Interview

Schriftsteller Meir Shalev: «Netanjahu hat keine Vision für Israel»

Meir Shalev: «Ich weiss nicht, ob wir Israeli das Politisieren lieben, aber es gehört bei uns zum Alltag.»

Meir Shalev: «Ich weiss nicht, ob wir Israeli das Politisieren lieben, aber es gehört bei uns zum Alltag.»

Der israelische Schriftsteller Meir Shalev schreibt über die Liebe und spricht über die Politik. Im Interview erzählt er, wieso er sich über den schwierigen Ausgang der Wahlen freut – und warum die Europäer mehr Geduld mit Israel haben sollen.

Als ihn der Telefonanruf für das Interview erreichte, bat Meir Shalev um einen kurzen Aufschub. Er müsse vor dem Gespräch noch schnell eine Frage der Redaktion zu seiner nächsten Kolumne beantworten. Jede Woche äussert sich der Bestsellerautor dort zu Fragen, die das Land bewegen. Und er tut es stets witzig, ironisch und mit klaren Botschaften. Shalev ist einer der prominentesten Querdenker Israels.

Herr Shalev, worüber lassen Sie sich in Ihrer Kolumne der Tageszeitung «Yedioth Achronot» aus?

Meir Shalev: Dass ich die Nase voll habe von Politik, von all den Interpretationen der Wahlergebnisse oder den Voraussagen, wer mit wem eine Koalition bilden werde.

OK, dann sprechen wir doch am besten gleich über Politik.

(Lacht). OK. In Israel verfolgt einen das Thema Tag und Nacht. Wir werden nun etwa während anderthalb Monaten kein anderes Thema kennen.

Israeli lieben es eben zu politisieren.

Ich weiss nicht, ob wir das Politisieren lieben, aber es gehört bei uns zum Alltag. Die Themen gehen uns nie aus. Sehen Sie, vor einigen Jahren war ich auf einem Schiff unterwegs von Griechenland nach Kreta, und da kam ich mit einer jungen Frau aus Neuseeland ins Gespräch. Sie wolle in Neuseeland leben, sagte sie mir, weil es dort Schlagzeilen wie «Sechs Schafe starben in Brown’s Farm» gebe. Bei uns sei das anders, erklärte ich ihr, die Schlagzeilen seien stets über Politik und Krieg. In der Schweiz ist das sicher anders.

Ja, und wir sind glücklich darüber.

Kann ich gut verstehen. «Mögest Du ein langweiliges Leben haben,» wünschen sich die Chinesen.

Wie kommt es, dass sich die israelischen Wähler in der vergangenen Wochen ein zweites Mal innerhalb von fünf Monaten nicht entscheiden konnten, wen sie als Regierungschef wollen?

Das ist doch kein Problem. Ich freue mich sogar darüber.

Aber sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass Sie das spannend finden!

In den letzten 30 oder 40 Jahren haben Israeli mit ganz wenigen Ausnahmen stets für den Likud gestimmt. Das ist jetzt das erste Mal seit langem, dass die Hälfte Israels aufsteht und sagt «genug», «nie mehr Krieg». Unglücklicherweise ist es zwar nur die Hälfte der Wähler, die so denkt. Aber der Widerstand gegen den Likud ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Linke und die Mitte an Stärke und Einfluss gewinnen.

Ich bitte Sie: Israels Linke ist doch nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Die linke Meretzpartei, für die ich gestimmt habe, hat in der Tat nicht sehr gut abgeschnitten. Aber wenn man zur Meretz die Blau-Weiss-Partei von Benny Gantz und die Arbeitspartei hinzuzählt, ergibt sich ein ziemlich starker Widerstand gegen eine rechts-religiöse Koalition. Und ich hoffe, dass die Linke weiter an Stärke zulegen wird.

Worauf stützen Sie diese Hoffnung?

