Offener Brief

Schriftsteller Pedro Lenz zu Wutschreiber Lukas Bärfuss: «Ich warne dich»

Pedro Lenz antwortet mit einem offenen Brief auf Lukas Bärfuss' Wutschrift.

Pedro Lenz antwortet mit einem offenen Brief auf Lukas Bärfuss' Wutschrift.

Der Autor Lukas Bärfuss rechnet im deutschen Feuilleton mit der Schweiz ab, schonungslos. Der Oltner Dichter, Schriftsteller und Kolumnist Pedro Lenz antwortet in einem offenen Brief.

Die beiläufige Frage der Kassierin im Grossverteiler, ob man Suisse Mania sammle, birgt seit Donnerstag politische Sprengkraft. Der Schweizer Erfolgs-Autor Lukas Bärfuss benutzte die Werbeaktion des grössten Schweizer Detailhändlers in einem Essay in der deutschen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» als Sinnbild für alles, was hierzulande falsch läuft. Und das ist laut Bärfuss einiges.

Wütend prangert er unter anderem die fehlende Europa-Debatte («ein vergifteter Trank, von dem zu kosten sich selbst robuste Naturen nicht trauen»), das altersschwache Atomkraftwerk Beznau («produziert ebenso zuverlässig Strom wie Störfälle») und einen Rechtsruck in den Schweizer Medien an («Muss man sich um sie Sorgen machen? Man muss nicht, aber man sollte vielleicht»).

Der Text verbreitete sich über die sozialen Netzwerke in kürzester Zeit – und wird kontrovers diskutiert. Wird die Schweiz von selbstzufriedenen Zwergen bevölkert, die erstaunt feststellen, dass sie das Ausland plötzlich auch wie Zwergen behandelt? Die Debatte ist eröffnet.

Der Oltner Dichter, Schriftsteller und Kolumnist Pedro Lenz antwortet in einem offenen Brief.

Offener Brief von Pedro Lenz

Lieber Lukas Bärfuss

Für die Ausgabe der «FAZ» von Donnerstag hast Du gehörig in die Tastatur geklopft. Mit scharfer Brillanz beklagst Du den Zustand unseres Heimatlandes, der Medien, der Kultur, der Politik. Du gehst mit Deiner Wortmacht in die Offensive, machst Querverbindungen und stellst Zusammenhänge her, die bisher niemand sonst herstellen konnte oder wollte. Bestimmt hast Du mindestens eine Nacht dafür geopfert. Die Nacht war es wert. Du tust in Deinem Text genau das, was viele von uns Schweizer Autoren aufgehört haben zu tun. Du tust das, wozu wir von der Öffentlichkeit immer wieder aufgerufen werden, wenn die Leute uns an Lesungen oder in Podien vorjammern: «Früher gab es noch Schriftsteller wie Frisch und Dürrenmatt, die etwas zur Lage der Nation zu sagen hatten. Aber heute ...»

Auch wenn es nicht zu meinen Hauptaufgaben gehört, einen Autorenkollegen zu bewerten, erlaube ich mir, Dir zu schreiben, dass mich Dein Text sehr lesenswert und mutig und vor allem richtig und wichtig dünkt. Deine Worte im Essay haben diesen beinahe vergessenen Muhammad-Ali-Flow, diese Kraft, die auf Leichtfüssigkeit beruht, sie schweben wie Schmetterlinge und stechen wie Bienen. Hab lieben Dank dafür.

Nur vor etwas will ich Dich warnen, lieber Bärfuss. Ich warne Dich vor der Rache derer, die Du herausforderst. Es gibt nichts gratis bei uns, nicht einmal die Gratispresse ist gratis. Sie werden Dich plagen. Sie werden Dir anonyme Hassmails senden. Sie werden in Kommentarforen alles Mögliche über Dich schreiben, nicht über Deinen Text, denn diesen Text werden viele derer, die Dich angreifen, gar nicht gelesen haben. Auf Dich als Person werden sie zielen, plump, aber böse, so wie es die Intellektuellen-Jäger der «Weltwoche» schon vorgemacht haben. Diese Jagd kann gnadenlos sein. Und ich bete für Dich, dass Du die Kraft hast, Dich nicht mundtot machen zu lassen.

