Schweizer Literatur
Romandebüts aus der Schweiz können auch punkig, queer und psychedelisch

Man liest sie am besten mit Kopfhörer. Mit dem richtigen Soundtrack werden die drei Romandebüts von Andri Hinnen, Samuel Schnydrig und Christoph Schneeberger zu literarischen Rock-Musicals. Wir liefern hier die wichtigsten Songs mit.

Hansruedi Kugler
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X (Christoph) Schneeberger:Der 45-jährige Autor hat literarisches Schreiben studiert und tritt als Dragqueen auf. «Neon Pink&Blue» ist im Verlag Die Brotsuppe erschienen.
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Samuel Schnydrig:Mit Jahrgang 1982 hat Samuel Schnydrig über 20 Jahre aktive Musikerfahrung in Punkbands. Sein Roman «Klaus. Leben vor dem Steinschlag» ist im Zytglogge-Verlag erschienen.
Andri Hinnen:Der Filmemacher («Unter Wasser atmen») mit Jahrgang 1985 hat International Studies studiert. Sein Debütroman «Rolf» ist im Verlag Elster & Salis erschienen.

X (Christoph) Schneeberger:
Der 45-jährige Autor hat literarisches Schreiben studiert und tritt als Dragqueen auf. «Neon Pink&Blue» ist im Verlag Die Brotsuppe erschienen.

Bild: keystone
Illustration aus dem Roman "Klaus. Leben vor dem Steinschlag" Samuel Schnydrig

Illustration aus dem Roman "Klaus. Leben vor dem Steinschlag" Samuel Schnydrig

Illustration Paula Troxler

Es gibt sie also noch in der Schweizer Gegenwartsliteratur: die coolen Romane für grosse Jungs in der Midlife-Crisis oder auf Identitätssuche. Mit viel Spass geschrieben inklusive jeder Menge charmant-ruppiger Kneipensprüche, das krasse Auf und Ab des Erwachsenwerdens ohne Floskeln. Besonders begeisternd: Das Aufwachsen mit popkulturellen Bezügen gehört in diesen Romanen zum selbstverständlichen Kontext und wird reich beschrieben, vor allem mit Musik und Filmen. Das ermöglicht eine Zeitreise und spiegelt ein Milieu. Einer der Romane hat lobenswerterweise eine Playlist im Anhang.

Illustration aus dem Roman "Rolf" von Andri Hinnen.

Illustration aus dem Roman "Rolf" von Andri Hinnen.

Christof Gähwiler / Illustration

Obligat: Bier, Fussball, Männerfreundschaft, Liebesversagen – und was Mann mit seinem Leben anfangen soll, wissen die Kerle auch nicht so recht. Das gilt vor allem für Samuel Schnydrigs Roman «Klaus», in dem er anekdotenreich vom Leben eines Berner Hobby-Punkmusikers berichtet, Jahr für Jahr, zwischen seinem 17. und 33. Lebensjahr, zwischen dem ersten Konzert und der Eröffnung eines Konzerthotels für Schwule und Lesben. ­

Andri Hinnen fantasiert im Roman «Rolf» eine irre Persönlichkeitsabspaltung mit einem Dämon. Beide schreiben mit einem verspielten Sarkasmus. Literaturkritisch könnte man meckern: auf der symbolischen Ebene eher simpel gestrickt, sprachlich dem Slang allzu realistisch angeschmiegt, psychologisch mehr andeutend als vertiefend. Der Spassfaktor aber ist bei beiden Romanen, die auch toll illustriert sind, hoch. X (Christoph) Schneeberger hingegen wirft mit seiner ungeschminkten Beschreibung des zerrissenen Lebens eines Queer-Menschen, einer Drag­queen, einen dringlichen Blick in eine eher verborgene Szene.

Vor dem etablierten Leben noch mal Jugend schnuppern

Andri Hinnen: Rolf. Roman. Elster&Salis, 320 S.

Andri Hinnen: Rolf. Roman. Elster&Salis, 320 S.

