Welches Bild von Hans Erni wird uns in Erinnerung bleiben? Das Bild des Künstlers selber. Hans Erni im Atelier, Hans Erni vor seinen Werken, Hans Erni mit seiner Frau Doris.

Aber auch die Gespräche mit dem Künstler werden nachklingen. Zuletzt zum 100. und zum 105. Geburtstag sprachen wir über Kunst, vor allem aber über die Kunst eines langen Lebens und die unglaubliche Energie des Malers, der noch täglich im Atelier arbeitete.

Nun hat uns die Nachricht erreicht, dass Hans Erni am Samstag in der Klinik Hirslanden St. Anna in Luzern, genau einen Monat nach seinem 106. Geburtstag, gestorben ist.

Erni wollte ewig leben

Irgendwie wollte ich das im ersten Moment nicht glauben, erschien mir Hans Erni, der gesundheitliche Krisen vor Jahrzehnten bestens überstanden hatte, doch irgendwie als unsterblich.

In der Erinnerung tauchte einer dieser Erni-Sätze auf. 1994 – wir trafen uns in seiner Ausstellung im Verkehrshaus Luzern – verblüffte er mich mit der Aussage: «Ein Künstler, der spürt, dass er etwas zu sagen hat und der die Ereignisse aufnimmt, die täglich auf ihn treffen, muss sogar den Wunsch verspüren, ewig zu leben.»

Hans Erni stirbt mit 106 Jahren – Bilder und Statements von seinem letzten Geburtstag und eine erste Reaktion seiner Tochter.

Hans Erni stirbt mit 106 Jahren – Bilder und Statements von seinem letzten Geburtstag und eine erste Reaktion seiner Tochter.

Arbeit, seine künstlerische Arbeit, war für Hans Erni Sinn und Zweck seines Lebens und die Daseinsberechtigung schlechthin. Aus der Arbeit tankte er die Energie für sein langes Leben. «Man muss sich ständig Aufgaben stellen, damit man ständig Aufgaben lösen kann. Nur so erwärmt und erneuert man sich.» Erstaunlich war, mit welcher Lust am Leben, mit welchem Optimismus der über 100-Jährige jeden neuen Tag anpackte. «Das Positive zu suchen, ist das Allerwichtigste.»

Über diese Altersweisheit – oder war es Altersmilde? – staunte ich. Denn Hans Erni war Jahrzehnte zuvor oft verbittert. Klagte über politische Hatz und künstlerische Missachtung. «Man versuchte, mich zu vernichten», ist eines der typischsten Erni-Statements aus seinen früheren Lebensjahren. Nicht zu Unrecht.

Hans Ernis Leben verlief nicht geradlinig, da gab es biografische und künstlerische Brüche, auch Kompromisse und – typisch für ihn – stets die Suche nach Erfolg und Anerkennung. Geboren wurde er 1909 in Luzern, wuchs mit sieben Geschwistern auf, «da lernen Sie Rücksichtnahme». Sein Vater war Schiffsmaschinist auf dem Vierwaldstättersee, die Kraft der Maschinen haben den Buben fasziniert, so wollte er «etwas Technisches» machen. Er lernte Vermessungstechniker und Bauzeichner, doch dann packte ihn die Kunst.

Nach Abschluss der Kunstgewerbeschule Luzern 1930 reiste er nach Paris, war fasziniert von Braque und Picasso und trat den avantgardistischen Künstlergruppen «Abstraction-Création» und «Allianz» bei.

Erni galt als grosses Talent, «aber verdient habe ich damit nichts.» 1939 bekam er den Auftrag für ein fast 100 Meter langes Bild für die Landesausstellung in Zürich und kehrte aus London zurück. «Die Schweiz, das Ferienland der Völker» ist ein optimistisches, die Technik und die Landschaft feierndes Gemälde in einer einfachen, illustrativen Bildsprache. Die Künstlerkollegen waren entsetzt über den Stilwandel, doch das Volk war entzückt – und Hans Erni wurde bekannt.

Boykott und Erfolg

Doch dann kamen der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg. Erni leistete Dienst als HD-Motorfahrer und Tarnmaler, er gewann den Wettbewerb für die neuen Schweizer Banknoten.

Doch wegen Plakaten, zum Beispiel für die «Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion» und wegen seiner Freundschaft zum linken Konrad Farner, verhinderten bürgerliche Politiker die Herausgabe der Noten. Was gedruckt war, wurde eingestampft – und Erni boykottiert. «Das war sehr hart und hat nicht nur mich getroffen, sondern auch andere buchstäblich vernichtet, Schriftsteller zum Beispiel», erinnerte er sich. Kam dazu, dass 1948 seine Frau Gertrud Bohnert bei einem Reitunfall starb.

Den Schweizer Boykott konnte er dank Aufträgen aus Amerika finanziell und Arbeiten für die UNO ideell überstehen. Und 1949 heiratete Hans Erni die damals erst 18-jährige Doris Kessler.

Sie wurde die Begleiterin seines langen Lebens, war bis zuletzt die tatkräftige Organisatorin an seiner Seite. Kennen gelernt haben sich die beiden beim Volleyballspielen am Lido Luzern. Denn Sport war – neben der Technik – eine Leidenschaft von Erni. Er war Leistungssportler als Leichtathlet, Ruderer und Langläufer – und noch im hohen Alter schwamm er täglich.

Populär, aber Aussenseiter

Ab den 1960er-Jahren wurde Hans Erni in der Schweiz zum populärsten Künstler in der Schweiz. Lithografien oder von ihm bemalte Teller gehörten bald in jede Schweizer Bürgerstube.

Dieses Kunsthandwerkliche habe ihm finanziell über die Runden geholfen. Daneben begann er auch gut zu verkaufen – nur die Museen wollten von ihm nichts wissen. Als zu süffig und einfach galten seine Sport- und Aktbilder, die mythologischen Darstellungen und seine Feier der Technik.

Gemeint war sein zeichenhafter Malstil mit den weissen schwungvollen Linien, seine fast akademisch anmutende figurative Malerei, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts völlig unmodern erscheinen musste.

Kam hinzu, dass Erni sich auch einen Namen als Plakatgestalter machte: für das Frauenstimmrecht, gegen das Waldsterben, für den Uno-Beitritt. Nicht in einem Kunstmuseum, sondern im Verkehrshaus Luzern, wurde 1979 das Hans-Erni-Museum eingerichtet.

Erst zum 100. Geburtstag rehabilitierte ihn das Kunstmuseum Luzern mit einer umfassenden Ausstellung. Sie und die undogmatischere Haltung der Kunstwelt gaben Erni spürbar Genugtuung.

Vor dem Tode fürchte er sich nicht, sagte er mir vor zwei Jahren, wichtig sei das Leben: «Das Ende spielt keine Rolle. Sie müssen selbstverständlich damit rechnen, aber es wird überraschend sein. Der Tod kommt nur einmal in Ihr Leben.»

Und auch über ein Leben nach dem Tod wollte der Lebensbejaher Hans Erni nicht spekulieren: «Daran müssen Sie nicht denken. Das kommt oder kommt nicht.»

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