«A wop bop a loo lop a lop bam boo»! Ein einziger dadaistischer Schrei, ein «Schlachtruf der musikalischen Anarchie» («L. A. Times»), beförderte Little Richard 1955 in den Rock-’n’-Roll-Olymp. «Tutti Frutti» wurde zum Mega-Hit und sein Interpret zum grössten Superstar neben Elvis Presley. Er wurde zum Idol einer lauten, aggressiven und selbstbewussten Jugendkultur. Gemäss der US-Nationalbibliothek hat der Song «eine neue Ära der Musik» eingeleitet. Tatsächlich katapultierte der kleine Mann aus Giorgia den Rock ’n’ Roll auf eine neue Intensitätsstufe, indem er die Ekstase der Gospelmusik in den Rhythm and Blues einfliessen liess. Noch nie wurde in der Popularmusik so viel geschrien, gestöhnt und geseufzt. Seine Stimme war orkanartig, der Rhythmus hektisch, das Tempo höllisch und auf der Bühne feierte der Zeremonienmeister mit seinem wildgewordenen Publikum exzessive Orgien der Lebenslust.
Ein weiteres musikalisches Merkmal war sein Piano-Spiel, das von der Boogie-Tradition durchdrungen war. Dabei traktierte er seinen Flügel mit Stakkato-Einwürfen, Ellbogen, Füssen und seinem ganzen Körper. Es gab hysterische Massenaufläufe, die schwarze wie weisse Kids erreichten, weshalb er für sich in Anspruch nahm, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung vorweggenommen zu haben.

Energie und Effekt
Seine Lyrics bestanden aus mehr oder weniger zusammenhangslosen Phrasen und Ausrufen wie «Oooh My Soul», «Yeah baby, woo baby» oder «Gonna shake it up» und «Havin’ me some fun tonight». Die Texte erzählten also keine Geschichten, vielmehr sollten sie den Rhythmus und den Klang verstärken. So wie es später auch James Brown kultivierte.
Wie kein anderer zelebrierte Little
Richard die Grundpfeiler des Rock ’n’
Roll: Energie und Effekt. Für seine Konzerte zog er die Augenbrauen nach, schminkte sich das Gesicht, zupfte seinen Schnurrbart zu einer dünnen Linie und toupierte sein Haar zu einer riesigen Tolle. Dazu trug er ausgefallene Kleider, die er von Schneidern aus Hollywood fertigen liess.
Geboren wurde Richard Wayne Penniman am 5. Dezember 1932. Er wuchs mit zwölf Geschwistern in armen Verhältnissen auf. Damals herrschte in Georgia noch brutale Rassentrennung. Mit 14 Jahren verliess er Elternhaus und Schule und schloss sich einer Medicine Show an, wo er singend Schlangenöl anbot. Sein Vater, ein Schmuggler und Schwarzbrenner, wurde ermordet, als er 19 Jahre alt war. Er musste in der Folge auch für seine Familie aufkommen. Als er den Durchbruch schaffte, kaufte er sich einen Cadillac und seiner Mutter ein Haus in einer besseren Gegend.
Knapp drei Jahre schwamm Little Richard auf einer enormen Erfolgwelle. Es folgten eine Reihe von Hits wie «Long Tall Sally», «Ready Teddy», «Rip It Up, Good Golly Miss Molly», «Jenny Jenny» und «The Girl Can’t Help It», die alle nach demselben Strickmuster wie «Tutti Frutti» gefertigt waren. Little Richard feierte Partys in einem hedonistischen Rausch, schockierte konservative Kreise, nannte sich unbescheiden «Gott des Rock ’n’ Roll» und etablierte sich als das grösste Grossmaul vor Muhammad Ali.

Bibel und Drogen
Doch dann war plötzlich Schluss. Er kündigte 1958 seinen Plattenvertrag und schwor dem sündigen Leben ab. In einer Bibelschule liess er sich zum Prediger ausbilden und verkaufte fortan Bibeln. Er wollte sein Leben nur noch Gott widmen. Doch er kehrte immer wieder zurück, feierte verschiedene Comebacks und lebte zwischen den zwei Welten von Kirche und Musikbusiness. Zwischen tugendhafter Frömmigkeit und Drogensucht.
Mit «Tutti Frutti» war eigentlich alles gesagt. Trotzdem kann Richards Komponier- und Vortragsstil nicht überschätzt werden, denn er diente unzähligen späteren Pop- und Rockstars als Vorbild. Elvis kopierte seine Bewegungen, James Brown und Otis Redding wurden von ihm entdeckt. Jimi Hendrix eigentlich auch. Dieser spielte in Richards Band Rhythmusgitarre! Als Richard den talentierten Gitarristen wegen notorischer Unpünktlichkeit aus der Band warf, startete er seine bahnbrechende Solokarriere.
Sogar Paul McCartney orientierte seinen Rock-’n’-Roll-Gesang an jenem des kleinen Effektschreiers. Elton John traktierte in den frühen Jahren sein Piano im Stil von Little Richard. Aber auch Tina Turner, Mick Jagger, Rod Stewart, David Bowie, ja sogar Bob Dylan und Freddie Mercury gaben ihn als Idol an. In direkter Linie zu Little Richard stehen aber vor allem Prince, Michael Jackson und heute Bruno Mars. Letzter ist der jüngste musikalische «Sohn».

«Es geht mir gut»
Heute lebt Little Richard zurückgezogen im Bundesstaat Tennessee. «Es geht mir gut», sagte er in einem der seltenen Interviews gegenüber dem «Rolling Stone», «Gott war gut zu mir. Jeden Samstag gehe ich in die Kirche, das verpasse ich nie.» Doch der Tod von Rock-’n’-Roll-Kollege Fats Domino diesen Oktober hat ihn getroffen. «Er hat mich als Entertainer beeinflusst», sagte er. «Ich habe ihn geliebt, seine Kinder, seine Ehefrau, sie alle. Fast alle grossen Musiker aus den Anfängen des Rock ’n’ Roll sind jetzt tot – nur noch ich und Jerry Lee Lewis sind übrig.»