Interview
Figurentheater des Luzerner Theaters: «Reduktion beflügelt die Fantasie»

Sibylle Grüter und Jacqueline Surer leiten neu das Figurentheater: ein Gespräch über neue Formen des Kindertheaters, die auch Erwachsene ansprechen.

Urs Mattenberger
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Bringen mehr Tempo und Action ins Figurentheater in Luzern: Sibylle Grüter (49, links) und Jacqueline Surer (45) in Aktion. (Bild: Martin Volken)

Bringen mehr Tempo und Action ins Figurentheater in Luzern: Sibylle Grüter (49, links) und Jacqueline Surer (45) in Aktion. (Bild: Martin Volken)

Sibylle Grüter, Jacqueline Surer, wurden Sie durch Ihre eigenen Kinder inspiriert, Theater für Kinder zu machen?

Jacqueline Surer: Nein, ich bin zwar Mutter von zwei Buben, aber es ist jetzt nicht so, dass ich sie 24 Stunden am Tag bespiele! Mit Kindertheater angefangen haben wir vorher, vor 14 Jahren. Viel wichtiger ist, dass wir uns das Kindliche selber bewahrt haben. Früher wollten Kindertheater ja oft den Kindern etwas pädagogisch Wertvolles mitgeben. Wir dagegen spielen mit der Energie und Lust von Kindern – und damit auf Augenhöhe mit ihnen.

Sibylle Grüter: Ich habe als Pädagogin angefangen, Theater für und mit Kindern zu machen. Ich liebe das direkte Feedback, das man von ihnen bekommt. Dadurch entsteht in jeder Aufführung eine eigene Dynamik. Manchmal müssen wir uns etwas zurücknehmen, wenn wir die Kinder zu sehr herausgekitzelt haben. Manchmal müssen wir mehr Gas geben, damit sie sich nicht langweilen. Bei Erwachsenen, die oft bloss am Schluss höflich klatschen, ist ein solcher Austausch viel schwieriger.

Das Figurentheater des Luzerner Theaters setzte bisher auf Kinderklassiker und war eine Art Märlibühne mit Sitzkissen und hohem Kuschelfaktor. Was ändert sich unter Ihrer Leitung?

Grüter: Wir wollen in dieser ersten Saison die ganze Bandbreite des heutigen Figurentheaters zeigen, ohne alles auf den Kopf zu stellen. So zeigen wir schon auch Geschichten nach bekannten Kinderbüchern, etwa «Frederik» oder «Das hässliche junge Entlein». Aber wir zeigen auch diese in ungewöhnlichen Spielformen.

Als «Gustavs Schwestern» machen Sie temporeiches Figurentheater für Kinder, das nicht dem Klischee vom Märchentanten-Ton entspricht. Ist das eine Tendenz, die jetzt im Figurentheater Luzern einzieht?

Surer: Was wir machen, entspricht wohl einfach unserem Temperament – wir sind ja nicht unbedingt die grossen «Poeten» (lacht). Aber es gab tatsächlich diese Entwicklung hin zu einem raueren Spiel mit mehr Tempo und Action. Vor allem hat sich die Rolle der Spieler gewandelt. Sie verstecken sich nicht mehr, wenn sie die Figuren führen, sondern treten selber als Schauspieler in Aktion. Das ergibt mehr Spielmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen, zwischen den Figuren und den Schauspielern, aber auch unter diesen selber.

Grüter: Eine andere, für uns wichtige Tendenz ist die Reduktion. Unser Eröffnungsstück, der «Hotzenplotz!», folgt dem kindlichen Prinzip, mit den Sachen drauflos zu spielen, die man gerade zur Hand hat. In diesem Fall sind das eine Wäscheleine und 10 Gummipuppen, wie man sie auf dem Flohmarkt findet. Es gibt keinen Vorhang und kein Bühnenbild, also nichts «Heiliges».

Surer: Als wir damit vor 14 Jahren angefangen haben, galt das noch als frech. Aber auch das entspricht der Unmittelbarkeit von Kindern, die ihre Puppen am Ende in die Ecke schmeissen. Die Magie liegt darin, dass sich die Kinder selbst mit einer hässlichen Gummipuppe identifizieren und sie auch mal richtig gfürchig finden können. Die Reduktion beflügelt die eigene Fantasie der Kinder.

Können Sie Beispiele für neue Formen nennen?

Grüter: Dazu gehört zuerst die unglaubliche Vielfalt an Figuren, mit denen heute gespielt wird. Ein Extremfall ist das Maltheater «Rabenschwarz und Naseweiss» von Joachim Torbahn: Er braucht nur eine schwarze Leinwand und einen Eimer mit weisser Farbe, um mit Spachtel und Pinsel seine Geschichten zu erzählen. Der Niederländer Lejo setzt seinen Fingern Holzkugeln auf und macht aus ihnen so Wesen mit eigenen Charakterzügen. Wenn die vir­tuose Show in einem Kinderchor gipfelt, glaubt man kaum, dass da nur ein Mensch am Werk war.

Die Produktionen, die Sie zeigen, richten sich an Kinder ab drei bis ab sieben Jahren. Wie kann man sich diesen unterschiedlichen Altersansprüchen anpassen?

Grüter: Das Publikum in Kindertheatern wird immer jünger, weil viele Eltern dreijährige Kinder mitbringen, meist zusammen mit älteren Geschwistern. Deshalb bieten wir ein «Kleinformat» für Kinder ab drei Jahren an. Neu ist auch ein Workshop, in dem Kinder ab fünf Tiere basteln und in einer «Zirkusvorführung» auftreten lassen können.

Und wie können Sie bei den über Siebenjährigen gegen die Konkurrenz durch digitale Medien bestehen?

Surer: Es ist klar, dass sich die Sehgewohnheiten durch die Medien stark geändert haben. Eine Reaktion darauf war wohl bereits das Tempo in unseren eigenen Produktionen. Aber heute sind wir eine Runde weiter. Vor ein paar Jahren waren Games etwas aufregend Neues und Cooles. Seit diese selbstverständlich sind, kann umgekehrt das Live-Erlebnis im Kollektiv wieder das Ausserordentliche sein. Das zeigen mir Reaktionen von Zehnjährigen, die sich wundern, dass es bei uns nicht einen Film zu sehen gibt. Und die staunen, dass Menschen nur für sie auf der Bühne stehen. Einer meinte altklug: Da war ich nicht zum letzten Mal drin!

Sie folgen auch dem Trend, dass Kinderstücke «für Erwachsene» interessant sein sollen. Wie bringt man diese mit Vier- und Siebenjährigen unter einen Hut?

Grüter: Für Kinder ist klar: Es braucht eine tolle Geschichte mit vielen Überraschungen und einem Schluss, bei dem sich alles auflöst. Da darf bei uns auch richtiger Slapstick mit drin sein. Für Erwachsene kann man das mit einer zusätzlichen Humorebene kombinieren. Ein Paradebeispiel dafür ist unser Heldenstück «Wilhelm Kasperli Tell», in dem Kasperli genug hat von seinen harmlosen Geschichten und die Rolle von Tells Sohn Walter übernimmt. Das ist mit dem Bezug zum Kasperli und zur Gründungsgeschichte der Schweiz wirklich ein Stück für alle Generationen.

«Hotzenplotz!»: Premiere So, 28. Oktober (Premiere, ausverkauft), 31. Oktober, 7., 10., 11. November, jeweils 15.00, Figurentheater, Industriestrasse 9, Luzern.

www.luzernertheater.ch

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