Eine Mehrheit der Rechten lebt in den Siedlungen auf der Westbank und in den peripheren Regionen Israels, denen es wirtschaftlich schlechter geht als der Bevölkerung in den Zentren. Obwohl Netanjahu ein sehr reicher Mann ist, der aus einer angesehen Familie stammt, ist es ihm gelungen, viele Leute in der Peripherie und in den Siedlungen davon zu überzeugen, dass auch er unterprivilegiert sei. Deshalb können sie sich mit ihm identifizieren. So hat er es geschafft, dass die weniger privilegierten Leute zu ihm halten.

Dieses Phänomen kennen wir auch aus anderen Ländern.

Bei uns scheint es mir aber besonders ausgeprägt. Israels Intellektuelle, Autoren und Künstler, die beim Aufbau des Staates massgeblich beteiligt waren, sind jetzt eine unterdrückte Minderheit. Als ich im Sommer den Ehrendoktortitel der Hebräischen Universität in Jerusalem erhielt und im Namen aller Geehrten die Ansprache halten durfte, begann ich die Rede mit dem Satz «sehr geehrte Elite». Dafür erntete ich Applaus und Gelächter.

Weshalb Gelächter?

Das Publikum verstand die Ironie. Denn die Anwesenden waren in Tat und Wahrheit die Elite vergangener Tage.

Vielleicht haben Sie den Kontakt zur Basis verloren. Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren stark verändert – denken Sie nur an die hohen Geburtenraten der Ultra-Orthodoxen.

Ach was! Zu niemanden habe ich den Kontakt verloren. Ich kenne Leute aus allen Schichten der Gesellschaft. Zudem ist die Elite keine organisierte gesellschaftliche Gruppe mit einer privaten Regierung, die unser Denken bestimmt. Wir sind Individuen. Aber die Elite erlebt in Israel viel Feindseligkeiten. Heute aber schätzt das grosse Publikum in Israel die Gelehrten der akademischen Welt nicht mehr in diesem Masse.

Früher hat sich ein grosser Teil der Elite für die Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt: Hier Israel, dort Palästina. Wenn die Elite jetzt nichts mehr zu sagen hat, ist damit auch die Zwei-Staaten-Lösung tot?

Das Problem zwischen Israeli und Palästinensern wird noch auf viele Jahre hinaus ungelöst bleiben. Natürlich unterstütze ich jede friedliche Lösung. Aber ich bin überzeugt, dass es Zeit meines Lebens zu keinem Friedensvertrag mit den Palästinensern kommen wird. Manchmal erinnere ich meine europäischen Gesprächspartner daran, dass es in der europäischen Geschichte, seit der Zeit der Kreuzfahrer bis nach dem Zweiten Weltkrieg keine Woche Frieden gegeben hat. Nicht eine. Was wir jetzt als Nahostkonflikt bezeichnen, ist eine sehr kurze Periode im Vergleich zur langen Kriegsepoche in der europäischen Geschichte. Deshalb plädiere ich dafür, dass ihr in Europa jetzt etwas mehr Geduld mit uns habt. Ich sage es nochmals: Unser Konflikt wird sich nicht schnell lösen lassen. Denn es gibt viele jüdische Fanatiker, und es gibt noch mehr muslimische Fanatiker.

Wer ist denn Ihre grosse Hoffnung in der israelischen Politlandschaft?

Ich ziehe Gantz dem bisherigen Premier vor.

Weshalb?

Weil ich ihm bisher noch keine Fehler nachweisen kann. Netanjahu hat sich demgegenüber als schlechter Politiker entpuppt.

Was hat er denn falsch gemacht?

Er hat keine Vision für Israel in 10 oder 20 oder 50 Jahren entwickelt, geschweige denn in Angriff genommen. Stattdessen beschränkt sich Netanjahu darauf, Probleme kurzfristig anzugehen. Er ist kein Staatsmann, der an die Zukunft des Staates denkt. Er lebt nicht einmal seiner eigenen ideologischen Überzeugung nach.

Wie meinen Sie das?

Obwohl er politisch rechts steht, hat er in all den Jahren, die er an der Macht war, die Westbank nicht annektiert.

Sie werfen ihm das als Linker aber nicht im Ernst vor?

Ich will damit nur eines zeigen: Netanjahu löscht nur kleine Feuer, aber er denkt nicht in grossen Kategorien.

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