Künstliche Intelligenz

Revolution in der Kunstwelt: Roboter Ai-Da stellt ihre Werke in einer Gallerie aus

Die Robo-Künstlerin Ai-Da malt, was sie durch ihre Kameraaugen sieht. Eine Galerie widmete ihr eine eigene Ausstellung.

Die Robo-Künstlerin Ai-Da malt, was sie durch ihre Kameraaugen sieht. Eine Galerie widmete ihr eine eigene Ausstellung.

Computer schlagen uns im Schachspiel. Daran haben wir uns gewöhnt. Doch nun fordern sie den Menschen mit ihrer Kreativität heraus. Was, wenn Roboter die besseren Künstler sind?

Die Erwartungen lagen nicht besonders hoch. 7000 oder 8000 Dollar könnte das Bild einbringen – maximal 10000 Dollar. Mehr nicht. Am Ende zahlte ein anonymer Bieter 432000 Dollar. Damit erzielte das Porträt «Edmond Belamy» bei einer Auktion des renommierten Londoner Hauses Christie’s das 50-Fache seines Schätzwertes.

Besonders spektakulär sieht das Bild nicht aus. Ein unscharfer Wisch. Das runde Männergesicht bleibt konturlos. Dennoch scheint sich da etwas zu verbergen, der Blick bleibt hängen.

Entworfen hat das vor einem Jahr versteigerte Porträt kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz (KI). Es trägt die Signatur: min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]. Die Zeichenkette entspricht einem Teil des Algorithmus, welcher das Werk erschaffen hat. Er wurde mit 15000 Porträts aus den letzten 600 Jahren Malerei gefüttert.

Er lief auf zwei neuronalen Netzen – zwei künstlichen Gehirnen, wenn man so will –, die gegeneinander arbeiteten. Das erste untersuchte die Porträts auf Muster und kreierte daraus eigene Bilder. Das zweite wurde trainiert, computergenerierte Malerei zu entlarven, und wies die Kreationen des ersten so lange zurück, bis es getäuscht wurde. So entstand «Edmond Belamy».

Eine KI hat "Edmond Belamy" gezeichnet. An eine Auktion wurde es für 432000 Dollar versteigert (Bild:Keystone)

Eine KI hat "Edmond Belamy" gezeichnet. An eine Auktion wurde es für 432000 Dollar versteigert (Bild:Keystone)

Und in der Tat, wer sich das Bild im Internet anschaut, käme nicht darauf, dass es aus einer Maschine stammt, wenn er es nicht wüsste. Für das französische Künstlerkollektiv Obvious, welches das Bild an die Auktion gebracht hatte, ist dies der Beweis, dass eine KI in der Lage ist, Kreativität vollumfänglich zu simulieren.

Kreativität ohne Bewusstsein und Schöpfungswillen

Dass Computer besser rechnen können als wir, damit können wir gut umgehen. Dass sie besser Schach und Go spielen, ist auch kein Problem. Und wenn sie einst sicherer Auto fahren als wir, so feiern wir dies als Fortschritt und lehnen uns zurück. Doch dass sie uns auf dem Feld der Kunst herausfordern, ist ein Affront gegen die Menschheit.

Steckt nicht in jedem noch so primitiven Kunstwerk etwas zutiefst Mensch­liches? Himmelhoch jauchzende Freude, tiefste Trauer: Kumuliert in der Kunst nicht das ganze Spektrum der Gefühlswelt? Ist Leidenschaft nicht immer die Voraussetzung für jeden Pinselstrich, jede Melodie, jede Gedichtzeile?

Offenbar nicht. Eine KI hat neue Partituren von Beethoven kreiert, welche das Gros der Menschheit in ihrer Machart nicht von den Originalen unterscheiden kann. Für das Projekt «The Next Rembrandt» wurde ein neues Porträt im Stil des holländischen Meisters kreiert – Pinselstrich für Pinselstrich mit einem 3-D-Drucker aufgetragen. Selbst Kunststudenten könnten es für ein neu aufgetauchtes Original halten. Und anhand von ein paar KI-Poesieergüssen, die durchs Netz geistern, könnte man in einem Literaturseminar das ausgeklügelte Zusammenspiel von Jamben und Trochäen studieren.

