500 Jahre Raffael

Sanfter Schöngeist und mächtigster Künstler Roms: Raffael starb vor 500 Jahren

© Sabine Altorfer

Keiner malte lebendigere Engeli und anmutigere Madonnen als Raffael. Seine Gemälde gaben über Jahrhunderten das Schönheitsideal vor. Damit schlug er gar seine Zeitgenossen Leonardo da Vinci und Michelangelo.

Als Raffael am Karfreitag, 6. April 1520, erst 37-jährig stirbt, trauern Rom und die Kunstwelt Europas. Er wird unter seinem letzten – fast vollendeten – Werk «Verklärung Christi» aufgebahrt. «Im Angesicht des toten Körpers und des lebendigen Werkes zerriss es allen die Seele vor Leid», schrieb Giorgio Vasari, der wichtigste Kunstkritiker der Zeit.

Das Grabmal des Künstlers im Pantheon wird zum Pilgerort, seine «Verklärung Christi» zu einem der berühmtesten Werke der Welt. Es wird hundertfach kopiert, und Napoleon holt es nach der Eroberung des Vatikans nach Paris, wo es zur Sensation des neuen Louvre wird. 1815 bekommt es der Vatikan zurück. Aktuell wäre es zu Raffaels 500. Todestag in Rom zu sehen – wenn die Ausstellung wegen des Coronavirus nicht hätte schliessen müssen.

Raffael stirbt an einem Fieberanfall. Die Gelehrten streiten bis heute über die Ursache. War es eine Malaria-Infektion, die sich der Antikenliebhaber bei Grabungsbesuchen holte, oder eine Geschlechtskrankheit? Raffael, eigentlich Raffaello oder Raphaello Santi da Urbino, ist bei seinem Tod 1520 der einflussreichste Künstler Roms.

Er ist Aufseher über die antiken Denkmäler Roms, und er amtet seit 1514 – seit dem Tod des Architekten Donato Bramante – zudem als oberster Baumeister beim Neubau des Petersdoms. Er residiert fürstlich – unweit des Vatikans – im Palazzo Caprini, den er sich 1517 gekauft hat. Und vor allem besitzt er eine produktive Malerwerkstatt mit fähigen Angestellten und Schülern und wird mit Aufträgen überhäuft.

Irdische Liebe und himmlische Schönheit

Um 1512/13 malt er die «Sixtinische Madonna» – kompositorisch ein Wurf. Raffael zeigt die Muttergottes nicht wie üblich sitzend, nicht quasi als Sessel für das Christuskind, sondern als aufrecht dem Betrachter entgegenschreitende junge Frau. Sie trägt das muntere Kind im Arm, so wie das irdische Mütter tun.

Kompositorisch ein Wurf: Die «Sixtinische Madonna» von 1512/13 verbindet Himmlisches und Irdisches. Es wurde für die Sixtus und Barbara geweihte Kirche in Piacenza geschaffen. Eine Solo-Weltkarriere schafften die beiden Engelchen.

Kompositorisch ein Wurf: Die «Sixtinische Madonna» von 1512/13 verbindet Himmlisches und Irdisches. Es wurde für die Sixtus und Barbara geweihte Kirche in Piacenza geschaffen. Eine Solo-Weltkarriere schafften die beiden Engelchen.

Für einmal stellt er seine Madonna in keine realistische oder antike Landschaft, sondern lässt sie über Wolken schreiten und malt darunter zwei lausbübische, leicht schmollende Engelchen. Theatralisch umrahmt er das Bild mit grünen Vorhängen, stellt Maria die Heiligen Barbara und Sixtus zur Seite. Für Maria hat ihm wohl – wie so oft – seine Geliebte Margherita Luti Modell gestanden. Mit der Bäckerstochter lebte der Unverheiratete zusammen, nichts Ungewöhnliches damals.

Der Wettstreit der Künstler in Rom

Die Blitzkarriere verdankt Raffael seinen malerischen und unternehmerischen Talenten, seinem Wissen und diplomatischen Wesen. Und dem gewaltigen Um- und Aufbruch in Rom. Unter den Päpsten Julius II. und Leo X. wird gebaut und geklotzt. Die Repräsentationssucht der Kirche und wie sie mit Ablässen Geld für den Bau des Petersdoms akquiriert, führt zu innerkirchlichen Disputen – und schliesslich zur Reformation. Das scheint Raffael und die Künstler in Rom kaum zu beschäftigen. Für sie bedeutet es vielmehr: volle Beschäftigung und Ruhm.

Ihr Kampf ist ein Wettstreit untereinander: Michelangelo ist um 1510 ziemlich sauer auf Raffael. Mit Argwohn beobachtet er den jungen Konkurrenten. Wo hat er von mir abgekupfert? Was entzückt die Leute an diesem Shootingstar? Welche Aufträge, die auch ich gern hätte, angelt er sich für seine Werkstatt? Das sind drei fiktive Fragen, überliefert sind sie nicht. Aber bekannt ist das schwierige Verhältnis der beiden Malertitanen, die gleichzeitig in Rom tätig sind und ihre wichtigsten Aufträge vom Vatikan bekommen.

