Musikszene
Schweizer Jazz hat seine Aushängeschilder verloren – aber Junge stossen nach

Die grossen Aushängeschilder des Schweizer Jazz sind verstorben oder in reiferem Alter. Nun findet eine neue Generation von Schweizer Jazzmusikern international Gehör.

Stefan Künzli
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Rusconi

Rusconi

2012 war ein schwarzes Jahr für den Schweizer Jazz. Nacheinander starben die Jazz-Pioniere Hazy Osterwald, Flavio Ambrosetti und Kurt Weill, die alle für die Entwicklung des modernen Jazz entscheidende Impulse gegeben haben. Höhepunkt dieser traurigen Serie war der Tod von George Gruntz im Januar 2013, der mit seinem Schaffen weit über die Landesgrenzen ausstrahlte und den europäischen Jazz prägte.

Der Schweizer Jazz hat seine grössten Aushängeschilder verloren. Als wichtigste Botschafter dieser Generation der Pioniere sind die Schlagzeuger Pierre Favre (am 2. Juni 76) und Daniel Humair (am 23. Mai 75), Trompeter Franco Ambrosetti (71) sowie die Pianistin Irene Schweizer (am 2. Juni 72) verblieben.

Umso erfreulicher ist, dass eine Generation nachstösst und daran ist, die grosse Lücke zu füllen, die die Pioniere hinterlassen haben. Zum Beispiel das Schweizer Trio Rusconi. Der Pianist Stefan Rusconi ist schon vor zwei Jahren mit dem wichtigsten deutschen Jazzpreis, dem Echo Jazz, als bester Pianist ausgezeichnet worden. Jetzt ist er mit seinem Trio erneut für einen Echo Jazz nominiert worden. In der Kategorie „Live-Act des Jahres" steht Rusconi neben internationalen Stars wie Wayne Shorter, Esperanza Spalding, Enrico Rava und Rudresh Mahanthappa zur Wahl. Chapeau!

Dabei ist Rusconi keine Ausnahme. Im letzten Jahr konnte die Schweizer Jazzszene mit David Klein und Max Frankl gleich zwei „Echo Jazz"-Auszeichnungen für sich beanspruchen. Frankl ist zwar Deutscher, er lebt aber seit Jahren in der Schweiz und hat sich an den Jazzschulen in Basel und Luzern ausbilden lassen. Der Basler Bandleader Klein gewann den Echo für sein Projekt mit der deutsch-iranischen Sängerin Jasmin Tabatabai.

International Spuren hinterlassen hat im letzten Jahr auch Jazztrompeter Peter Schärli, der mit seinem Projekt mit der Sängerin Ithamara Koorax im letzten Jahr schon zum zweiten Mal auf die «Longlist» der amerikanischen Grammy Awards gewählt wurde.

„Der Schweizer Jazz wird internationaler" schreibt der Festivalleiter Urs Röllin in seinem Editorial zum Jazzfestival Schaffhausen, das nächste Woche stattfindet und in seiner Werkschau Musikerinnen und Musiker wie Sylvie Courvoisier, Samuel Blaser, Fredy Studer, Susanne Abbuehl, Christoph Stiefel und Lucas Niggli präsentiert, die sich international etabliert haben.

Die internationalen Erfolge der Schweizer Jazzmusiker sind auch „SpiegelOnline" nicht verborgen geblieben. Unter dem Titel „Die Groove-Grossmacht" heisst es in einem Artikel vom 30. März: „Die Schweiz ist eine wahre Macht im europäischen Spiel der Jazzkräfte. Der Kleinstaat hat zwar weniger als ein Zehntel der Einwohner von Deutschland, aber im Bereich des Jazz gehört er zu den Führungsnationen des Kontinents". Trotz dem Tod von Gruntz bleibe die Schweiz „ein Jazz-Land".

