Sex, Drogen, funkiger Rock – dafür stand Lenny Kravitz (54) jahre-, ja jahrzehntelang. «Let Love Rule» predigte er in seinem Hit vom 1989er-Debütalbum, mit dessen 15-Minuten-Version er auch heute noch seine ekstatischen Konzerte abzuschliessen pflegt. Heute Abend wird Kravitz damit im Zürcher Hallenstadion wieder seine Tausenden Fans euphorisieren, die den Refrain auf dem Nachhauseweg mitsummen und dann ein paar Tage nicht vergessen.

«Lasst Liebe regieren», welche wunderbare Botschaft. Bis gestern war das Lennys Losung; er war einer der letzten Hippies. Heute hadert Kravitz aber mit unserer Welt, die er als Albtraum erlebt. Ist aufs Alter auch passend so, denn der US-Rocker liess sich manchmal doch etwas sehr gehen: 2015 lässt er seinen Dödel aus der Lederhose hängen, Drogengeschichten machten ihm zu schaffen. «Ich bin halt ein Mann der Extreme», erklärte er, aber das war keine Entschuldigung.

Viel Sex und viel Spass

Bei unserer letzten Begegnung hing er bekifft in den Seilen und plapperte Belanglosigkeiten, weshalb er so sexy sei: «Viel Sex, mein Freund!» Aus seiner frühen Ehe mit Schauspielerin Lisa Bonet stammt Tochter Zoë Kravitz (29). Sex und Spass hatte der gutaussehende Sonnyboy auch mit vielen Frauen, vor allem prominenten: mit Madonna, Vanessa Paradis, Natalie Imbruglia, Naomi Campbell, Nicole Kidman und Adriana Lima. Das sind die bekanntesten.

Sexy ist Kravitz auch heute immer noch, aber vor allem ist er nachdenklich geworden. Er will gegen die Ausbeutung der Welt durch die Menschenmassen ankämpfen. Das Video zu seinem aktuellen Hit «It’s Enough» geht unter die Haut: Wir sehen keinen Kravitz, sondern nur schreckliche Bilder aus verwüsteten Kriegsländern, Szenen von Armut und von absurden Umweltsünden.

Kravitz will diese Zustände ändern, und das sagt er, nüchtern und vor allem sehr ernüchtert: «Ich habe genug von Rassismus. Ich habe genug vom Krieg. Ich habe genug von Umweltzerstörung und der Gier und Verlogenheit unserer Staatsoberhäupter. Wir müssen dringend die Kurve kriegen und ein höheres Verständnis für die Menschheit und diesen Planeten entwickeln.»

Nur eine Masche?

Damit reiht sich der Sänger ein unter die singenden Denker, die als Gutmenschen unseren Planeten retten wollen. Roger Waters treibt das bis heute um, Bono von U2 mischt sich dabei sogar bei Politikern und dem Papst ein. Wie Kravitz mit seinem Bekenntnis umgehen wird, bleibt abzuwarten. Ist es echte Besorgnis oder nur Masche?

Um sein neustes Album einzuspielen, hat sich Kravitz an einen Ort zurückgezogen, wo all diese Probleme weit weg sind: in sein Studio auf den Bahamas. «Dort kann ich umgeben von viel Natur arbeiten.» Doch auch dort hatte Kravitz Zweifel, gute neue Lieder zusammenzubekommen, weil er durch Sorgen zu sehr aufgewühlt war. Die Träume brachten dem Rocker dann Rettung: «Viele Songs auf diesem Album sind geträumt. Manchmal wache ich auf und höre Melodiefetzen, Akkord-Strukturen, ganze Refrains. Ich habe dann diesen Song in meinem Kopf, springe auf und renne ins Studio.»

Nicht nur in Träumen fand Kravitz Inspiration. Sondern auch bei zwei der grössten schwarzen Musiker: den verstorbenen Michael Jackson und Prince. Während der Song «Low» sich ganz klar am King of Pop anlehnt, sind viele andere neue Lieder sehr funky geworden. «Er hat mich komplett beeinflusst und mir gezeigt, was möglich war», sagt Kravitz über sein Vorbild Prince, «er war das Genie aller Genies». Prince habe ihn sehr inspiriert und Kravitz fühlt sich geehrt, dass dies auch umgekehrt passierte: «Bei einigen seiner letzten Shows hat Prince meine frühen Songs gespielt. Es war eine schöne Freundschaft bis zum Ende.»

Lenny Kravitz war stets ein Künstler zwischen den Kulturen: Er wurde als Sohn des russischen TV-Produzenten Sy Kravitz und der Schauspielerin Roxie Roker aus den Bahamas in New York geboren. Seit 2008 lebt er in Paris. Der Musiker verkaufte von seinen zehn Alben bislang rund 40 Millionen Exemplare.

Die schlechte Welt vergessen

Und falls sein Comeback nicht klappen sollte, hat Lenny Kravitz mittlerweile andere Standbeine: Er arbeitet auch als Musikproduzent und als Schauspieler («Hunger Games»). Ausserdem ist er als Innendesigner mit seiner Firma Kravitz Design schwer im Kommen: Etwa für die trendige Bar «L’Arc» in Paris war er verantwortlich.

Und als Markenbotschafter umgibt er sich mit schönen, von Menschen geschaffenen Luxusprodukten von Rolex, Leica und Dom Pérignon. Damit er für Momente die schlechte Welt vergessen kann.

Lenny Kravitz Am 27. Juni im Zürcher Hallenstadion, am 20. Juli am Paléo-Festival in Nyon. Sein elftes Album «Raise Vibration» erscheint im September.