Joel Basman ist der Star der Schweizer Schauspielszene. Der 25-jährige Zürcher hat vor wenigen Tagen für seinen Auftritt im deutschen Drama «Wir sind jung. Wir sind stark» den deutschen Filmpreis gewonnen. In der Schweiz ist er ab morgen im Kinofilm «Dawn» als jüdischer Terrorist zu sehen.

«Dawn»: Der offizielle Trailer zum Film.

«Dawn»: Der offizielle Trailer zum Film von Romed Wyder.

Auch für diese Rolle wurde er ausgezeichnet, Anfang Juni mit dem Prix Walo. Wir erreichen den gefragten Mann per Telefon, irgendwo zwischen Berlin, Zürich und London während einer seltenen freien Minute.

Joel Basman, der Juni war für Sie ein höchst erfolgreicher Monat. Sie gewannen zwei Schauspielpreise für zwei verschiedene Filme. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Joel Basman: Ich mache Filme nicht nur, um Preise zu erhalten. Aber sie sind eine schöne Anerkennung. Der Dreh von «Dawn» war intensiv. Umso schöner ist jetzt das Ergebnis.

Sie spielen in «Dawn» einen jüdischen Widerstandskämpfer am Vorabend der Staatsgründung Israels. Sie selbst haben neben der Schweizer auch die israelische Staatsbürgerschaft. War der Film ein persönliches Anliegen?

Eigentlich ist jeder Film ein persönliches Anliegen. Mit manchen Geschichten hast du engere Verbindungen als mit anderen. In «Dawn» spreche ich Hebräisch, die Sprache meines Vaters.

Ihre Filmfigur ist ein KZ-Überlebender, der selbst zum Mörder werden könnte. Er spricht sehr wenig, aber sein innerer Konflikt spiegelt sich in seinem Gesicht. Wie spielt man das?

Du musst ein feines Mass dafür finden, wie viel du zeigen darfst. Die Kamera war immer sehr nahe an meinem Gesicht. Da kann sogar eine Emotion, die man natürlich fühlt, auf der Leinwand zu stark wirken.

Ihre Filmfigur soll eine britische Geisel töten. Gespielt wird sie von Jason Isaacs, bekannt aus den «Harry Potter»-Filmen. Wie war es, mit einem erfahrenen Schauspieler wie ihm derart intensive Szenen zu drehen?

Das war grossartig. Er ist ein extrem aktiver Mensch. Nach seinem langen Flug von Los Angeles nach Berlin ging er sofort Tennis spielen und direkt zum Dreh weiter. Er ist hochprofessionell. Einen Film wie «Dawn» hätte er in seiner Position gar nicht machen müssen. Dass er trotzdem mitspielte, ist ein schönes Zeichen.

Ihre Filmfigur sagt zu ihm: «Gott ist ein Terrorist.» Ein krasser Satz. Wie interpretieren Sie ihn?

Ich liebe diesen Satz! Er steht dafür, dass Religion häufig für irgendeinen Nutzen missbraucht wird. Terroristen, Bombenattentäter: Sie waren nicht von Anfang an so, sondern wurden in diese Rolle hineingedrückt. Und die meisten realisieren erst, wenn sie den Knopf drücken, dass sie das gar nicht wollten. Der Satz im Film hat Symbolkraft.

«Dawn» handelt von der Manipulierbarkeit des Menschen. Er spielt 1947 in Palästina, was er zeigt, könnte aber genau so gut in Nazi-Deutschland oder beim IS passieren.

Absolut! Nazi-Deutschland, IS, Ruanda, Russland, RAF, IRA und wie sie alle heissen.

Was haben denn diese jungen Männer gemeinsam, die sich, so wie Ihre Filmfigur, zu Gewalt und Terrorismus verführen lassen?

Ganz klar: Unerfahrenheit und Unsicherheit. Vielleicht ist da ein junger Mann, der es in der Schule nicht einfach hat. Dann bekommt er ein Flugticket, eine Kalaschnikow und einen Turban – und die ganze Welt hat Angst vor ihm. Psychologisch ist es doch völlig selbstverständlich, dass er diesen Weg als den gescheitesten erachtet. Ich habe im «Spiegel» einen Bericht gelesen, in dem stand, die gefährlichste Spezies auf der Erde seien junge Männer im Alter von 15 bis 25 Jahren. Was in diesem Alter passiert, ist entscheidend.

Sie sprechen Mängel in der Erziehung an.

Das hat auf jeden Fall mit Erziehung zu tun – und mit Bildung. Nicht in dem Sinn, dass man alles weiss. Sondern, dass man einen gewissen Grad an Toleranz und Empathie erlernt hat. Wenn in wichtigen Situationen Zuneigung, Aufmerksamkeit und Liebe fehlen, kann das extrem viel verursachen. Vor allem bei jungen Menschen. Denn die gehen schliesslich nicht zu ihren Eltern und sagen, könntet ihr bitte mal netter zu mir sein. Die meisten gehen anders damit um. Und dann kann es schnell gehen.

In «Dawn» reden alle Ihrer Filmfigur ins Gewissen und wollen sie manipulieren. Gibt es Situationen, in denen es Ihnen als Schauspieler ähnlich ergeht?

Oh ja! Ich bin am Sonntag von Berlin in die Schweiz gekommen, für die Vorpremieren von «Dawn». Da kamen Leute auf mich zu und sagten: Du, geh mal wieder schlafen, du siehst nicht gut aus. Da denke ich mir: Schau mal, ich habe die letzten paar Tage gefeiert und gearbeitet, ich hatte von morgens bis nachts Programm… Ich muss mich nicht rechtfertigen. Mein Leben, dein Leben, lassen wir uns doch einfach gegenseitig in Ruhe.

Sie reisen einmal jährlich nach Tel Aviv. Wie erleben Sie die angespannte politische Situation dort?

Ich finde es schön, in Tel Aviv zu feiern. Aber du musst dir bewusst sein, dass das nur wegen der Mauer geht. Ob du sie gut oder schlecht findest, du musst wissen, dass du nur wegen dieser Mauer deine Ruhe hast. Aber ich will nicht mit dem Finger zeigen. Das beste Buch über diesen Konflikt ist von Amos Oz und heisst «Wie man einen Fanatiker kuriert». Die Lösung darin heisst: viel Kompromiss auf beiden Seiten.

Szenenwechsel. Bei unserem letzten Interview vor einem Jahr haben Sie sich mit ein paar guten Ideen für den Regieposten beim Schweizer «Tatort» empfohlen. Gab es schon Fortschritte in diese Richtung?

Nein gar nicht. Scheinbar sind die Interviews von mir über den «Tatort» schlecht angekommen. Aber ich bin ja erst 25 Jahre alt, ich gebe nicht auf.

Sie sind einer der gefragtesten Schweizer Schauspieler. Momentan drehen Sie einen Film in England. Worum geht es?

Ich spiele in «Late shift» mit. Das wird ein interaktiver Film. Er läuft darauf hinaus, dass du als Zuschauer in gewissen Situationen entscheiden kannst, was wir Schauspieler tun sollen. Ich spiele einen Franzosen, der als Assistent in einem Auktionshaus arbeitet. Und diese Position möglicherweise schamlos ausnutzt.