Wenn es einen Film gibt, der an den diesjährigen Solothurner Filmtagen für Gesprächsstoff sorgt, dann ist es «Mario». Das Filmdrama von Marcel Gisler greift nämlich ein brisantes Thema auf: Homosexualität im Fussballbusiness.

«Schwule Fussballer gibt es nicht», behauptete kürzlich der ehemalige deutsche Fussballprofi Mario Basler. In Wirklichkeit fürchten viele wohl, bei einem Outing ihrer Karriere zu schaden.

So wie Max Hubacher in «Mario». Er spielt ein Nachwuchstalent bei den Young Boys, das sich in einen Mitspieler verliebt. Worauf sich seine fussballerischen Aussichten schlagartig verdunkeln.

Max Hubacher, im Jahr 2018 sollte ein homosexueller Fussballer eigentlich nicht der Rede wert sein. Bloss: Wie viele Profifussballer sind Ihnen bekannt, die sich geoutet haben?

Max Hubacher: Mir fällt nur ein einziger ein: Thomas Hitzelsperger.

Hitzelsperger hat sich 2014 geoutet. Danach folgte kaum einer seinem Beispiel. Weshalb ist Homosexualität im Fussball immer noch ein Tabuthema?
Fussball ist extrem testosterongeladen, es geht um ein bestimmtes Männlichkeitsbild, das sich mit Homosexualität offenbar schlecht vereinbaren lässt. Wenn sich einer in der Mannschaft als schwul outet, fühlen sich viele davon bedroht, sie denken sich dann: Steht der auf mich? Aber das ist doch arrogant. Es stehen ja nicht alle Frauen auf dich, warum sollte dann automatisch ein homosexueller Mann auf dich stehen?

Sie haben selber lange Fussball gespielt. Wie war das: Herrschte in den Garderoben eine Machokultur?

Ja, eh. Und ich habe diese Machokultur selber mitgepflegt. Klar fielen bei uns Sprüche wie «Du bist so eine Schwuchtel» oder «Lass bloss die Seife nicht fallen», auch von mir. Als Jugendlicher begreifst du nicht, dass das diskriminierend ist. Dieses Bewusstsein stellt sich erst später ein – aber nicht bei allen.

Fussball ist sehr physisch, da knallen ständig schwitzende Männerkörper aufeinander. Aber sobald es intim wird, fürchten sich Männer vor anderen Männerkörpern. Warum?

Ja, Fussballspieler berühren sich auf dem Platz ständig, und es gibt auch Spieler, die sich beim Torjubel küssen, so wie früher der Torhüter Fabien Barthez. Aber wenn du plötzlich merkst, dass dir einer nicht bloss als Witz immer an die Eier fasst, ist für viele eine Grenze überschritten. Es muss beim Spass bleiben.

Trailer zu MARIO von Marcel Gisler

Trailer zu «Mario» von Marcel Gisler

Sie und Ihr Co-Star Aaran Altas kommen sich im Film sehr nahe. Macht es einen Unterschied für Sie, ob Sie eine intime Szene mit einer Frau oder einem Mann drehen?

Ich hatte zuvor noch nie eine Liebesszene mit einem Mann gedreht und war deshalb schon etwas aufgeregt. Aber als es dann so weit war, merkte ich: Das ist nicht viel anders als mit einer Filmpartnerin.

Mario muss im Film ein bestimmtes Image nach aussen vertreten, damit seine Sponsoren nicht abspringen. Sind die immensen Geldbeträge im Fussball Teil des Problems?

Ja. Nehmen wir doch als Beispiel den Fussballer Neymar, der für 220 Millionen Franken den Club gewechselt hat. Dieser Preis hat nichts mehr mit seinen Fähigkeiten als Fussballer so tun, sondern damit, dass er eine Marke ist. Er wird als idealer Fussballer vermarktet, da hat es keinen Platz für Abweichungen, sonst würde sein Marktwert sofort sinken. Es ist doch so: Wenn ein schwuler Fussballer plötzlich keine Tore mehr schiesst, würde es doch sofort heissen: Er hätte sich nicht outen sollen, er kann mit diesem Druck nicht umgehen. Viele Personen, mit denen wir vor dem Dreh gesprochen haben, nannten das als Grund, warum sie Spieler nicht dazu raten, sich zu outen.

Es ist himmeltraurig. Mario muss sich im Film zwischen Karriere oder Liebe entscheiden. Beides geht nicht. Das reisst ihn innerlich auseinander. Wie stellt man so etwas glaubhaft dar?

Ich kenne das auch aus meinem Beruf als Schauspieler. Alles ist schnelllebig, man reist viel hin und her, wie Fussballer. Mario geht im Film aus dem kleinen Thun nach Hamburg. Alles ist grösser, er hat keine Freunde, ist einsam. In dieses Gefühl konnte ich mich gut hineinversetzen, ohne das selbst so erlebt zu haben.

Schauspieler Max Hubacher an den Solothurner Filmtagen 2018.

Schauspieler Max Hubacher an den Solothurner Filmtagen 2018.

Ob «Mario» oder «Der Verdingbub»: Sie spielen oft besonders leidensfähige Figuren. Suchen Sie das bewusst?

Eine Geschichte funktioniert nur über den Konflikt, über den Leidensweg. Ein junger Fussballer, bei dem alles gut läuft, ist nicht spannend. Ich möchte, dass Zuschauer etwas Neues erfahren und sich nach dem Film Gedanken darüber machen. Meine Filme sollen etwas bewirken.

Was für eine Wirkung erhoffen Sie sich durch «Mario»?

Als sich kürzlich der Schweizer Schiedsrichter Pascal Erlachner geoutet hat, habe ich Kommentare gelesen, in denen stand: «Na und? Ich bin hetero, aber das muss ich doch nicht herausposaunen.» Das zeigt mir umso mehr, wie wichtig diese Diskussion ist. Solange Homosexualität beim Fussball ein Tabuthema ist, bleiben diese falschen Bilder davon in den Köpfen sitzen. Es würde mich freuen, wenn sich nach unserem Film mehr Fussballer outen oder wenn sie sich zumindest weniger alleine fühlen. Das längerfristige Ziel muss aber sein, dass Themen wie Sexualität und Hautfarbe nicht mehr ins Gewicht fallen.

Hat «Mario» für Sie als Fussballfan den Zauber des Sports zerstört?

Ganz ehrlich: Diese Illusion der Glitzerwelt des Fussballs ist bei mir schon lange zerstört. Aber der Film ist kein Grund, Fussball zu boykottieren. Ich liebe es auch jetzt noch, Fussball zu spielen.

Mario (CH 2018) 119 Min. Regie: Marcel Gisler. Ab 22. Februar im Kino.