Zum Gedenken

Rock-Legende Chris von Rohr über seinen tragisch verunglückten Freund Steve Lee

Steve Lee hätte auch das Telefonbuch vorsingen können, es tönte immer nach Weltklasse. Seine Stimme wird noch lange nachklingen.

Steve Lee hätte auch das Telefonbuch vorsingen können, es tönte immer nach Weltklasse. Seine Stimme wird noch lange nachklingen.

Vor 10 Jahren verstarb der Sänger der Band Gotthard Steve Lee durch einen tragischen Verkehrsunfall in den USA. Chris von Rohr begleitete ihn während 11 Jahren als Musikproduzent und Songschreiber. Eine Würdigung.

Unsere Geschichte begann vor 30 Jahren. Ich besuchte eine unbekannte Band namens Krak im Tessin. Sie suchten einen musikalischen Coach und ich gerade einen Job, da Krokus pausierten. Die ersten Proben verliefen harzig, und ich war schon nahe daran, aufzugeben. Dann hörte ich, wie die Band den Song spielte, es war «Walking In The Shadow Of The Blues» von White­snake. Steves Stimme klang kräftig und schön, wenn sie die heissen Melodielinien einer Spitzennummer singen durfte. Grosses Talent lag in der Luft.

Nach langen, intensiven Talks zur musikalischen Ausrichtung der Band war klar, dass sehr viel Arbeit vor uns lag, aber die Jungs um Steve Lee und Leo Leoni waren bereit, den steinigen Weg zu gehen, und ich freute mich auf die Aufgabe. Operation Gotthard mit Hammerstimme Steve Lee konnte beginnen.

Der Plan war, mit einer möglichst starken ersten CD aufzuwarten, denn nur so hatten wir den Hauch einer Chance mit Hardrock in einer Zeit, in der gerade die Grunge-Musik durch die Länder fegte. Dazu brauchte es Ideen, Songs und den unwiderstehlichen Groove. Wir arbeiteten fast ein Jahr daran, bevor wir nach L.A. zu den Aufnahmen flogen und tatsächlich ein sehr starkes Erstlingsalbum zu Stande brachten.

Der Autor dieses Textes 1994 mit der Band Gotthard (von links: Drummer Hena Habegger, Produzent Chris von Rohr, Bassist Marc Lynn, Gittarist Leo Leoni und Sänger Steve Lee)

Der Autor dieses Textes 1994 mit der Band Gotthard (von links: Drummer Hena Habegger, Produzent Chris von Rohr, Bassist Marc Lynn, Gittarist Leo Leoni und Sänger Steve Lee)

Unfassbar bescheiden und zurück­haltend

Manchmal gab es Schreckmomente, als Steves Stimme plötzlich ausfiel. Einfach so. Er regte sich unsäglich auf. Alles Zure­den half nichts. Nach drei Tagen brachten wir ihn zu Dr. Joseph Sugerman, der in Beverly Hills seit Jahr­zehnten alle Starsänger behandelt. Nach kurzer Untersuchung diagnos­tizierte er Austrocknung, ein Air-Condition-Problem, das auf die Stimme schlug. «Gehen Sie eine Woche nach Hawaii, Mr. Lee.» Obwohl diese Insel seit langem Steves Traumdestination war, mussten wir ihn tagelang dazu überreden, dahin zu fliegen, während wir weiterarbeiteten. Es war ihm total peinlich.

So war Steve: immer zuerst die ande­ren, der Job, dann er. Es war für uns unfassbar, ja phasenweise schon fast schmerzhaft, wie bescheiden, zurück­haltend und skeptisch er war. Natürlich hatte die permanente Un­sicherheit, dieses Zweifeln etwas mit seiner Herkunft und seinem früheren, eher konservativen Umfeld zu tun. Nur wenige ermutigten ihn, dem ­grossen Traum vom Rockmusiker zu folgen und seinen Weg kompromisslos zu ­gehen. Man machte und hielt ihn klein, trimmte ihn, typisch schweizerisch, auf Sicherheit und Vorsicht, also das pure Gegenteil vom wilden, aben­­teuerlustigen, freiheitsliebenden Rock’n’Roll.

Wir sprachen viel über den Generationenkonflikt, über Erwartungen, Wertschätzung, Arbeit und Visionen in der Hochleistungsgesellschaft. Daraus entstand der Song «Father Is That Enough».

