Saul Williams: Der afroamerikanische Autor, Poet, Schauspieler, Rapper, Sänger und Musiker ist 1972 als Sohn eines Priesters und einer Lehrerin geboren. Bekannt wurde er mit seinen Spoken-Word-Alben und dem Film «Slam». Im Juli ist sein aktuelles Album «Encrypted & Vulnerable» erschienen. (sk)

Saul Williams, Ihr Text «… said the shotgun to the head» wird mit dem Orchesterwerk des Schweizer Komponisten Thomas Kessler aufgeführt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Saul Williams: Ich hatte gerade «… said the shotgun to the head» fertiggestellt, an dem ich vier Jahre arbeitete. Zwei Monate zuvor war mein Vater gestorben. Da stand Kessler vor meiner Tür. Ich hatte noch nie von ihm gehört, ich hätte ihn auch wieder wegschicken können, aber dann geschah etwas Seltsames. Kessler hatte bereits mit meinem Material gearbeitet und spielte es mir vor. Ich hörte zu und war geschockt: Aus dem Lautsprecher erklang die Stimme meines Vaters. Er meinte, es sei meine Stimme. Das war ein wunderbarer Moment und der Start unserer Zusammenarbeit.

Sie arbeiten mit Jazzmusiker David Murray oder mit elektronischen Musikern.

Es gibt einige Missverständnisse über mich. Zum Beispiel, dass ich ein Slammer sei. Ich bin ein Poet. Viele Leute denken, ich sei auf der Strasse aufgewachsen, vielleicht im Gefängnis gewesen. Aber ich bin Akademiker, hatte früh einen Master in Acting, habe im Ausland studiert, bin viel gereist. Ich bin mit der Tradition des amerikanischen Musiktheaters aufgewachsen. In Jazz und Klassik tätig zu sein, war für mich eine natürliche Option.

Was macht Kesslers Komposition mit ihren Texten?

Der Text ist so fucking relevant. Ich rede über patriarchale Verhältnisse, über die Vorstellung, man habe eine überlegene Kultur, wegen der Hautfarbe, über die Idee, was es heisst, zivilisiert zu sein. Das hat viel zu tun mit klassischer Musik. Kessler hat keine Angst, zu experimentieren und zu konfrontieren. Musik muss auch provozieren. Deshalb ist meine Arbeit mit klassischer Musik relevanter denn je.

Ihr Text «NGH WHT», den Kessler für Streichquintett adaptierte, erinnere an die Ursprünge des Hip Hop, an die Essenz des Widerstands.

Ich meine damit den rebellischen Geist. Wir müssen noch viel Arbeit tun, um anders zu denken. Es gibt Traditionen, die vergiftet sind, aber die wir trotzdem weiterführen, weil man es immer so gemacht hat. Warum müssen Mädchen pink tragen? Warum wird pink als eine weibliche Farbe verstanden? Wir sind wie programmiert von diesen uralten Ideen und Ideologien, ohne sie zu hinterfragen. Die Essenz des Widerstands meint, dieses Ding in uns zu nähren, das uns ermutigt, Verhältnisse auch dann zu hinterfragen, wenn alle Arbeit als getan erscheint. Wir akzeptieren das, was schon immer als gegeben erscheint. Zum Beispiel: Amerika ist das Land der freien Menschen, die Schweiz ist das neutrale Land. (Lacht) Ich würde sagen: Die Schweiz ist wahrscheinlich so neutral, wie Amerika frei ist.

Wie brechen Sie das auf?

Ich mache Kunst, damit Leute Fragen stellen. Ich habe individuelle Lösungen für mich, aber nicht notwendigerweise für die Gesellschaft. Ich kann die weisse Überlegenheit nicht beenden, nicht den Kapitalismus, den Imperialismus, aber ich gebe meine Meinung dazu und inspiriere Menschen.

Zehnjährige aus wohlbehüteten Elternhäusern rappen «bitch» und «fuck you». Hip Hop droht immer seichter und belangloser zu werden. Was halten Sie davon?

