Fast acht Jahre hat Breslau darauf hingearbeitet. Auf dieses Jahr, wo die polnische Stadt zusammen mit dem baskischen San Sebastian europäische Kulturhauptstadt ist. 400 Projekte und 1000 Veranstaltungen aus allen Sparten sind 2016 geplant, darunter viel Exklusives, Hervorragendes. Doch nun wird Polen just dieser Tage von einer national-konservativen Regierung im Eiltempo umgekrempelt. Meinungen und Medien werden eingeschränkt – und schon droht den ersten Kulturveranstaltungen die Zensur. Die herrschende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Jarosław Kaczyński fordert mehr Patriotismus, mehr Heldengeschichten. Polen soll positiv dargestellt werden. Kritische Köpfe wie der Anvantgarde-Theaterregisseur Jan Klata bangen um ihre Jobs. Just im Breslauer Teatr Polski wollte der neue Kulturminister bereits letzten Herbst, wenige Tage nach Amtsantritt, die Aufführung von Elfriede Jelineks «Der Tod und das Mädchen» verhindern – wegen einer Sexszene.

Tod und Vertreibung

Breslau ist wieder mittendrin in den Umwälzungen der Geschichte. Bewegt und heftig ist die Vergangenheit der über Jahrhunderte Deutschland zugehörigen Stadt; immer wieder war sie Epizentrum europäischer Beben. Während des Zweiten Weltkriegs wurden fast alle 25 000 jüdischen Einwohner in Konzentrationslager abtransportiert und umgebracht. Zum Kriegsende war die Stadt zu 75 Prozent zerstört. Danach wurde die Grenze von den Alliierten neu gezogen. Das bis dahin deutsche Breslau wandelte sich zum polnischen Wrocław. Die deutschen Bewohner wurden – zu einem grossen Teil gewalt-
sam – vertrieben. Handkehrum zogen andernorts vertriebene Polen ein. So wurde die Einwohnerschaft dieser Stadt innert weniger Monate komplett ausgetauscht.

100 000 neue Jobs

Heute steht die Stadt eigentlich gut da. Schön restauriert, jung, lebendig. Der parteilose Stadtpräsident Rafał Franciszek Dutkiewicz hat viele gute Gründe, stolz zu sein auf seine Stadt. An einer Präsentation in der polnischen Botschaft in Bern stellte er im Dezember einige Eckpunkte vor: 630 000 Einwohner, davon rund 140 000 Studenten. Viertgrösste Stadt Polens, 350 Kilometer von Berlin entfernt, 344 von der Haupt-stadt Warschau. Wirtschaftliche Nummer zwei Polens. Sitz internationaler Firmen
wie Nestlé, UBS, CS. Arbeitslosigkeit unter 4 Prozent; 100 000 neu geschaffene Jobs seit 2004, seit Polen zur EU gehört – Breslau profitierte besonders von der Grenznähe zu Deutschland und Tschechien.

Die EU-Gelder scheinen gut und gezielt eingesetzt worden zu sein. Neben erschwinglichem Wohnraum sind mit EU-Hilfe grosse Prestigebauten entstanden: Die Millenniumbrücke etwa, das «Kino ohne Popcorn» für Liebhaber anspruchsvoller Filme oder das im September eröffnete Nationale Musikforum, ein moderner Kulturpalast mit akustisch perfekten Konzertsälen. Nun setzt man laut Stadtpräsident verstärkt auf Kreativwirtschaft, noch mehr Offenheit, Internationalität. «Wir glauben an die Kultur als wirtschaftliche Chance und an die Kultur als Domäne, in der der Mensch sich am besten entwickelt», sagt Dutkiewicz: «Je mehr in Kultur investiert wird, desto attraktiver eine Gesellschaft».

Angst vor Zensur?

Nach einem weiteren Vortrag werden die Journalisten und weitere Gäste auf der Botschaft mit köstlichen Maultaschen gefüttert (eine Art Ravioli). Da fällt es natürlich schwer, die Gastgeber nach Maulsperren zu fragen. Pardon, Herr Stadtpräsident, aber befürchten Sie nicht, dass ein Teil des Kulturprogramms von den neuen Machthabern zensuriert werden könnte? Nein, das glaube er nicht, das sei alles schon lange aufgegleist. Und was ist mit den rechtsextremen Demonstranten, die kürzlich auf dem Marktplatz die lebensgrosse Puppe eines orthodoxen Juden verbrannt haben? Ein schrecklicher Vorfall, er selbst habe Anzeige gegen die Täter erstattet, betont Dutkiewicz.

Aber Rechtsextremismus sei kein spezifisch polnisches Phänomen, sondern, wie man sehe, ein europäisches. Breslaus Stadtpräsident und auch Polens Botschafter in Bern, Jaromir Sokołowski, reagieren auf heikle Themen mit der Betonung der eigenen Werte: Offenheit, Internationalität, Demokratie.

Die zur absoluten Mehrheit gelangte Regierungspartei scheint genau diesen Werten diametral entgegenzustehen. «Sie wollen eine bestimmte Kunst», zitiert die «Zeit» Dramaturg Piotr Gruszczynski. «Und ich befürchte, diese Kunst ist so ungefähr das Gegenteil davon, was wir hier machen. Sie könnten in wenigen Monaten all das zerstören, war wir über viele Jahre aufgebaut haben.»

Am 1. Mai werden im Kulturjahr zum Guinness-Buch-Gitarrenrekord noch mehr Spieler als üblich erwartet: 7000 Gitarristen – jeder, der Lust hat, ist willkommen – werden dann zusammen Jimi Hendrix’ «Hey Joe» spielen. «Hey Joe, where you goin’ with that gun in your hand?» Ob sich der Chef der polnischen Regierungspartei, Jarosław Kaczyński, angesprochen fühlen wird?