Die Welt ist empört. Die Kunstwelt dagegen reagiert begeistert auf Donald Trumps Mauerpläne an der Grenze zu Mexiko. Bevor Sie nun ungläubig oder wütend die Zeitung zerknüllen: nehmen Sie sich einen Moment Zeit. Denn die Realität ist wieder mal ein bisschen komplexer als die Schlagzeile.

Die Geschichte der Empörung über Trumps Wahl-Slogan, eine Mauer zu bauen, kennen Sie. Auch dass er noch immer gewillt scheint, seine Idee durchzusetzen. Zwar ist weder das Geld gesprochen noch der definitive Entscheid gefällt – aber bereits haben amerikanische Firmen im Auftrag der United States Customs and Border Protectionals zu Testzwecken und als Bewerbung fürs Ganze acht Prototypen erstellt. Riesige Stücke, über neun Meter hoch, die zwischen Hütten und dem Nichts in der Halbwüste stehen. Exakt in Reih und Glied ausgerichtet, in präzis abgezirkelten Abständen erheben sich die sorgfältig gefertigten Teile. Teils gemauert oder aus Betonteilen, teils aus Metall gefertigt, mal monolithisch, mal als durchbrochene Gitter, manche von Rundungen, andere von Abschrägungen gekrönt. Kostenpunkt 320'000 bis 480'000 Dollar – pro Stück.

Skurril sieht das aus. Aber auch imposant, ja gar schön. Und damit kommen wir zur Begeisterung. Diese acht Prototypen seien ein grossartiges Land-Art-Projekt und müssten als Kunst betrachtet und erhalten werden. Das proklamiert die extra dafür gegründete Non-Profit-Organisation MAGA. Diese Nachricht kursiert seit einigen Tagen auf Kunstportalen. Hinter MAGA steckt – welche Überraschung für uns – der Schweizer Künstler Christoph Büchel. Das enthüllte die «New York Times». Büchel forderte im Namen von MAGA Präsident Trump auf, die Mauerteile Kraft eines präsidialen Gesetzes von 1906, dem Antiquities Act, zum Kunstwerk zu erklären. Seine Begründung: «Diese Mauerteile sollten bewahrt werden, weil sie viel über unsere Geschichte berichten.» Er betont ihre «unglaublich konzeptuelle Wirkung und visuelle Stärke» und sagt, sie seien nicht nur ein Werk Trumps oder der US-Grenzbehörde, sondern ein kollektives Kunstwerk. Er vergleicht die Prototypen gar mit dem prähistorischen englischen Stonehenge.

Raffinierte Strategie

Zur Strategie Büchels passt auch der Name MAGA. Er steht für den Trump-Slogan «Make America Great Again». Aber vielleicht auch – und wie man es dem subversiv agierenden Büchel zutraut – für «Make Art Great Again». Als politischen Akt will der Künstler die Aktion nicht sehen. Seine politische Haltung zur Sache sei uninteressant. Typisch auch: Sein Name taucht nirgends auf der Website von MAGA auf (www.borderwallprototypes.org).

Statt zu Protesten gegen den Mauerbau lädt er lieber zu Besichtigungstouren ein. Man kann sie online buchen, entweder vom amerikanischen San Diego oder vom mexikanischen Tijuana aus. Bis Ende Januar sind sie allerdings ausgebucht. Wer will, kann aber auch privat hinfahren – Visum für Mexiko nicht vergessen!

So ernsthaft die Proklamation der Mauer-Prototypen als Landart wirkt, so ironisch muten das Prozedere und das betonte Vermeiden von provokanten Tönen beim MAGA-Auftritt an. Es sei denn, man denkt die raffinierte Strategie selber weiter: Wenn Trump die Prototypen zur Kunst erklärt, werden sie als Zeitzeugen zum Touristenmagneten (wie die Mauerreste in Berlin) – und vor allem wird der Mauerbau hinfällig, ja gar unmöglich. Fehlt also nur noch Trumps Wille, sich auch als Künstler zu sehen.