"The Next Rembrandt" sieht aus wie ein Original des holländischen Meisters, wurde aber von einer KI entworfen.

"The Next Rembrandt" sieht aus wie ein Original des holländischen Meisters, wurde aber von einer KI entworfen.

Und doch: All dies ist noch kein Grund, den Glauben an die mensch­liche Genialität und Einzigartigkeit zu verlieren. Schliesslich haben wir es hier, wie das Künstlerkollektiv Obvious richtig erkannt hat, nicht mit wirklicher, sondern bloss mit simulierter Kreativität zu tun. Ohne uns wären die Maschinen nichts. Ohne Beethoven keine Beethoven-Kopie, ohne Rembrandt keine Rembrandt-Kopie. Und auch «Edmond Belamy» kam nur zustande dank dem Schaffen all der Porträtmaler der letzten 600 Jahre. Ausserdem waren es findige Informatiker, die es so weit brachten, Maschinen zu kreieren, welche Menschen mit «ihrer» Kunst täuschen können. Die Maschinen selber haben weder ein Bewusstsein noch einen Schöpfungswillen.

«Eine KI kann keine autonome Kunst machen», sagt Sabine Himmelsbach, Direktorin des Hauses der Elek­tronischen Künste in Basel, die zum Thema eine Ausstellung kuratiert hat. Künstler würden KI immer bloss als Werkzeug verstehen, ähnlich wie ein Pinsel oder eine Kamera. Auch bei der KI brauche es Menschen, die sie nutzen, damit Kunst entsteht.

Die frühe KI-Kunst erinnert
an die Readymades

Der Coup des «Edmond Belamy» ist weniger das Bild an sich, sondern dass es tatsächlich zur Auktion angenommen wurde. Dass es gerade dieses Bild war und nicht irgendein anderes vom Algorithmus errechnetes, das liegt vor allem an den Menschen, die es ausgewählt haben. Die frühe KI-Kunst erinnert an die Readymades. Als Marcel Duchamp vor über hundert Jahren ein gekipptes Pissoir ins Museum stellte, so war nicht das Keramikobjekt an sich die Kunst – dieses gab und gibt es zu Tausenden –, sondern der Akt, es zur Kunst zu erheben. Es war ein Tabubruch.

Als einen Tabubruch kann man auch Ai-Da bezeichnen. Es handelt sich um die erste künstliche Intelligenz, der eine eigene Ausstellung gewidmet worden ist. Diesen Sommer waren ihre Bilder in der Barn Gallery der Universität Oxford zu sehen. Ai-Da ist ein humanoider Roboter mit langem schwarzem Haar und vollen Lippen.

Ihre Kameraaugen scannen die Umgebung, ihr KI-Gehirn verfremdet sie, und ihre mechanischen Arme bringen sie mit Bleistift oder Pinsel zu Papier. Dabei geht es weniger um die Ästhetik ihrer Bilder – sie liessen sich einfacher mit einer kastenförmigen Zeichenmaschine herstellen – als um die Robo-Künstlerin selber. Dass sie wie ein Mensch aussieht und ihre Roboterhaftigkeit dennoch klar erkennbar ist, das provoziert. Total sollen von ihr bereits Bilder im Wert von einer Milliarde Pfund verkauft worden sein.

Der Computer ist schon lange
der Sklave der Künstler

Die Computerkunst, zu der die KI-Kunst gehört, reicht weit zurück. Eine ihrer Pionierinnen ist die französisch-ungarische Vera Molnar, die bereits in den 1970er-Jahren algorithmische Kunst kreierte (derzeit zeigt das Museum für Digitale Kunst in Zürich ­einige ihrer Werke in einer hübschen kleinen Ausstellung). In «(Dés) Ordres» etwa liess sie aufgrund eines Zufallsprinzips von einem Plotter verschiedene Quadrate zeichnen. Die für sie stimmigsten Entwürfe wählte sie aus und fügte sie zu einem Werk zusammen. Was Kunst war und was in den Abfalleimer kam, das bestimmte sie. Den Computer nannte sie ihren Sklaven.

