Die österreichische «Presse am Sonntag» kündigte kürzlich die Rückkehr des Bünzli an, des «hippen Spiessers». Dieser gärtnert oder hat beim Bauern ein Gemüseabo, er kocht selber (mit regionalen Produkten) und kocht ein (Vorrat), er kauft Retro-Möbel, geht in den Bergen wandern und die weiblichen Spiesser stricken wieder – Handgemachtes ist chic.

Das ist kein österreichisches Phänomen. Auch in Zürich oder Basel treffen sich plötzlich junge, moderne Frauen zum Stricken. Und «urban agriculture», der Gemüseanbau in der Stadt, den die Bewohner nordamerikanischer Grossstädte «hip» machten, findet in Nordeuropa immer mehr Nachahmer. Ob Paris, Berlin oder Basel: Die Zahl der jungen Balkon-, Schreber- und Gemeinschaftsgärtner wächst stetig an.

Trend Nummer Eins: Gärtnern

Die Sehnsucht nach dem eigenen Gärtchen scheint eng mit unserem Lebensstil, unserer Weltvernetzung und der Weltlage zusammenzuhängen. «Immer mehr Menschen mit Burnout wählen für ihre Gesundung eine Beschäftigung im Garten», ist Wulf Rössler, Direktor der Klinik für Soziale Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Zürich, aufgefallen. Der Kontakt zur Natur spiele zunehmend eine wichtige Rolle. «Die Menschen verstehen die Welt nicht mehr. Finanzkrise, drohende Arbeitslosigkeit, Fukushima, Klimawandel und Völkerwanderung machen Angst und ohnmächtig. Gartenarbeit erdet, holt uns zurück auf den Boden», erklärt sich Wulf Rössler das Interesse an der Gartenhacke. Die Gemeinschaftsgärten sind aber auch ein Statement gegen das neoliberale Regime und den globalen, Ressourcen verschleissenden Handel: «Local food for local people» lautet das Motto der meisten Stadt-«Bauern».

«Es gibt ein Unbehagen in der globalen Kultur, daher sucht man das Behagen in der Gartenkultur», sagt der deutsche Philosoph Matthias C. Müller. In seinem Buch «Alle im Wunderland» plädiert er selber für die Rückkehr zum gewöhnlichen Leben. «Wir überleben als Spies-ser – oder nicht» lautet seine These. Sein Bild des Bünzli ist das des ursprünglichen Spiessbürgers aus dem Mittelalter, der seine Stadt und damit seine Freiheit und seine Lebensweise verteidigte. Das Bedürfnis nach dem gewöhnlichen Leben gründe auf dieser Freiheit: Es gehe um die Rückeroberung der Autarkie, der Unabhängigkeit. Die Menschen stellten fest, dass die Staaten ihre Handlungsfähigkeiten verlören, und würden sich deshalb ins Private zurückziehen.

Trend zum Konservativismus

Dies tun auch die Schweizerinnen und Schweizer, wie Umfragen von Demoscope zeigen. Seit 1974 untersucht das Umfrageinstitut das «psychologische Klima» in der Schweiz, versucht herauszufinden, wie sich die Wertehaltungen über die Jahre verschieben.

Heute sind die Schweizer deutlich konservativer als noch zur Jahrtausendwende. Erstmals seit Beginn der Messung stellte Demoscope im vergangenen Jahr eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte und die Tendenz zum Rückzug in die «Trutzburg» – oder in das eigene Gärtchen – fest. Die politischen und ökonomischen Turbulenzen in den vergangenen Jahren hätten zu einer Ernüchterung geführt, interpretiert Demoscope die Umfrageergebnisse.

Die Schweizer richten sich vermehrt nach innen als nach aussen: Gehörten Mitte der 1980er-Jahre Erfolg, materieller Reichtum und eine gepflegte Erscheinung zu den wichtigsten Werten, tendieren die Schweizer neu zu Bescheidenheit. Der Hedonismus, das Streben nach Lustgefühlen und Genuss, nimmt an Bedeutung ab, ebenso das Bedürfnis nach Romantik und der Wunsch, vor der Realität zu flüchten. Dafür ist der Wunsch nach Verwurzelung und Sicherheit grösser geworden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich die Schweizer gemäss der Umfrage tendenziell müde und ambitionslos fühlen und sich nach Ruhe sehnen.

