Usama, gertenschlank und hochgewachsen, überragt alle, nur die Bäume überragen ihn. Sie haben Wurzeln, er hat neue Wurzeln schlagen müssen, 2002, als er vor dem Regime aus dem Irak fliehen musste. Wenig später wurde Saddam gestürzt.

Usama kam hier an, überfordert und traurig. Welche Fläche konnte er sich nehmen? «Du bist kein Schweizer, das ist das Problem.» B-Ausweis, heuer hielt er die 1.-August-Rede in Appenzell. «Wie kannst du dazugehören, nicht nur akzeptiert werden?» Er hat arabische Literatur studiert und acht Bücher verfasst, hier kniete er sich in die deutsche Sprache, weil nur sie hilft, sich zu integrieren.

Ein Leben zwischen zwei Kulturen? «Es gibt kein Zwischen, mein Leben liegt in der Fremde», sagt Usama Al Shahmani ernst und lacht in der nächsten Sekunde dieses unerschütterliche Lachen, zeichnet Wörter und Welten mit seinen grossen Händen. «Was lindert die Fremde? Jemand hört dir zu und macht dich zugehörig.» Freundschaft brauche kein Geld, keine Zeit, sondern dass du dazugehörst.

Hürlimann übersetzt

Usama lebt! Er schreibt und übersetzt ins Arabische, Thomas Hürlimanns «Fräulein Stark» oder Friedrich Schleiermachers «Über die Religion». Er arbeitet wie seine Frau Nada, die im Thurgau aufgewachsen ist. Ithar (12) und Yara (3) sind hier geboren, Usama versteht den Dialekt inzwischen, hat Freunde gefunden.

Und er trägt eine schwindende Hoffnung in sich: dass sein Bruder Ali noch lebt. Als Usamas Asylverfahren lief, verschwand Ali spurlos aus Bagdad. Usama plagten Schuldgefühle, hier waren ihm die Hände gebunden. Er schrieb sein zweites Buch über Ali, die Diktatur, die Bäume.

Warum hat Usama die Geschichte von Ali aufgeschrieben? «Ich wollte ihm Licht schenken, wollte ihn am Leben lassen – und das geht nur in der Literatur. Die Sprache ist mehr als Buchstaben. Sie ist ein Lebewesen, das gedemütigt und instrumentalisiert werden kann.»

Usama sieht sich als Teil eines Projekts, das Licht in den Irak bringt. «Ich habe Ali aufgegeben, aber nicht die Hoffnung auf das Licht.» Und Usama sagt Sätze wie «Ein Fluss bleibt, das Wasser nicht» oder «Es gibt keinen Schlag, der uns stärker macht».

2017 reiste er in den Irak, besuchte Familie und Verwandte, suchte nach einer Antwort auf die Frage: Wo ist der Irak jetzt? «Es ist schrecklich, es verschlägt dir die Sprache», sagt er. «Wie kann ich in meinem Buch etwas Unvorstellbares vorstellbar machen?» Er trifft alte Freunde, aber worüber sollen sie reden nach fast zwanzig Jahren, wenn nur das Vergangene geblieben ist, das erzwungene Schweigen unter Saddam, die «unvorstellbare Angst»?

Der Wald als Heimat?

Usama sagt ernst: Wo ist der Geschmack der Heimat? In der Natur hat er eine Kraftquelle gefunden, «sie ist unsere Mutter – und sie sagt nie Nein». Er geht in den Wald wie früher in den Hamam. «Ich tanke auf im Wald, dann kann ich besser mit Dingen umgehen und Antworten finden.» Etwa den schwierigen Einstieg in einen Text.

Wenn er seinen Sohn mitnimmt, sagt Ythar: «Papi, du bist anders im Wald.» Die Bäume, die Wälder sind Usama zu einer neuen Heimat geworden. «Dank der Natur konnte ich weiterleben und meine Gefühle erneuern und frisch erhalten.» Im Irak einen Wald zu betreten, bedeute, das Ungewisse zu betreten – in der Schweiz sei er der einzige Ort der Gewissheit. Usama redet mit den Bäumen, das hat er von seinem Grossvater gelernt. Der Olivenbaum etwa ist ihm ein Wunder, ein Zauber, das Heilige.

Immer wieder kehrt unser Gespräch zum Begriff der Heimat zurück. «Heimat ist unersetzbar, Teil des Herzens, sie kann aber auch leer bleiben und unmenschlich.» Usama erinnert sich an Stimmen, an Geschmäcker wie jenen von Datteln, Granatäpfel und Feigen, nicht nur an Bilder. Und immer wieder Dankbarkeit.

Ist Usama Al Shahmani hier daheim? «Ja, aber die Schweiz ist nicht meine Heimat.» Auch in den Irak kann er nicht heimkommen, kann sein Geburtsland und geliebte Menschen nur besuchen. Im Irak, «wo sich Euphrat und Tigris umarmen», fühle er sich fremder als hier; das Land hänge an einem dünnen Faden, drohe wieder in Dunkelheit zu versinken. «Die Freiheit ist eine grosse Herausforderung, der Irak muss sie wieder lernen.»

Sein Traum? «Richtig Fuss fassen hier. Dass meine Kinder erfahren, was ich erlitten habe.» Erfährt er auch Neid? «Versteckt vielleicht. Schweizer reagieren nicht ablehnend, aber zurückhaltend, meist mache ich den ersten Schritt.»

Usama Al Shahmani «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch». Limmat 2018, 192 S.