Was die Romane bei aller Verschiedenheit verbindet, ist ihre Musikalität. Hört man die in den Romanen vermerkten Musikstücke beim Lesen im Kopfhörer mit, dann werden sie fast schon zu Rockopern, Schlager-Variétés, Punkmusicals. Das scheint im Trend zu liegen. Auch Benedict Wells hat in seinem Coming-of-Age-Roman «Hard Land» eine Playlist angehängt. Eine coole ­Leseerweiterung ist das allemal.

Andri Hinnen lässt seinen Antihelden, den Versicherungsexperten Phi­lipp, mit seinen Kumpels an ein dreitägiges Open Air gehen. Nochmals Jugend schnuppern, bevor das etablierte Leben in der Vorstadt mit seiner Jugendliebe definitiv wird. Drogen, eine kurze Affäre – und auf dem Heimweg ein altes Album der Eels, wahrscheinlich mit dem Song «Novocaine For The Soul».

«Novocaine For The Soul» von Eels.

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Kurz darauf drängt sich das Monster seiner verdrängten Jugend – ein vulgärer, schleimig-grüner Klumpen mit Tentakeln – in sein Leben, verschluckt ihn, übernimmt das Kommando und lässt Philipps Leben in sich zusammenbrechen. Dass er letztlich ein Mephisto ist, also das Verdrängte an die Oberfläche bringt, ist eine der vielen Pointen im durchgeknallten, aber sauber und spannend orchestrierten, rasanten Episodendrama. Wenn am Ende Blur-Sänger Damon Albarn «Tender is the day. The demons go away» singt, ist Philipps Midlife-Crisis so trashig verulkt, dass das Buch richtig Spass macht.

«Tender »von Blur

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Er werde beim nächsten Buch seinen inneren Teenager zügeln und etwas Ernsthaftes schreiben, verspricht der junge Autor im Anhang. Aber bitte ebenso vergnüglich!

Samuel Schnydrig. Klaus. Leben vor dem Steinschlag. Zytglogge. 330 S.

Samuel Schnydrig. Klaus. Leben vor dem Steinschlag. Zytglogge. 330 S.

Im Schlager spiegelt sich eine zerrissene Identität

Dass die Romane eines Punkmusikers und einer Drag­queen völlig verschiedene Musikreferenzen haben, leuchtet schnell ein. Samuel Schnydrigs «Klaus. Leben vor dem Steinschlag» spiegelt von Nirvana über The Clash und zurück zu Pink Floyd die Höhen und Tiefen des jungen Antihelden, des scheuen Punkmusikers Klaus.

«Come as you are» von Nirvana

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Mit einem Arsenal schrullig-sympathischer Sprücheklopfer zaubert er eine Stimmung herbei wie im Klassiker «Herr Lehmann». Der Kneipenhund heisst Schopenhauer, Klaus holt beim 80-jährigen Freund Viktor Lebensweisheiten ab, sein Kumpel Basters zeigt als Objektkünstler der Kunstszene den Stinkefinger. «Punk statt Trauma» ist denn auch logisch das untergründige Motto dieses Romans.

«Should I stay or should I go» von The Clash.

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X (Christoph Schneeberger: Neon Pink & Blue. Roman. Verlag die Brotsuppe. 272 S.

X (Christoph Schneeberger: Neon Pink & Blue. Roman. Verlag die Brotsuppe. 272 S.

Wenn hingegen X (Christoph) Schneeberger in «Neon Pink & Blue» vom ersten öffentlichen Auftritt einer Dragqueen erzählt, vom minimalen Schneewittli, das mit zittriger Stimme «Someday, my prince will come» singt, dann sagt er uns, Travestie sei zum Heulen. Und meint dies existenziell. «Laut und schrill» kollidiert mit Schwermut und Armut.

Die Zerrissenheit zwischen kitschigen Schlagern wie «Que sera sera» und präzisem Genderbewusstsein, zwischen Klaus Vormanns dadaistischem «Da Da Da» und dem Guggisberglied ist mit einem hohen und experimentellen literarischen Anspruch geschildert.

«Que sera sera» von Doris Day

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«Da Da Da» von Trio

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Dafür und für die Dringlichkeit des Themas hat Schneeberger diesen Frühling einen Eidgenössischen Literaturpreis erhalten.

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