Die gleichen Leute, die heute mit verklärtem Blick von der guten alten Zeit reden, als es in der Schweiz noch Intellektuelle vom Format eines Frisch oder Dürrenmatt gegeben habe, werden sich nicht zu schade sein, Dir mit breitem Strahl ans Bein zu pinkeln. Auch Frisch und Dürrenmatt mussten für ihre, heute offenbar so vermissten, politischen Texte bezahlen. Manche haben vielleicht schon vergessen, wie Dürrenmatt unmittelbar nach seiner Rede an Havel als nicht mehr zurechnungsfähig abgeurteilt wurde. Und die Fiche, die der Staatsschutz über Max Frisch angelegt hat, zeugt vom Hass vieler kleiner Zuträger, die sich für keine Denunziation zu schade waren.
Es nützt Dir auch nichts zu wissen, dass in einigen Jahren, wenn wir längst tot und verfault sind, die Kinder Deiner heutigen Kritiker sagen werden: «Früher gab es noch Autoren wie Lukas Bärfuss, die etwas zur Lage der Nation zu sagen hatten. Aber heute ...»

Dein Vorteil ist, dass Du breit aufgestellt bist, dass viele Deiner Stücke und Bücher auf der ganzen Welt gespielt und gelesen werden. Du bist in dem Sinn privilegiert, dass Du nicht auf einen sicheren Job bei diesem oder jenem Medienhaus angewiesen bist. Doch ausser Dir gäbe es noch andere, die ähnliche Freiheiten geniessen und trotzdem den Mund halten, weil es einfacher ist, bei Sturmwind den Kopf tief zu halten. Und genau das, lieber Bärfuss, genau diese Unabhängigkeit, die Du Dir im Lauf vieler arbeitsreicher Jahre erarbeitet hast, werden Dir diejenigen um die Ohren hauen, die auf einen Monatslohn bei irgendeinem Konzern angewiesen sind. Ich höre sie schon aufschreien. «Der freie Künstler hat es leicht, der kann einfach kritisieren, muss ja selbst niemandem Rechenschaft ablegen!» Womit dann bewiesen sein wird, dass es um die Redefreiheit hierzulande nicht so gut bestellt ist, wie manche noch immer glauben. Der Aufschrei wird von den gleichen Leuten kommen, die unser Land seit Jahren international ins Abseits stellen. Es werden Dich die gleichen Volksverhetzer denunzieren, die mit Begriffen wie Swissness und Heimat um sich werfen, während sie mit der ganzen Welt Geschäfte jeder Art machen, die gleichen, für die Steuerbetrug noch immer eine Lappalie ist. Es werden Dich die abschiessen, die so lange wiederholt haben, sie seien die Retter der Heimat, bis niemand mehr daran gedacht hat, sie zu fragen, vor wem und vor was sie wessen Heimat retten wollen.

Vielleicht brauchst Du meine Warnungen nicht, weil Du selber längst haargenau weisst, was Du mit Deinem Essay in der «FAZ» ausgelöst hast und noch auslösen wirst. Und möglicherweise war Dir auch längst klar, dass die Debatte nicht über den Inhalt Deines Textes gehen wird, sondern über die Tatsache, dass Du Dich erfrecht hast, ihn überhaupt zu schreiben.

Wenn Du also meine Warnungen alle gar nicht brauchst, so sei wenigstens sicher, dass Du in Olten noch einen Berufskollegen hast, der Dich achtet und der sich zuweilen ein bisschen dafür schämt, dass er selbst nicht die Kraft und die Schreibmacht aufbringt, es Dir gleichzutun. Häb der Sorg Lüggu.

Herzliche Grüsse,
Pedro Lenz

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