Ruanda? Da geschah doch dieser schlimme Völkermord? Ja, auch. Aber mittlerweile sieht es im ostafrikanischen Land ganz anders aus. Was in den Neunzigerjahren als gescheiterter Staat galt, ist heute ein Vorzeigeland, in erster Linie punkto Gleichberechtigung.


Wie kam es dazu? Die Basler Journalistin Barbara Achermann ist für mehrere Monate nach Ruanda gereist und hat die Erfolgsgeschichten verschiedener Frauen zusammengetragen. Entstanden ist «Frauenwunderland» – ein kluges, einfühlsames Buch über starke Ruanderinnen und ihre Wege aus der Vergangenheit.


Frau Achermann, wenn Ruanda eine Frau wäre ...


Barbara Achermann: ... wäre es eine junge Frau, die aus einer schlimmen Krise kommt und jetzt erstarkt nach vorne blickt und vorwärtsmachen will.


Die Krise ist heute 24 Jahre her. 1994 starben im Völkermord der Hutu an den Tutsi rund eine Million Menschen. Was spürt man im Land noch davon?


Der Genozid ist definitiv noch präsent: Irgendwann dreht sich jedes Gespräch darum. Und trotzdem wollen ihn die Ruanderinnen und Ruander unbedingt überwinden.


Wie steht es um die Kluft zwischen Hutu und Tutsi?


Die Versöhnungskultur wird vom Staat vorangetrieben. Man redet heute nicht mehr von Hutu und Tutsi. Es heisst: Wir sind alles Ruander. Wir sind ein Volk. Bei Bewerbungsgesprächen darf man nicht mehr fragen, zu wem man gehört. Es steht auch nicht mehr in den Pässen. Jeden vierten Samstag findet ausserdem «Umuganda» statt, eine Form von Versöhnungskultur. Man wischt dabei einen Tag lang Strassen oder pflanzt Bäume mit seinen Nachbarn. Auch Präsident Paul Kagame packt immer mit an. Da geht es sehr stark um dieses gemeinsame Aufbauen.

Barbara Achermann (*1979) ist Redakteurin und Reporterin bei der Zeitschrift «Annabelle» und arbeitet als freie Autorin u. a. für «NZZ Folio» und «Das Magazin». 2016 wurde sie für ihre Reportage über Ruanda mit dem Schweizer Medienpreis Real21 ausgezeichnet.

Die Autorin

Barbara Achermann (*1979) ist Redakteurin und Reporterin bei der Zeitschrift «Annabelle» und arbeitet als freie Autorin u. a. für «NZZ Folio» und «Das Magazin». 2016 wurde sie für ihre Reportage über Ruanda mit dem Schweizer Medienpreis Real21 ausgezeichnet.


Oder um Kontrolle.


Absolut. Es ist eine ambivalente Sache. Man darf nicht vergessen: Kagame ist ein autokratischer Herrscher. Politische Opposition wird verfolgt, es gibt keine Meinungs- oder Pressefreiheit. Umuganda ist eine Möglichkeit herauszufinden, ob es Leute gibt, die sich kritisch äussern. Das ist die Schattenseite dieses sehr aufgeräumten Landes: Es ist ein Kontrollstaat. Das kann Vorteile haben, zum Beispiel wenn jemand seinen Abfall unrechtmässig deponiert oder seine Frau schlägt. Dann wird das am Umuganda gemeldet, und man sucht gemeinsam nach Lösungen, oder die Polizei schreitet ein. Aber genau so kann es auch heissen: Da schimpft jemand gegen die Regierung.


Welche Rolle haben die Frauen beim Genozid an den Tutsi gespielt?


Die Hutu-Frauen haben mehrheitlich geplündert. Es gab auch welche, die mit den Männern losgezogen sind und gemordet haben, gewisse sogar in Führungspositionen. Aber grundsätzlich war eine Arbeitsteilung vorhanden: Während die Männer mordeten, sind die Frauen in die Häuser eingedrungen, haben Schmuck und Wertgegenstände mitgenommen und untereinander aufgeteilt. Sie haben auch Leute verraten. Die Schuld liegt also nicht nur bei den Männern.


Wie sah die Situation nach dem Genozid aus?


Viele Männer waren tot oder im Gefängnis. All die Arbeiten, die früher getrennt waren, mussten jetzt also die Frauen in die Hand nehmen. Das Land bestellen, Geld verdienen, aber auch Entscheidungen für die Familie treffen. Viele Frauen haben sich zusammengetan und für ihre Interessen lobbyiert. Die heutige Gleichberechtigung in Ruanda ist also nicht nur von oben verordnet, sie ist auch von unten eingefordert worden.


Im Global Gender Gap Report, der jedes Jahr die Gleichstellung der Geschlechter analysiert, steht Ruanda auf Platz 4, die Schweiz auf Platz 21. Gleichzeitig ist es in den Händen eines autokratischen Führers. Wie funktioniert Gleichberechtigung in einem so unfreien Staat?