Auf ähnliche Weise nutzen heute Künstler die künstliche Intelligenz. Damit kreieren sie aber nicht mehr zufällige Quadrate, sondern Bilder wie «Edmond Belamy» oder «The Next Rembrandt». Die Fortschritte von Google, Facebook und Co. in der Bild- und Gesichtserkennung lassen sich auch künstlerisch fruchtbar machen. Vieles deutet darauf hin, dass für das 21. Jahrhundert die KI für die Kunst zentral wird wie die Kamera und der Bildschirm für das Jahrhundert davor. Die Kunsthistorikerin Himmelsbach sagt:

Das verändere auch den Stellenwert der anderen Medien, so wie die Fotografie die Malerei beeinflusst habe.

Die KI dominiert unseren Alltag – offen und im Verborgenen: Siri und Alexa sprechen mit uns. Die Börse wird von Algorithmen beherrscht. Die Menschen und ihr Verhalten werden von selbstlernenden Programmen quantifiziert. Daran arbeiten sich die Künstler ab. Anderseits arbeiten sie mit den Maschinen zusammen. Eine von ihnen ist die amerikanische Musikerin Holly Herndon. Für ihr kürzlich erschienenes Album «Proto» nutzte sie eine KI namens «Spawn», die neuartige Klänge generiert. Für die NZZ ist es das «vielleicht wichtigste Album, das man sich gerade vorstellen kann».

An der Hochschule der Künste in Zürich bewegt sich Daniel Bisig im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kunst. In seinem Labor steht viel Technik herum, eine grosse bewegungssensitive Videoleinwand und halbfertige Roboter. Er sagt:

Der Musiker wolle aber nicht einfach auf einen Knopf drücken und sich von den Ergebnissen der KI überraschen lassen, sondern ihr seine eigenen Ideen mitgeben.

Balzende Roboter sollen den Weg zu einer neuen Ästhetik leiten

Bisig glaubt, dass künftig KI nicht nur für Soundexperimente und widerborstige Musikalben genutzt werde, sondern sich in erster Linie im kommerziellen Bereich und für Gebrauchsmusik durchsetzen werde – etwa in der Filmbranche. Das sei schneller und billiger, als wenn man Menschen anstellt. Die KI sei vor allem darin gut, bekannte ­Muster fortzuschreiben. Eine eigene ­Ästhetik kennt sie nicht. Oder noch nicht.

In einem vom Migros Kulturprozent unterstützten Projekt versucht Bisig genau dies: Roboter zu ihrer eigenen Ästhetik zu verhelfen. Dafür konstruiert er kleine Maschinenwesen mit vier Armen, die farbig leuchten und durch die Luft schwenken können. Damit sollen die Roboter einen Balztanz aufführen. «Robalz» heisst die Arbeit denn auch und basiert auf der Theorie, dass Kreativität einen evolutionären Hintergrund hat. Sie dient dazu, Aufmerksamkeit zu generieren und Paarungspartner zu finden.

Die Roboter sollen mit ihren Leuchtarmen einen Balztanz aufführen – und so zu ihrerer eigenen Ästhetik finden .

Die Roboter sollen mit ihren Leuchtarmen einen Balztanz aufführen – und so zu ihrerer eigenen Ästhetik finden .

Bisig überträgt dies auf die Roboter, führt sie quasi in ein Vor-Primaten-Stadium. Wenn ein Roboter sich besonders auffällig gebärdet, werden andere Artgenossen es ihm gleichtun. Auf diese Weise könnte sich eine eigene Ästhetik in der Gruppe etablieren. Eine Ästhetik, die keine menschliche mehr wäre. «Ich vermute», sagt Bisig, «dass sich künstliche Kreativität stark von menschlicher unterscheidet.»

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