Russisches Porzellan

Revolution im Teeservice

Das Spielzeug Welten Museum in Basel zeigt den Reichtum russischer Porzellanmanufakturen aus der frühen Sowjetunion

«Wir entflammen die ganze Welt mit dem Feuer der III. Internationale»: Schlanke Buchstaben umkreisen einen Ritter, der siegessicher den flachen Boden eines Porzellantellers quert. Über den Ruinen der Kaiserzeit verheisst sein goldener Strahlenkranz eine neue Zeit. «Das Königreich der Arbeiter und Bauern währt ewig», steht in russischer Sprache auf einer anderen Platte. Wobei nicht anzunehmen ist, dass aus solcher Propaganda manche Suppe gelöffelt wurde: Die vergleichsweise teure Produktion des nach 1917 in Russland produzierten Geschirrs hat selten die Arbeiter und Bauern erreicht, die es anzusprechen suchte.

Die Revolution hatte dem Zarenreich ein derbes Ende gesetzt, und die neue Regierung erkannte in der ehemaligen Kaiserlichen Porzellanmanufaktur eine Möglichkeit, materiell hochwertige Produkte mit Motiven des politischen Aufbruchs in Umlauf zu bringen.

Internationale gesuchte Raritäten

Es waren Sammler im In- und Ausland, die damals den Absatz garantierten. Teller, Tee- und Kaffeekannen, Vasen, Platten, Pfeifen und Nippsachen brachten dringend benötigte Devisen ins Land. Und bis heute ist das russische Porzellan der 1920er-Jahre, das sich nun im Spielzeug Welten Museum bestaunen lässt, ein gesuchtes Gut.

Der Sammler und Leihgeber Vladimir Tsarenkov sucht seit 15 Jahren den internationalen Markt nach Preziosen dieses «weissen Goldes» ab, das Russlands künstlerisches Klima der Zwischenkriegsjahre sichtbar macht. Mit Stolz verweist er darauf, dass etwa hundert Stücke in seiner Sammlung sind, die es mit Exponaten der Eremitage aufnehmen könnten und nicht einmal mehr in der jeweiligen Manufaktur nachzuweisen wären.

Das Porzellan in den Vitrinen öffnet ein verwirrend breites Spektrum an künstlerischen Haltungen. Figurinen im Siegesgestus oder die idealisierte Darstellung der Mutterschaft sind ausgebreitet neben Objekten, die das Design des Bauhaus vorwegzunehmen scheinen. Das ist kein Zufall: Gleichzeitig, wie Russland die sozialistische Wirklichkeit im Realismus feierte, suchten Künstlerinnen und Designer in der abstrakten Form nach einer übergeordneten Weltsprache. Auch die Wegweisendsten ihrer Zeit haben das Teeservice als Baustein einer neuen Weltordnung ernst genommen.

Wassily Kandinsky etwa lässt Farben und Formen auf einer kleinen Tasse und Untertasse tanzen — und leistet nun einen kleinen Brückenschlag zum Spielzeugmuseum, dessen hauseigene Bestände an Kinder- und Puppengeschirr nur in Erinnerung anwesend sind. Auch Kasimir Malevitch und El Lissitzky sind vertreten: Sie haben Vasen und Teegeschirr mit schlanken Balken und rechtwinkligen Flächen ausgezeichnet. Auch der Suprematismus hat in der Tischkultur vorübergehend ein Zuhause gefunden.

Tradition und Avantgarde

Die Präsentation ist gedrängt und nicht auf Anhieb leicht zu lesen: Die Exponate sind mit Nümmerchen versehen, die nur mit dem begleitenden Ringheft — dort allerdings ausführlich — zu entschlüsseln sind. Die irritierende Nachbarschaft von Avantgarde und Tradition trifft mit Sicherheit den Nerv einer Zeit, die das Bild der Zukunft in der geschönten Tradition und gleichzeitig im Neuen propagierte.

Das Museum hat die Recherche über annähernd 60 Künstlerinnen und Künstler befördert, deren oft dramatisch verlaufene Lebensläufe von Vergessenheit bedroht sind. Doch weil das grosse Wissen um das Kunsthandwerk und seine Urheber aus den Vitrinen ausgeschlossen bleibt, droht der wunderbare Reichtum genau das zu verdrängen, was ihm zugrunde lag: Die fragile Utopie, wonach Porzellan gesellschaftliche Veränderung herbeiführen und beschleunigen könne.

Malevich, Kandinsky und revolutionäres Porzellan: Spielzeug Welten Museum Basel. Bis 8. Oktober.

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