Es gibt verschiedene staatliche Kontrollbehörden, die dafür sorgen, dass Frauen zum Beispiel gleich viel verdienen wie Männer oder Weiterbildungen machen können. Zudem hat man an verschiedenen Orten eine Frauenquote eingeführt, unter anderem im Parlament. Dort sind über 60 % Frauen. Das ist mehr als in jedem anderen Land der Welt. Das Parlament kann den Präsidenten nicht direkt angreifen, aber es setzt durchaus Gesetze durch. Gegen häusliche Gewalt oder Vergewaltigung. Oder für einen staatlich geregelten Mutterschaftsurlaub.


Im Buch gibt es eine Stelle, wo Ihnen eine Ruanderin sagt: Bei euch mag Demokratie funktionieren – in Ruanda aber brauchen wir jemanden, der durchgreift.


Die Ruanderinnen und Ruander haben wahnsinnige Angst davor, dass der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi wieder aufflammt. Unter Paul Kagame gibt es kaum mehr gewalttätige Auseinandersetzungen. Das Andere ist der Wirtschaftsaufschwung, den das Land in den letzten Jahren erlebt hat. Er ist unter anderem auch das Resultat von Kagames totalitärer Regierung.

Es mag für uns schwierig zu verstehen sein, aber für viele Leute in Ruanda steht nicht die Meinungsfreiheit an erster Stelle. Am Wichtigsten ist ihnen, dass ihre Kinder zur Schule gehen können, dass es eine funktionierende Gesundheitsversorgung und genug zu essen gibt. Erst wenn diese Grundbedürfnisse befriedigt sind, wird die kritische Auseinandersetzung mit dem Staat möglich. Aber es gibt in Ruanda auch Menschen, die anderer Meinung sind und die Demokratisierung vorantreiben wollen.


Solche Kritikerinnen wird es in Zukunft immer mehr geben – weshalb liegt Präsident Kagame die Förderung der Frauen so am Herzen?


Kagame führt das Land wie ein Unternehmen. Er argumentiert immer ökonomisch: Es mache unternehmerisch keinen Sinn, wenn man die Hälfte seines Potenzials unbenutzt lasse. Deshalb will er Frauen fördern – weil sie wichtige Arbeitskräfte sind.


Trotzdem sind längst nicht alle Ruanderinnen emanzipiert. Ich habe einmal von einem jungen Ruander gelesen, der die Situation seiner Frau verbessern wollte: Er kaufte ihr eine grosse Küche und bessere Töpfe. Das war seine Vorstellung von weiblicher Ermächtigung.


Gerade Hausarbeit und Kindererziehung sind in Ruanda oftmals noch Frauensache, es ist kein hundert Prozent gleichberechtigtes Land. Wenn ein Mann seiner Frau im Haushalt hilft, dann heisst es, seine Frau habe ihn verhext. Aber ich glaube, die absolute Gleichberechtigung ist auf der ganzen Welt noch eine Illusion.

Was läuft in Ruanda besser als in der Schweiz?


Ihre Chefkultur. Es gibt drei Bankdirektorinnen in Kigali. Die Hälfte der Unternehmen wird von Frauen geführt. Aber es ist schwierig, Ruanda direkt mit der Schweiz oder Europa zu vergleichen. Die Lebensumstände sind schlicht zu verschieden. Und trotzdem tun wir es und haben das Gefühl, bei uns laufe alles besser.

Wir kennen Afrika fast nur im Kontext von Katastrophen und Krieg. Dasselbe gilt für die Sexualität: Afrikanische Sexualität ist für uns gleich weibliche Genitalverstümmelung. Das ist eine schlimme Realität, aber es ist nicht die einzige. In Ruanda gibt es eine uralte Tradition vom weiblichen Orgasmus und kein Mensch redet davon.


In Ihrem Buch ist ein ganzes Kapitel einer afrikanischen Sexologin gewidmet, die diese Tradition weitergibt. Sie wurden dafür kritisiert, dass Sie nicht auf deren homophobe Ansichten eingehen. Was war der Grund dafür?


Ich schreibe in meinem Buch, dass Homosexualität in Ruanda erlaubt ist, aber sehr verpönt. Die meisten Leute finden es abartig und abstossend. Es ist heikel, da mit unseren eigenen Vorstellungen einzufahren, auch in der Schweiz brauchte es schliesslich Jahrzehnte, bis Homosexualität endlich akzeptiert wurde. Was die Sexologin angeht: Vestine Dusabe ist in Sachen Sexualität nicht über alle Zweifel erhaben. Ihr Schwerpunkt ist «Kunyaza», eine in Ruanda verbreitete Sexualpraktik.

Dusabe ist die Expertin dafür, also haben wir uns darüber unterhalten. Sie propagiert auch umstrittene Methoden wie das Langziehen der Schamlippen, wozu ich auch kritische Stimmen zu Wort kommen lasse. Die Ruanderinnen und Ruander haben eine sehr introvertierte Sexualität, man küsst sich nicht in der Öffentlichkeit, läuft nicht Hand in Hand. Aber das Bewusstsein für den weiblichen Körper, und dass die Klitoris sehr wichtig ist für den weiblichen Orgasmus – da sind sie uns voraus.

«Frauenwunderland» Lesung mit Barbara Achermann, 12. Juni, 19 Uhr, Literaturhaus Basel.