Michelangelo, 35-jährig und hoch angesehen, bildhauert 1510 am Grabmal für Papst Julius II., das das zentrale Werk im neuen Petersdom werden soll, und er malt die Sixtinische Kapelle aus. Der 27-jährige Raffael, erst vor zwei Jahren aus Florenz in Rom eingetroffen, ist an den Wandgemälden für die Gemächer des Papstes. Kirchengeschichtliches, Biblisches und Antikes packt er in die monumentalen Gemälde. So lässt er beispielsweise die wichtigsten Denker, Gelehrten und Dichter in der «Schule von Athen» gemeinsam auftreten. In einer imposanten Halle, die auf antike Vorbilder und auf die Pläne für den neuen Petersdom zurückgreift. Dabei gibt sich Raffael als Diplomat gegenüber Michelangelo: Er verewigt ihn als den Philosophen Heraklit.

Die Antike war für die Künstler der Renaissance Vorbild und Thema. Raffael versammelte in der «Schule von Athen» Dichter, Philosophen und Wissenschafter. In der Mitte: Platon und Aristoteles; vorn am Steintisch sitzend: Heraklit, in dem Raffael seinen Konkurrenten Michelangelo verewigte. Das Wandgemälde schuf er 1509 für die Stanzen, die Gemächer des Papstes.

Die Antike war für die Künstler der Renaissance Vorbild und Thema. Raffael versammelte in der «Schule von Athen» Dichter, Philosophen und Wissenschafter. In der Mitte: Platon und Aristoteles; vorn am Steintisch sitzend: Heraklit, in dem Raffael seinen Konkurrenten Michelangelo verewigte. Das Wandgemälde schuf er 1509 für die Stanzen, die Gemächer des Papstes.

Und Leonardo da Vinci, der älteste der drei Grossen der Renaissance? Er kommt 1512, 60-jährig, nach Rom, fühlt sich im künstlerischen Gerangel unwohl, arbeitet lieber an Ingenieurprojekten, ist oft krank. Er kehrt 1515 nach Florenz zurück und übersiedelt dann auf Einladung des französischen Königs ins Loire-Tal, wo er 1519 stirbt.

Bei beiden holt sich Raffael Inspiration. In seiner Florenz-Zeit (1504–1507) übernimmt er Leonardos raffiniertes Sfumato, die Weichzeichnertechnik. Und sein Prophet Jesaja gleicht auffällig Michelangelos muskulösen Kerlen an der Decke der Sixtinischen Kapelle.

Wunderkind und Schüler der Natur

Schon als Kind lernt Raffael in der väterlichen Werkstatt in Urbino, was künstlerisch gefragt ist, er bekommt eine gute Bildung und Kontakte mit Gelehrten, Musikern und Dichtern. Die Mutter stirbt 1491, als Raphaello acht ist, der Vater drei Jahre später. Mit elf erbt Raffael die väterliche Werkstatt und beginnt, selbstständig zu arbeiten. Ein Wunderkind also – das aber lernen will.

Das kleine Selbstporträt des zarten, melancholischen 23-Jährigen hat unsere Vorstellung von Raffael geprägt, weil es nur wenige gesicherte Darstellungen von ihm gibt. Er malte es 1506 in Florenz, in typischer Reduktion auf fein abgestufte Braun- und Schwarztöne.

Das kleine Selbstporträt des zarten, melancholischen 23-Jährigen hat unsere Vorstellung von Raffael geprägt, weil es nur wenige gesicherte Darstellungen von ihm gibt. Er malte es 1506 in Florenz, in typischer Reduktion auf fein abgestufte Braun- und Schwarztöne.

Er tritt in die Werkstatt von Pietro Perugino ein, eher als Partner denn als Schüler, er malt in seinem Stil, perfektioniert und erneuert ihn malerisch wie kompositorisch bei einem Aufenthalt im Kunsthotspot Florenz dank Inspiration durch die grössten Meister der Zeit. Dazu kommt, dass Raffael nach Modellen malt – das gibt seinen Figuren die viel gerühmte Lebendigkeit: den Madonnen, dem Jesuskind und seinem Spielgefährten Johannes dem Täufer, den Grazien und Gelehrten wie den Puttchen. Kein Wunder, legen die zwei so irdisch sympathischen Lausbuben-Engelchen aus dem Fuss der Sixtinischen Madonna eine grandiose Solokarriere hin.

Raffaels sanfte, malerische Schönheit galt bis Ende des 19. Jahrhunderts als Ideal. Sein Stil wurde imitiert und versüsst bis hin zur religiösen Kitschbildchen-Produktion. Das brachte ihn in der innovationsgetriebenen Kunstgeschichtslehre des 20. Jahrhunderts in Misskredit. Raffael habe kunstvoll komponiert und perfektioniert, aber nichts Eigenes erfunden, lautete der Vorwurf. Dieses zeitgeistige Urteil hat sich überholt, sodass wir Raffaels Können und seine Kunst wieder unvoreingenommen betrachten können. Der 500. Todestag ist die ideale Gelegenheit dazu – auch wenn die Jubiläumsausstellungen geschlossen sind.

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