Für Spiegel sind drei Faktoren für den internationalen Erfolg des Schweizer Jazz verantwortlich: Die sieben Schweizer Musikhochschulen mit ihren Jazzabteilungen und den zum Teil renommierten Lehrern aus aller Welt, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die den Jazz priritär fördert sowie das Schweizer Radio SRF, das jährlich bis zu vierzig Produktionen für CDs finanziert.

Peter Bürli, Redaktionsleiter Jazz von SRF, relativiert gegenüber der Nordwestschweiz die Bedeutung von Radio, Pro Helvetia und Jazzschulen. „Alle Drei können nur die Voraussetzungen für den Erfolg, das Fundament für eine blühende Landschaft legen", sagt er, „wir sind für die Breitenförderung zuständig. Für den Durchbruch auf internationaler Ebene können wir wenig beitragen".

Und das ist heute im Jazz entscheidend. Wer von der improvisierten Musik Erfolg haben und davon leben will, der muss die Landesgrenzen überschreiten und international tätig werden. Ausdruck dieser Internationalität sind Bands wie jene des französischen Trompeters Erik Truffaz mit seiner Schweizer Band, das Powertrio Depart mit dem Österreichischen Saxofonisten Harry Sokal und den Schweizern Heiri Kaenzig (Bass) und Jojo Mayer (Schlagzeug) oder die Band des in Luzern lehrenden Schlagzeugers Gerry Hemingway mit dem Genfer Pianisten Michel Wintsch und dem Berner Bassisten Bänz Oester, das ebenfalls international ergänzt ebenfalls in Schaffhausen auftreten wird.

Gemäss Bürli haben hier die Labels die zentrale Aufgabe, die internationale Wahrnehmung ihrer Musiker zu stärken. Es gäbe aber nur wenige Labels, die punkto Promotion ihre Hausaufgaben wirklich gut machen würden. In der Schweiz ist es nur das Label „intakt", des umtriebigen Labelchefs Patrik Landolt, das mit MusikerInnen wie Sylvie courvoisier, Irene Schweizer und Lucas Niggli international eine gewisse Wirkung hat. Landolt kämpft aber mit den knappen Mitteln. Aus dem Vollen schöpfen können dagegen die beiden deutschen Jazzlabels „Act" von Siggi Loch (Depart sowie der Freiburger Pianist Thierry Lang) und vor allem das renommierte Münchner Label „ECM" von Manfred Eicher. „Wer bei ECM unter Vertrag ist, wird international beachtet. Das ECM-Label kommt einer Adelung gleich" sagt Bürli.

Doch auch hier sprechen eine ganze Reihe von Schweizer ECM-Künstlern für die Stärke des Schweizer Jazz. Seit 2006 hat Nik Bärtsch mit seiner Band Ronin bereits vier Alben beim Münchner Label produziert. Dazu kommen der welsche Pianist Colin Vallon (Rruga, 2010), die Schweizer Sängerin mit albanischen Wurzeln Elina Duni, die 2012 mit dem Album „Matanë Malit - Beyond the Mountain" eingeschlagen hat sowie die Sängerin Susanne Abbühl, die seit 2001 bei ECM unter Vertrag ist und Anfang Mai „The Gift", das dritte ECM-Album veröffenlicht hat. Neu zur ECM-Familie ist in diesem Jahr auch der Genfer Saxofonist Nicolas Masson mit dem Album „Third Reel". Erfreuliche Aussichten für den Schweizer Jazz.

Sylvie Courvoisier – Mark Feldman Live At Theatre Vidy, Lausanne, Intakt. Erscheint am 17. 5.

Elliott Sharp – Melvin Gibbs – Lucas Niggli Crossing The Waters, Intakt.

Susanne Abbühl The Gift, ECM. Erscheint am 17. 5.

Nicolas Masson Third Reel, ECM.

24. Schaffhauser Jazzfestival
22.–25. Mai. www.jazzfestival.ch

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