Diese Entwicklung erlebt jede Art von Musik. Es gibt Gegenbeispiele. Ich verstehe nicht, warum heute alle Hip Hop von Männern hören. Der Hip Hop von Frauen ist zurzeit am aufregendsten: Künstlerinnen wie Tierra Whack, Nitty Scott, Cardi B, Azealia Banks, immer noch Lauryn Hill. Oder die experimentierfreudige Moor Mother. Ich habe an ihrem neuen Album mitgearbeitet.

Sie sind Teil eines Klassik-Festivals, das Magnet ist für weisse Leute der Mittel- und Oberschicht, die Geld und wirtschaftliche Macht haben. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Jedes Festival hat diesen Background. Ob ich ein Schauspiel am Broadway mache, mit Rick Rubin für Sony Columbia arbeite, meine Bücher bei Simon & Schuster herausgebe: Die Produzenten dahinter sind Weisse mit viel Geld. Solange sie nicht meine Arbeit zensurieren, ist es ok.

Festivalthema ist «Macht». Was haben Sie für eine Beziehung zur Macht?

Im Orchesterwerk «… said the shotgun to the head» geht es explizit um die Missverständnisse von Leuten über ihre Ideen von Macht. Nach 9/11 sagte George W. Bush: «Wir zeigen kein Zeichen von Verletzlichkeit». Das war seine Idee von Power. Aber wenn du die Grösse deiner Armee oder deines Penis mit Power assoziierst, dann verstehst du Power nicht. Power ist für mich Verletzlichkeit und Anpassungsfähigkeit. Väter sagen zu ihren Söhnen: Weine nicht! Sei ein Mann! Ich würde sagen: Ein Mann, der keine Angst hat, zu weinen, hat eine bessere Chance, seine Power zu verstehen, als jener, der denkt, weinen sei unmännlich. Das Gleiche gilt für eine Nation, die realisiert, dass es nicht die Grösse der Armee ist, die Power bedeutet, sondern Bildung, das Gesundheitswesen, Zufriedenheit und Wohlergehen der Bürger. Das ist wirkliche Macht.

Auch Geld wird mit Macht assoziiert.

Geld kann Macht bedeuten, aber Menschen sind mächtiger. Harriet Tubman, die Hunderte von Sklaven in die Freiheit führte. Martin Luther King und Malcolm X, die eine Generation von Schwarzen inspirierten, anders zu denken. Beide hatten die Power, das System zu konfrontieren, Nein zu sagen, auf Bürgerrechten zu bestehen, das Establishment vor den Kopf zu stossen. Sie hatten keinen Einfluss auf das System, weil sie reich waren. Aber sie waren mächtige Menschen, die andere Menschen inspirierten. Die wirkliche Macht ist immer bei den Leuten.

Haben Sie Vorbilder in der Musik, in der Poesie?

Natürlich. Die Sufi-Poeten Hafis und Rumi inspirieren mich, auch Sappho. Poeten wie Sylvia Plath, Aimé Césaire, Edouard Glissant. Musiker wie Serge Gainsbourg, Fela Kuti, Nina Simone, Bob Marley, Joni Mitchell, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Neil Young, es gibt so viele.

Sie haben viele künstlerische Talente. Was ist die Basis von allem, der Kern?

Performance. Sie ist für mich eine Form von Ritual. Auf der Bühne vergisst du alles, egal, was vorher war. Du bist in dieser anderen Welt, kommunizierst mit Geistern. Performance ist eine Verbundenheit mit dieser unsichtbaren Power, dieser Essenz, die durch alle von uns fliessen kann. Deswegen lieben wir Musik. Weil sie uns nach jenseits von uns selbst transportiert. Das ist die Magie der Performance.

24. Aug, 21 Uhr KKL Luzern: Utopia III (Thomas Kessler) mit Orchestra of the Lucerne Festival Academy und Saul Williams.