Baden
Rune Bergmanns gibt seinen Einstand beim Argovia Philharmonic mit Vogelgezwitscher im Trafo

Chefdirigent Rune Bergmann zauberte mit dem Argovia Philharmonic mit zarter Hand nordische Stimmung in die Badener Trafo-Halle.

Rolf App
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Ein zufriedener Chefdirigent: Rune Bergmann gratuliert mit grosser Geste seinem Orchester.

Ein zufriedener Chefdirigent: Rune Bergmann gratuliert mit grosser Geste seinem Orchester.

Patrick Hürlimann

Gleich nach den beiden Flöten zwitschern die ersten Vögel. Die grosse Leinwand über der Bühne zeigt Rune Bergmann, den neuen Chefdirigenten des Argovia Philharmonic – einen Berg von einem Mann, der mit seinen Musikerinnen und Musikern über ganz zarte Handbewegungen eine tief meditative Naturstimmung erzeugt. Wir sind jetzt nicht mehr im Badener Trafo, wir sind auch nicht mehr in der Coronazeit. Sondern wir reisen an diesem Sonntag nach Oulu in Nordfinnland, für deren Universität Einojuhani Rautavaara 1972 seinen «Cantus Arcticus» komponiert hat. Und in deren Umgebung er für sein Konzert für Vögel und Orchester die Vogelstimmen aufgenommen hat, die jetzt über Band eingespielt werden.

Man spürt die Weiten des Nordens

Wie sich unter Bergmanns sanfter Regie die Stimmen von Vögeln und Instrumenten mischen, das ist eine wunderbare Entdeckung und ein grosses Erlebnis. Man spürt die Weiten des Nordens und die enge, irgendwie mystische Verbundenheit ihres Schöpfers mit der Natur. Rautavaara, geboren 1928, hat viel experimentiert in seinem langen, bis 2016 dauernden Leben – getreu seiner Devise: «Der moderne Künstler muss sich trauen, frei zu sein.»

Ganz ruhig fliesst der erste Satz («Der Sumpf») des «Cantus Arcticus», im zweiten («Melancholie») sticht der Gesang der Ohrenlerche über gedämpften Streichern heraus, im dritten («Vogelzug der Schwäne») sind es die Singschwäne, bevor eine choralartige Melodie einen Abschluss bringt. Das Orchester strahlt Ruhe aus, harmonisch und präzis kommen die Einsätze. Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotte weben ein dichtes, an Klangfarben reiches Netz, das schön und eigenartig zugleich ist. Rautavaaras Werk bildet den Mittelteil eines Konzerts, das coronabedingt ohne Pause und zweimal am selben Tag gespielt wird – vor jeweils 300 Zuhörern statt unter normalen Umständen tausend.

Arthur Honegger macht Ferien

Es ist ein Konzert, das auch in seinen übrigen Teilen von der Natur lebt. Bevor er 1923 in seinem berühmtesten Orchesterstück «Pacific 231» das Anfahren einer Lokomotive in Töne setzte, machte Arthur Honeg- ger Ferien in Wengen. Von dort brachte er «Pastorale d’été» nach Hause, ein kurzes, von ei-nem Sonnenaufgang inspiriertes Stück, das stark an Claude Debussy erinnert. Über samtenen Streichern treten die Bläser hervor, viel Poesie geht vom Spiel des Argovia Philharmonic aus. Poesie: Das ist auch das Stichwort für Edvard Grieg. Und für den kanadischen Pianisten Jan Lisiecki. Mit seinen 25 Jahren ist er genau so alt, wie Grieg war, als er 1868 in ländlicher Abgeschiedenheit sein Klavierkonzert a-Moll op.16 komponierte – ein Werk, dem der Norweger so wenig traute, dass er der Uraufführung fern blieb.

Pianist Jan Lisiecki im Trafo Baden.

Pianist Jan Lisiecki im Trafo Baden.

Patrick Hürlimann

Ohnehin war der ewig misstrauische Grieg überzeugt, dass seine Musik in hundert Jahren vergessen sein würde. Welch eine Fehleinschätzung! Heute ist auf dem Merkur sogar ein Krater nach ihm benannt. Und das Klavierkonzert wird gespielt und gespielt. Man kann es verstehen, wenn man Jan Lisiecki zuhört und seinem feinen, sensiblen, in den virtuosen Passagen auch durchaus vorwärtsdrängenden und zupackenden, aber niemals wuchtigen Spiel folgt.

Verträumtes neben Verspieltem

Chopin klingt darin an – den «Chopin des Nordens» hat der Dirigent Hans von Bülow Grieg denn auch genannt. Die locker aneinander gefügten Einzel­bilder entfalten zündende Kraft, auch wenn die Akustik des Saals die Konturen dieses Geniestreichs etwas verwischt. Das Orchester erweist sich als ebenbürtiger Partner. Im zweiten Satz schafft es jenen poetischen Rahmen, in dem Lisiecki sein nachdenkliches Spiel entfaltet, bevor ohne Pause das tänzerische Finale unverkennbar norwegisches Kolorit vermittelt. «Lassen Sie sich von Griegs Leidenschaft für die Fjorde und Berge davontragen», rät Rune Bergmann im Programmheft. Das fällt bei ihm nicht schwer.