seiten betrachtet werden. Leicht fällt dies bei Markus Raetz, der zwei Vasen zueinander dreht, bis der Zwischenraum ganz ähnlich der bekannten Trompe d’Oeils eine tanzende Silhouette enthüllt. Bei Tinguely natürlich, dessen kinetische Maschinen sich von selbst lautstark von ihrer besten Seite zeigen. Oder beim Mobile von Christian Megerts, das mit einer Kette von schwebenden Spiegeln gleich den ganzen Raum in der Spiegelung neu zusammensetzt. Lustvoll und leichtfüssig kann sie sein, die Schweizer Skulptur.

«Anhand der Skulptur lässt sich, anders als bei der Malerei, die gesamte Kunstgeschichte nachzeichnen.»

Der Ausstellungsrundgang schlägt eine Zeitreise vor. Zu erwarten sind die «Grossen Vier» der Skulpturengeschichte – Meret Oppenheim, Alberto Giacometti, Hans Arp und Max Bill – doch um sie herum gibt es überraschende Künstler und erstaunlich viele Künstlerinnen neu- und wiederzuentdecken. «Anhand der Skulptur lässt sich, anders als bei der Malerei, die gesamte Kunstgeschichte nachzeichnen», so Fischer. Didaktisch kommt die Ausstellung aber nicht daher. Eher denkt man an ein Familienalbum, in das ein Foto auch mal zwischen die Seiten geklemmt wird, wenn einst auf derselben Hochzeit getanzt wurde.

Neue Formen und neue Materialien

«Seit 1945» heisst es im Titel und hier beginnt die Aufstellung. Dort die schmalen, fast verschwindenden Köpfe auf breiten Schultern, die Giacometti in der Nachkriegszeit mehr zum Sockel geformt hat als zum Körper. Hier die organisch-schwingenden Formen von Hans Arp. Dazwischen die zum äussersten gedehnte Figur von der Bildhauerin Germaine Richier. Die neuen Formen bringen das Material, die Bronze, an seine Grenzen.

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Germaine Richier, La Fourmi, 1953 © 2021, ProLitteris, Zürich

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Germaine Richier, La Fourmi, 1953 © 2021, ProLitteris, Zürich

Alex Spichale

Neue Materialien müssen also her. Wo die Bronze zu brechen droht, biegt und krümmt sich Eisen. Filigran legt Walter Bodmer den Eisendraht in elegante Schlaufen. Doch nicht nur feiner lässt es sich legen, vor allem grösser, höher, widerständiger stellt sich das rohe Material in den Raum. Robert Müller holte für seine Assemblagen Altmetall hinzu. Das «Bild» wird nicht länger behauen, sondern geschraubt, gesägt und geschweisst. Schwer und mächtig kann sie auch sein, die Schweizer Skulptur.

Ja, was ist denn das überhaupt – eine Skulptur?

Unweigerlich stellt sich diese Frage zwischen Papierwolken, lustig gefüllten Setzkästen und traditionellem Bildhauerwerk. Wenn die Antwort darauf sie alle einschliessen soll, ist der Begriff weit gefasst. Teilweise vermag sie sich gänzlich vom Körper, vom Material zu lösen. Joseph Beuys erfand dafür den Begriff der «Sozialen Plastik», in Amerika lebte man sie in der Fluxus-Bewegung.

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Doris Stauffer, Kulturrevolution, 1963-64

Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus. Doris Stauffer, Kulturrevolution, 1963-64

Alex Spichale

Ähnlich ausgelassen feierte man die Skulptur auch in der Schweiz – und klebte wie Daniel Spoerri die Überreste der Gelage als Fallenbilder auf eine Tafel. Und auch die Frauen, die verpflichtet zur Hausarbeit nicht mitfeiern konnten, fanden dafür einen Ausdruck. Doris Stauffer etwa, Vorreiterin der Schweizer Frauenbewegung, veranstaltete in ihrer Besteckschublade die «Kulturrevolution».

«Joseph Beuys würde es ohne Schweizer Künstler und Künstlerinnen nicht geben.»

«Die Ausstellung ist auch ein Plädoyer für die Schweizer Kunst, die alles andere als provinziell ist. Joseph Beuys würde es ohne Schweizer Künstler und Künstlerinnen nicht geben», sagt Peter Fischer im letzten Raum der Ausstellung. Auch hier finden sich bekannte Namen: Fischli/Weiss, Hirschhorn oder auch Latifa Echakhch, die die Schweiz an der nächsten Kunstbiennale in Venedig vertreten wird. Die bunte Wunderkammer ist das letzte Kapitel dieses kunstgeschichtlichen Rundumschlags.

«Schweizer Skulptur seit 1945»: 12.6.−26.9. Aargauer Kunsthaus, Aarau