Schweizer Spitzentenor
Tenor Daniel Behle: «Leck mich, Wagner! Ich mache es so, wie ich es will»

Der gefeierte Schweizer Tenor Daniel Behle komponiert eine Operette, singt Wagner, wie er es will, und arbeitet trotz Pandemie unermüdlich.

Christian Berzins
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Statt über die Pandemie zu klagen, macht sich Daniel Behle eher Sorgen, dass er bald zu viel singen wird.

Statt über die Pandemie zu klagen, macht sich Daniel Behle eher Sorgen, dass er bald zu viel singen wird.

Bild: Lucia Hunziker

Wenn ein weltweit gefeierter Tenor eine Operette mit dem Titel «Hopfen und Malz» komponiert, dann ist die Opernwelt nicht verloren, sondern dann treibt der Lockdown seine schönsten Blüten.

Wir reden von Daniel Behle, der im Liedgesang Massstäbe setzt, der schelmisch lächelnd Repertoireschranken überwindet und der sich nun nach grossen Jahren als lyrischer Mozartsänger mit Wagner zu beschäftigten beginnt, damit vom Mittel zum Schwergewicht wechselt.

Um das Universum Behle genauer kennen zu lernen, müsste man sich mit ihm in einem Biergarten treffen: Dann wäre es möglich, Schluck um Schluck, Mass um Mass in seine Welt einzutauchen. Während einer Stunde auf Zoom bricht dem Gegenüber ein gewaltiger Redeschwall entgegen – ein unablässiges Aneinanderflechten von immer neuen Sätzen und Gedanken. Doch so geistvoll viele sind, immer ist da auch ein Augenzwinkern, das uns zeigt: «Nimm das alles nicht so ernst.»

Wie macht er das? Warum macht er das?

Schnell aber wird klar: Daniel Behle ist grossartig masslos. Wir erahnten es schon bei einem Blick ins eigene CD-Regal: 13 Rezitals aus 13 Jahren stehen da – und es sind nicht mal alle. Wie macht er das? Und vor allem: Warum macht der 1974 in Hamburg geborene und in Basel lebende Tenor das?

Vielleicht ist die CD-Arbeit für Behle dazu da, um den Ruhelosen zur Ruhe zu bringen. Er selbst sagt: «Für mich ist es schön, einmal im Jahr zu fragen: Wo bin ich mit der Stimme?». Mit einer gut vorbereiteten CD-Produktion legt er somit den Fokus auf das Wesentliche – und muss dabei nicht mal schön aussehen, wie er bekennt. Doch wenn er etwas aufnehmen müsste, das künstlerisch keinen Mehrwert hat, sagte er sich im Unterschied zu vielen anderen Kollegen: «Vergiss es Behle!». Er liess sich nie reinreden, musste allerdings das Geld für die CDs selbst auftreiben.

Auf seinem Weihnachtsalbum ist kein grosses Brimborium mit den Wiener Sängerknaben und «Jingle Bells» zu hören, sondern von ihm originell arrangierte Hausmusik für Kammerensemble und Tenor.

Doch wenn einer so viele CDs aufnimmt, sie auf seiner Website wie Jagdtrophäen präsentiert, muss mehr dahinter sein. Und so sagt Behle, dass er zwar nie aus kommerziellen Gesichtspunkten aufgenommen habe, aber die CD-Marktpräsenz wichtig sei. Allerdings nicht so, wie sich das Labelriesen vorstellen:

«Bei den Labelriesen meint man, dass drei Wochen nach Release nichts mehr gehe. Ich aber bin überzeugt, dass eine gute Klassik-CD auch nach Jahrzehnten entdeckt werden kann.»

Vielleicht steckt hinter Behles Studio-Eifer auch der Wille, der Welt zu zeigen, wie breit aufgestellt er ist. Als Freiberufler, der er nach Jahren an Theatern in Oldenburg, Wien und Frankfurt seit 2010 ist, durchaus ein Problem: Opernsänger werden immer in eine Schublade gesteckt. Und weil Behle den edlen Titel «deutscher Mozarttenor» trägt, sind ihm viele Türen verschlossen. Für italienische Opern wird er kaum mehr gebucht, dafür aber vielleicht bald für Werke von Richard Wagner.

Schöner und besser kann ein Tenor nicht Mozart singen.

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Seine Liebe zu ihm ist so gross geworden, dass er es wagte, den «Lohengrin» zu singen. Als Resultat davon, steht nun die Wagner-Pforte, so gewaltig gross und schwer sie auch ist, ziemlich weit offen. Noch sagt Behle, er werde sie nur durchschreiten, wenn er danach weiterhin Mozart singen kann.

Das aber behaupteten in den letzten 40 Jahren alle Tenöre – kaum einer schaffte es. Das süsse Zaubertimbre von Francisco Araiza (*1950), einst Publikumsliebling in Zürich, verschwand nach seinem «Lohengrin» in kurzer Zeit. Und auch der Legende Nicolai Gedda (1925–2017) bekam der Schwanenritter nicht gut. Jonas Kaufmann (1969) hingegen, momentan auf dem Tenor-Thron sitzend, genoss den Wechsel von Mozart zu Wagner, fühlte sich danach hörbar befreit.

«Ein Takt ‹Lohengrin› und deine Mozartkarriere ist dahin!», warnten ihn die Kollegen.

