«Underappreciated», unterschätzt, das Wort fällt oft im Katalog zur diesjährigen Retrospektive «Black Light». Der afroamerikanische Kurator und Autor Greg de Cuir Jr. hat ein absolutes Top-Programm aus bekannten und weniger bekannten, ausreichend und nicht ausreichend gewürdigten Filmen für Locarno zusammengestellt, die im 20. Jahrhundert auf dem amerikanischen und europäischen Kontinent entstanden sind.

«Gibt es weisses Kino?»

Es ist ein breiter Mix. Vom Independent-Film über die Buddy-Komödie oder den Blaxploitation-Klassiker bis hin zum New Black Cinema Ende 80er, anfangs 90er findet sich alles, auch Avantgardistisches, Experimentelles, Subversives. Ob «Daughters of the Dust» von Julie Dash, «Super Fly» von Gordon Parks Jr., «Stir Crazy» von Sidney Poitier oder «Boyz n the Hood» von John Singleton: Greg de Cuir Jr. versammelt verschiedenste Stimmen, bricht den Begriff «Black Cinema» auf.

Denn was ist Black Cinema? Ein Schwarzer vor oder hinter der Kamera? Fragt man sich je, was weisses Kino ist? Oder asiatisches? Diese Definitionsrahmen sind ein Stück weit absurd. «Es gibt ganz verschiedene Wege, schwarze Kultur zu zeigen», sagt Greg de Cuir Jr. im Gespräch. Da muss nicht einmal der Regisseur zwangsläufig schwarz sein.

Gibt es eine Art Film so schwarz wie der Jazz?

«Gibt es eine Art zu schreiben, die so schwarz ist wie der Jazz schwarz ist?», hat sich die am Montag verstorbene afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zeitlebens immer gefragt. Gibt es eine Art Filme zu machen, die so schwarz ist wie der Jazz schwarz ist? «Musik ist so wichtig für viele dieser Filme», antwortet der Kurator.

Der Videokünstler Arthur Jafa, aber auch die Filmemacherin Julie Dash würden nach visuellen, cineastischen und ästhetischen Formen suchen, die sie näher an die schwarze Musik heranführen würden. «Sie suchen nach dem, was der Jazz für die Musik ist.»

«Barry Jenkins is still a baby»

Kevin Jerome Everson und Arthur Jafa sind für den Kurator die bedeutendsten Stimmen des zeitgenössischen Black Cinema. Seine Nähe zur Kunst ist deutlich spürbar. Und was ist mit Spike Lee, Barry Jenkins («Moonlight», «If Beale Street Could Talk») oder dem Briten Steve McQueen («12 Years a Slave»)? «Barry Jenkins is still a baby», sagt Greg de Cuir Jr. und lacht. «Auch Steve McQueen, der ein grossartiger Künstler ist.» Sie stünden filmisch gesehen beide noch am Anfang, gehörten aber zu einer neuen Generation von Stimmen des Black Cinema.

Spike Lee sei Ende des 20. Jahrhunderts natürlich einer der Wichtigsten gewesen. Lee’s Debütfilm «She’s Gotta Have It» über eine starke und unabhängige Frau läuft am 17. August nochmals. Der Saal wird sicher gut bis sehr gut gefüllt sein, wie das bei der Locarno-Retrospektive gang und gäbe ist. Das Publikum ist offen und lässt sich gerne überraschen. Locarno ist wahrlich kein Ort für klassisches Kino. We appreciate it.