Patti Smith meldet sich einen Tag vor dem vereinbarten Interviewtermin per Mail mit der Bitte, dass ich sie aus Dänemark anrufen soll. Ich wähle die Nummer und es meldet sich eine ausserordentliche nette, aber etwas verpeilte Frau mit schüchterner Stimme: «Hello?»

Hello, Patti. Ich bin aus der Schweiz, nicht aus Dänemark. Und der Interviewtermin ist eigentlich erst morgen.

Oh, sorry, bitte verzeihen Sie vielmals, das habe ich wohl verwechselt.

Kein Problem, ich mag Dänemark.

Und ich mag die Schweiz, ich liebe die Energie der jungen Leute hier, die Berge und die Seen. In Zürich spiele ich «Horses», mein Debüt aus dem Jahre 1975, in voller Länge und in der Reihenfolge wie auf dem Album. Es ist die einzige «Horses»-Aufführung in diesem Jahr. Die Veranstalter haben sich das gewünscht, aber ich spiele dort natürlich auch andere populäre Lieder von mir wie «Because The Night» und «People Have The Power».

Patti Smith Group - Because the Night (Audio):

Youtube/pattysmithVEVO

Welche Bedeutung hat «Horses»für Sie?

Es war mein erstes Album und es bedeutete für mich den Durchbruch als Sängerin und Musikerin. Insofern ist es natürlich ein Schlüsselwerk für mich persönlich. Zuvor war ich nur Poetin und habe Gedichte geschrieben. Das war vor mehr als 40 Jahren und es bedeutet mir viel, weil ich viele Erinnerungen daran knüpfe. An Jimi Hendrix und Jim Morrison. Es ist aber nicht nur Nostalgie. Ich bin überzeugt, dass «Horses» heute immer noch relevant ist. Gerade auch für junge Leute.

Weshalb?

«Horses» war ein Album für die damaligen Outsider der Gesellschaft, für Leute, deren sexuelle Ausrichtung oder politische Überzeugungen sie zu Aussenseitern machte. Heute richtet es sich an jene Minderheit, die sich gegen die aktuelle Regierungsgewalt wehrt. Der Begriff vom Aussenseiter hat sich verändert und ausgeweitet. «Horses» richtet sich heute explizit an die jungen Menschen und weist in die Zukunft.

Sie sagten einmal, dass jedes Ihrer Alben eine Phase Ihres Lebens repräsentiert. Wie war Patti Smith 1975?

Ich arbeitete in einem Bücherladen und schrieb vor allem Gedichte, die den Geist des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud und von Bob Dylan atmeten. Ich versuchte mich als Performerin und meine Poesie wurden langsam zu Songs. Gleichzeitig wuchs mein Bewusstsein für die globalen Zusammenhänge. Wir begannen zu touren und entdeckten die Welt. Ich erinnere mich noch genau an das damalige Konzert in Zürich. Wir entwickelten mit dem Publikum eine unglaubliche Energie, es war einfach grossartig. Zürich und die Schweiz haben deshalb für mich eine ganz besondere Bedeutung.

Eine Ihrer berühmtesten Zeilen in «Gloria» lautet «Jesus died for somebody’s sins, but not mine». Nun haben Sie im neuen Film von Wim Wenders über den Papst einen Song geschrieben. Welche Rolle spielt für Sie die Religion?

Ich bin nicht katholisch und ärgere mich über die katholische Doktrin, aber ich bin der Überzeugung, dass Papst Franziskus ein wichtiger geistiger und politischer Führer ist. Wir haben in unserem Land jedenfalls niemanden mit seiner Ausstrahlung und seinem Bewusstsein für die menschlichen Nöte. Du meine Güte, wir haben Donald Trump. Ich sehe Franziskus als eine politische Figur. Ich würde ihn wählen.

Sind Sie religiös?

Ich habe keine bestimmte Religion, habe die Heilige Schrift studiert, aber meine eigene Philosophie entwickelt, meine eigene Art zu beten. Meine Aussage in «Gloria» richtete sich nicht gegen Jesus, sondern gegen organisierte Religion und religiöse Institutionen. Ich war jung, 20 Jahre, als ich die Zeile schrieb. Es ging mir um Selbstbehauptung. Darum, Verantwortung zu übernehmen für mein Tun und meine Fehler.

Wofür kämpfen Sie heute? Was sind aus Ihrer Sicht global die grössten Probleme?

Die Umweltzerstörung, die Probleme, die die Immigration verursachen, die Atomwaffen. Es gibt so viele Dinge, die uns Sorgen bereiten. Aber das Problem Nr. 1 ist für mich die Umwelt. Es ist ja keine politische, ideologische oder religiöse Frage. Vielmehr geht es um den Fakt, dass wir daran sind, unser Öko-System, unseren Planeten zu zerstören. Es geht uns alle an, es ist unsere Zukunft oder die Zukunft unserer Kinder.

Sie sind eine der wenigen Frauen, die Rock-Geschichte schrieben. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nein (lacht). Viele Frauen haben wichtige Beiträge zur Entwicklung der Popmusik geleistet. Denken Sie nur an Janis Joplin, die Folksängerinnen Joan Baez oder Joni Mitchell. Die aussergewöhnlichsten Stimmen heute sind weiblich. Ob Beyoncé, Adele oder Rihanna. Ich glaube nicht, dass es sich hier um ein Gender-Problem handelt. Aber es ist so: Meine Rockidole sind Männer: Jimi Hendrix, Bob Dylan oder John Lennon. Ich bewundere ihre Musik, ihre Leistung. Ihr Geschlecht ist mir dabei egal.

Haben Sie sich überlegt, nach Europa oder der Schweiz auszuwandern, als Trump gewählt wurde?

Nein, das Amerika, das Trump repräsentiert, ist nicht das Amerika, das ich kenne. Aber ich bin eh ein Nomade, eine Reisende. Meine Stadt ist dort, wo ich mich gerade aufhalte. Wenn ich in Zürich bin, bin ich Zürich.

Sind Sie länger in Zürich?

Wahrscheinlich nur zwei Tage, aber ich mag Zürich, mag die Vielfalt, die Leute und besuche Zürich auch mal, wenn ich kein Konzert habe. Dann gehe ich aufs das Grab von James Joyce auf dem Friedhof Fluntern. Als ich das letzte Mal in Zürich war, habe ich am Zürichseeufer ungefähr zwölf Schwäne gesehen. Ich liebe Schwäne, es war so unglaublich schön, so wunderschön.

Was sind Ihre Pläne für die nahe Zukunft?

Ich habe gerade den Dokumentarfilm über «Horses» beendet, ein Apple-Produkt. Ich bin daran, ein Buch zu schreiben, und werde im Herbst neue Songs für ein neues Album aufnehmen. Aber jetzt freue ich mich erst mal auf Zürich.