War der Schritt zu Wagner ein Risiko für Behle? Würden sich die Warnungen – «Ein Takt ‹Lohengrin› und deine Mozartkarriere ist dahin!» – bewahrheiten? Behle jedenfalls hat sich vorgenommen, immer wieder zu Mozart zurückzukehren.

«Guck, Behle, jetzt hast Du draufgehauen!»

Doch die Angst vor «Lohengrin» war berechtigt, denn als Behle einst Humperdincks «Königskinder» gesungen hatte – eine Oper, in der man gegen grosses Orchestergeschütz ansingen muss – merkte er, dass ihm die Leichtigkeit der Stimme kurzerhand abhandengekommen war. «Guck, Behle, jetzt hast Du draufgehauen!», musste er sich sagen.

Und 2018 in Bayreuth (er sang im «Tannhäuser» Walter von der Vogelweide) zeigte sich am Anfang der Probenphase ein Ödem auf der Stimme: «Überanstrengung!», hiess es damals. «Ich war selber schuld, habe ich doch nach anstrengenden Probentagen nebenher an anstehenden Partien gearbeitet. Wäre das Ödem geblieben, wäre Schluss gewesen. Mir wurde wieder klar, dass eine Stimme nicht gottgegeben ist, sondern auch Pausen braucht.»

Was kann ich? Was kann ich nicht? Diese Frage dreht im Kopf von Behle bei allem Selbstbewusstsein und aller Kenntnis über seine Fähigkeiten weiter. Klar aber ist, dass er neue Rollen nur auf der Bühne ausprobieren kann. Doch die Frage war für ihn nicht, ob er «Lohengrin» singen könne, sondern wie. Behle war und ist nicht gewillt, seine schillernden Farben und sein samtenes Bouquet für die Tragkraft der Stimme einzutauschen. Kurz: Er gibt nicht die Schönheit für eine Trompete her. Da sage ich lieber: «Leck mich Wagner, dann halt nicht. Ich mache es so, wie ich es will.» Es ist mein Lebensziel, einen nötigen heldischen Strahl zu erzeugen, ohne den lyrischen Aspekt zu verlieren. Rollenunabhängig.

Ziel, irgendwann vielleicht, ist Wagners Tristan. Doch noch kann Behle auch Operette, bald Léhars «Giuditta» in einer Regie von Christoph Marthaler. Vielleicht auch das eigene Werk, die Operette «Hopfen und Malz». Bereits steht er mit zwei grossen Theatern in engem Kontakt. Behle als Titelhelden gibt es zur Komposition dazu.

Behle sprudelt vor Ideen, erwähnt Arbeiten an CDs, Streams und Kompositionen, als gäbe es da draussen keine Pandemie. Mit etwas Glück umging er sie geradezu, konnte er doch 2020 zwei wichtige Opernproduktionen singen –oder wie er sagt «etwas Geld nach Hause bringen»: Als in Wien im Herbst eine Mozartoper anstand, war die Staatsoper gerade wieder offen, in Zürich sang er im März kurz vor dem Lockdown in «Arabella».

Ob er im Sommer in Bayreuth singt, weiss Behle immer noch nicht. Er ist gelassen, bedauert aber das Schicksal von Kollegen, die fast ausschliesslich Opern singen würden, denen nun alles fehle. «Ich hingegen fuhr immer breit, habe den Liedgesang, die CD, das Komponieren und die Oper. Und ich habe Zeit. Es ist viel geplant – unabhängig von der Pandemie: Mein Weg wird sich nicht verzögern.» Und nebenbei erwähnt er dankend, dass er glücklicherweise seit fünf Jahren Schweizer sei: «Die AHV hilft mir als selbstständiger Künstler sehr. Ich bin sehr dankbar.»

Der Gefangenenchor der Kritiker ist bereits skizziert

Statt zu klagen, macht sich Behle eher Sorgen, dass er bald zu viel singen wird: «Die nächsten Jahre werden stressig. Zurzeit sagen wir Sänger mehr zu, als wir sollten – durchaus auch aus einer gewissen Existenzangst. Wir müssen jetzt da durch. Wenn alles wieder live kommt – egal, ob es noch zwei Jahre dauert –, wird es einen Run auf die Kultur, auf dieses Liveklingen geben.»

Daniel Behle ist ein grosser Liedsänger unserer Zeit.

Er ist Optimist, bezeichnet das Gerede von der sterbenden Kultur als «Quatsch». Vielleicht würden die Gagen nach der Pandemie kleiner, eventuell gäbe es wieder Festivals im Kornfeld oder andere alternative Zugänge, aber es gehe weiter. Oder wie sagte er mitten im Gespräch: «Wenn ich keine Arbeit habe, mache ich mir welche.»

Bei «Hopfen und Malz» steckt er mitten im Finale und bereits hat er eine Idee für eine zweite Operette: «Ich habe richtig Blut geleckt», sagt er spitzbübisch. Thema wird das Richard-Wagner-Mekka Bayreuth sein, der Titel vielleicht «Ein Königreich für ein Drama» heissen. Einen Gefangenenchor der Kritiker ist bereits skizziert. Der mögliche Uraufführungsort? Geschenkt.

CD (kleine Auswahl):
Winterreisen, Schubert, Version für Tenor und Klaviertrio (Schnyder Trio) Originalversion, Sony 2014
Mein Hamburg, Daniel Behle & Schnyder Trio, Berlin Classcis 2016
Un-Erhört, Richard Strauss, Oliver Schnyder (Klavier) Prospero 2020