Die Basler Technoparade Jungle Street Groove beginnt in wenigen Tagen. Sind Sie nervös?

Alain Szerdahelyi: Jetzt ist noch die Ruhe vor dem Sturm, am Samstag kommt die Nervosität dann aber sicher.

Von aussen betrachtet müssen Sie sich keine Sorgen machen: Die Parade gilt als gut organisiert.

Wir haben auch einen langen Weg hinter uns: Die Route der Parade wurde mehrmals geändert, am Anfang führte sie ja quer durch die Stadt. Heute findet sie nur noch im Kleinbasel statt – und dank langwieriger Abklärungen mit der Kantonsverwaltung und den Rheinhäfen konnten wir sie 2015 bis in den Hafen hinein verlängern.

2005 hat sich eine Gruppe abgesplittert und den «Beat on the Street» gegründet, der seither abwechselnd mit dem Jungle Street Groove stattfindet. Was ist der Unterschied zwischen den beiden?

Wir sind das Original (lacht). Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Klingt nach Konkurrenzsituation.

Konkurrenz würde ich es nicht nennen. Wir haben mehr Erfahrung und sind daher vielleicht ein wenig professioneller unterwegs.

Und musikalisch?

Wir legen den Fokus eher auf Jungle und Techno, während bei ihnen auch Hip-Hop und weniger elektronische Musik im Vordergrund steht. Aber grundsätzlich kann man sagen: Sie haben unser System übernommen, sie machen in etwa dasselbe wie wir.

Schwächt man sich nicht gegenseitig, wenn beide nur alle zwei Jahre stattfinden?

Nein, das glaube ich nicht. Der Vorteil daran ist, dass man so vor Ort anschauen kann, was gut oder weniger gut läuft und allenfalls Anpassungen fürs kommende Jahr machen kann. Und es ist ehrlich gesagt auch einfach nett, nicht jedes Jahr eine Parade auf die Beine stellen zu müssen. Wir sind ein ehrenamtlicher Verein, der während Monaten alles organisiert und am Tag selbst nur rumrennt – da tut es gut, das nicht jedes Jahr machen zu müssen.

Haben Sie sich je überlegt, Sponsoren zu suchen?

Wir haben immer mal wieder darüber geredet, aber sind zum Schluss gekommen, dass genau das Unkommerzielle den Charakter des Jungle Street Groove ausmacht. Das einzige, was wir kriegen, sind Swisslos-Gelder.

Jungle Street Groove kommt vom gleichnamigen Musikstil, der in den 1990er-Jahren hoch im Kurs war. Ist der Name noch aktuell?

Ganz so viele Jungle-Wagen wie am Anfang haben wir nicht mehr, nein. Die Stile haben sich in Richtung Techno und Drum ’n’ Bass verschoben. Schade finde ich, dass wir wenig UK Garage haben, der Sound würde mir persönlich sehr entsprechen.

Die Parade wurde 1995 gegründet, als Tanz-Demonstration gegen die Atombombenversuche Frankreichs – ist Raven heute immer noch so politisch?

Raven ist immer politisch. Dabei geht es aber weniger um links oder rechts, sondern um die Forderung nach Freiraum und Toleranz. Das ist auch heute noch so, das aktuellste Beispiel ist die Street Parade, die letzte Woche stattfand: Da sind Menschen allen Alters, man kann so hin, wie man ist.

Wie äussert sich diese Botschaft an der Jungle Street Groove?

Wir sensibilisieren die Leute darauf, Rücksicht zu nehmen. Dass man den Leuten am Rheinufer nicht ins Rabättli pinkelt. Gleichzeitig fordern wir mehr Toleranz gegenüber Subkulturen: Wir leben in einer immer restriktiver werdenden Gesellschaft, in der Subkulturen kaum mehr Platz finden. Dagegen treten wir an: Auch wer nicht von der UBS gesponsert ist, hat eine Daseinsberechtigung.

Letztes Wochenende forderten drei junge Veranstalter von «illegalen» Partys in Basel das «Zürcher Modell», wonach Jugendliche auch auf der Allmend feiern dürfen sollen. Was halten Sie davon?

Ich habe früher auch illegale Partys veranstaltet und schon damals mitbekommen, wie hoch die Willkür der Behörden ist. Teilweise gab es unglaublich nette Polizisten, die uns sogar das Tor zum Zoll Otterbach-Areal aufgeschlossen haben. Und in anderen Fällen gingen sie sehr rigide vor – kaum hatte man aufgestellt, musste man schon wieder das Feld räumen. Es kommt sehr drauf an, wer gerade im Büro sitzt. Diese Willkür finde ich sehr schade. Deshalb finde ich das Zürcher Modell vorbildlich: Die Polizei weiss, was läuft und hat eine Ansprechsperson, die zur Rechenschaft gezogen werden kann, wenn Abfall liegen bleibt oder was passiert.

Der Regierungsrat erwiderte, es gäbe in Basel keine passenden Veranstaltungsorte. Sehen Sie das anders?

Ja. Der Zoll Otterbach oder die Lange Erlen sind gut geeignet – es kommt nicht von ungefähr, dass dort bereits Partys stattfinden. Da stört man niemanden.

Der Regierungsrat bemerkte zudem, es gäbe bereits ein einzigartiges Jugendangebot in Basel.

Das ist eine Alibi-Haltung. Veranstaltungen wie der Pärkli-Jam sind toll, ich bin selber im St. Johann aufgewachsen und finde es gut, dass man diesen Park belebt. Aber es ist eine einseitig betriebene Jugendpolitik. Für ein «einzigartiges Jugendangebot» müssen auch alternative Musikveranstaltungen möglich gemacht werden, solche, die nicht schon in irgendeiner Form unterstützt werden.

Worin gründet diese Einseitigkeit?

Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass die Stadt Bands und DJs nicht gleich wertet.

Inwiefern?

Bei Bands scheint mir die Akzeptanz in der Stadt höher. Was schön und gut ist, aber halt eben den Stellenwert von DJs und Live Acts aus der elektronischen Musik mindert.

Untergrund passt halt nicht ins System.

Deshalb braucht es unbedingt eine Entkriminalisierung. Ein offener Umgang mit solchen Veranstaltungen und Personen, die man im Ernstfall belangen kann. Ich habe damals nach den Partys jeweils selbst stundenlang in der brütenden Hitze Zigistummel und leere Bierdosen aufgesammelt. Und ich bin mir sicher, dass die jetzigen Veranstalter auch bereit wären, Verantwortung zu übernehmen. Die Nachfrage und das Bewusstsein sind da, jetzt liegt es an der lokalen Politik, zu reagieren und sich an Zürich ein Vorbild zu nehmen.


Jungle Street Groove 18. August, entlang dem Kleinbasler Rheinufer.
Gestartet wird um 14 Uhr beim Theodorsgraben. Weitere Infos:
www.junglestreetgroove.ch