Als Musikproduzent durfte ich wahrlich mit vielen grossartigen Rocksängern arbeiten, aber ohne Übertreibung war Steves Stimme die stärkste, die ich je erlebte. Sie war einfach da – gottgegeben. Von seinem enormen Bühnencharisma gar nicht zu sprechen. Bei all den Komponier-Sessions, die wir über all die Zeit am Klavier oder mit den ­Gitarren machten, hätte er auch das Telefonbuch vorsingen können, es klang immer nach Weltklasse.

Da war Kraft, Spirit und das unglaubliche Timbre, das einfach in allen Tonlagen fett, warm und nie forciert oder erzwungen klang. Ein Geschenk für jede Band und jeden Produzenten. Der legendäre, leider auch verstorbene, Tastenmann von Deep Purple, Jon Lord, sagte nach einem gemeinsamen Live-Auftritt, er habe eine solch fehlerlose, auf den Punkt gesungene Powerstimme noch nie gehört.

Steve war ein Ausnahmesänger und dazu ein Herzmensch. Zu einem meiner Geburtstage schenkte er mir eine Druse, diese riesige, violettfarbene Kristallgruppe in Form einer kleinen Höhle. Man kann die ganze Hand hineinhalten und die verschiedenen Steine ertasten. Ein wunderbares Geschenk. Ich habe es auf meinem alten schwarzen Steinway-Flügel platziert, wo auch der Song «Heaven» entstand. Dort ist es bis heute.

Die fünf Meilensteine von Steve Lee

Ein Highlight war sicher auch die Zusammenarbeit mit der charismatischen Montserrat Caballé. Die grosse Dame der Oper hatte unseren Song «One Life, One Soul» für ein Duett auf ihrem Album ausgesucht. Wir mussten zuerst einmal stundenlang in einem Studio in London auf die Bescherung warten und lungerten herum, ergötzten uns an der Partitur von «One Life, One Soul», die eigens für die Diva fein säuberlich herausgeschrieben worden war. Sie wollte also das Duett mit Steve nach Noten singen. Ja dann mal Prost!

Steve half Montserrat Caballé mehrmals aus der Bredouille

Die spanische «Mountain Mama» rollte mit dreistündiger Verspätung ein und begrüsste uns mit: «Wie geht’s euch, meine lieben Kinder? Schon gefrühstückt?» Unser Ärger über ihr grosszügiges südländisches Zeitverständnis war nach dieser herzlichen Begrüssung verpufft. Wir konnten ihr einfach nicht böse sein, sie versprühte dermassen viel Charme und Humor und eroberte unsere Herzen im Sturm.

Ich musste der lieben Frau aber nahelegen, die Wörter etwas zackiger und beschwingter als in der Klassik zu singen, um im Fluss des Songs zu bleiben. Die Diva war sichtlich nervöser als wir. Steve, ganz Gentleman, half ihr mehrmals aus der Bredouille. Er kniff sie auf ihr Verlangen jedes Mal leicht in den Arm, wenn sie Gefahr lief, rhythmisch am Song vorbei zu singen. Nach einigen Versuchen hatten wir das Lied im Kasten.

Unvergessen ein Jahr später das Sommernachtskonzert mit Special Guest Montserrat Caballé auf der Piazza Grande in Locarno. Ein Hubstapler hievte die vollschlanke Dame auf die Bühne. Dort zeigte sie uns allen, warum sie zu Recht zur Weltspitze gehörte.

Der Moment, als sie zusammen mit Steve sanft und leicht brüchig «One Life, One Soul» anstimmte, wird mir immer in Erinnerung bleiben: ein unvergängliches Engelsduett zweier Giganten, das bei allen Anwesenden lange nachhallte. So stark und berührend kann Musik sein!

Steve ist zwar von uns gegangen, aber ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt, wenn er vergessen ist. Auch wenn bei jedem von uns letztlich nur ein Häuflein Sternenstaub übrig bleibt und das Erden­leben oft voller Strapazen war, hinterlassen wir hoffentlich den kommenden Generationen etwas. Steves Stimme wird noch lange nachklingen. So mögen Songs wie «One Life, One Soul», «Let It Rain», «All I Care For» und «Heaven» weiterhin die Gehörgänge und Herzen der Menschen erfreuen. Danke, Steve, für deine einmalige Magie.

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