Wider dem Luxus-Sättigkeitsgefühl

Wir sind «luxusgesättigt» , sagt Martin Hofer, Architekt beim Immobilienberatungsunternehmen Wüest&Partner. Die «neue Genügsamkeit», wie er das neue Lebensgefühl nennt, schlägt sich langsam auch in der Architektur nieder. Die jüngsten Gewerbehäuser in Zürich Nord, die Wüest&Partner mitgeplant hat, sind laut Hofer «auf das Wesentliche reduziert, roh und direkt»: Man sieht die Backsteinstruktur, die Bürotische stehen auf Betonböden, die Fenster kann man wieder selber öffnen und die Sonnenstoren werden nicht zentral gesteuert, sondern muss man von Hand rauf- und runterlassen.

Jedes technische Chichi fehlt, auch die zentrale Klimaanlage. Das Gleiche gilt für das neue Wohnen: Die junge Mittelklasse will bescheidener leben als ihre Eltern. Die neue Wohnform nennt sich «affordable housing» – bezahlbares Wohnen. Das deckt sich mit der letzten Umfrage von Wüest&Partner, bei der eine Mehrheit angab, dass die Kosten bei der Wohnungssuche im Vordergrund stünden. In den vergangenen Jahren dagegen waren Helligkeit und Geräumigkeit ausschlaggebend für die Wahl einer Wohnung. Martin Hofer: «Man fragt sich wieder, ob es in einer Dreizimmerwohnung wirklich zwei Badezimmer braucht.»

Trend Nummer Zwei: Weniger Wohnen ist mehr

Das Mehr-haben-Wollen weicht dem Teilen: Wohngemeinschaften und so genannte Cluster-Häuser, in denen zwar alle Bewohner ihre eigene Wohnungen haben, sich aber einen Gemeinschaftsraum und eine Gemeinschaftsküche teilen, sind im Trend. Wüest&Partner plant derzeit mit der Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft «KraftWerk1» in Dübendorf eine solche Cluster-Siedlung.

Dass der Mensch von morgen nicht mehr alles besitzen wolle und Güter vermehrt teilen werde, prophezeien Zukunftsforscher schon länger. Die Zeit des Individualismus sei vorbei. Stattdessen heisse die Devise: «We are family.» Wie in einer Familie werden heute schon Güter wie Autos (Caresharing), sogar Kleider (Kleidertauschpartys), Fähigkeiten (Nachbarschaftshilfe) oder Zeit (gemeinsam gärtnern oder kochen) geteilt. Rachel Botsman, amerikanische Konsumforscherin und Autorin von «What’s Mine Is Yours», ist überzeugt, dass wir gerade dabei sind, uns vom «Hyperkonsumenten» in einen gemeinschaftlichen Konsumenten zu verwandeln. «Wir wechseln von der Ich-Kultur zur Wir-Kultur, in der wir Ressourcen wie Geld, Fähigkeiten und Zeit teilen», glaubt die Harvard-Absolventin. Diese neue Ökonomie, die «Meins-ist-deins-Wirtschaft», werde grosse kommerzielle und kulturelle Auswirkung haben. Denn die Wiederentdeckung des gemeinschaftlichen Besitzes werde uns lehren, «wann genug wirklich genug ist».

Zwar vermutet auch Jörg Rössel, Soziologe an der Universität Zürich, dass der moderne Mensch wieder mehr «das Authentische, das Echte und Einzigartige» sucht. Der Soziologe ist aber skeptisch, ob das Bedürfnis nach dem Ech-ten die breite Bevölkerung erfassen wird. Er vermutet eher, dass es sich bei der Suche nach dem Authentischen und Einzigartigen um eine andere Form der Abgrenzung handelt, die in der Regel von höheren sozialen Statusgruppen verfolgt werden. «Insofern ist das auch nicht unbedingt die Absage an den Luxus, sondern eher die Ersetzung einer Form von Luxus durch eine andere.»