Raubkunst-Debatte
Bringt endlich Licht ins Dunkle! Die Forderung ist klar – die Reaktion des Kunsthauses Zürich umso ernüchternder

Das Kunsthaus Zürich verspricht an einer Medienorientierung, die internationale Resonanz fand, (ein bisschen) Transparenz in der Sache Bührle-Sammlung. Wer glaubt’s?

Daniele Muscionico
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Verantwortliche von Kunsthaus und Stiftung E.G. Bührle an der Medienorientierung. Sie suchen «die Wahrheit» in den Bührle-Akten.

Verantwortliche von Kunsthaus und Stiftung E.G. Bührle an der Medienorientierung. Sie suchen «die Wahrheit» in den Bührle-Akten.

Keystone

Kann eine Medienorientierung ein Flop sein? Wenn kein Flop, dann doch eine Enttäuschung, das hat sich am Mittwoch am Kunsthaus Zürich bewiesen. Ein erheblicher Tross an Medienschaffenden war angereist, denn Zürich, konkret das Kunsthaus und die Bührle-Sammlung, ist seit Wochen Ort internationaler Kunst-Erregung. Bringt Licht ins Dunkle, legt die Geschichte offen, lauteten die Forderungen – selbst von ehemaligen Mitgliedern der Bergier-Kommission.

Doch die Kamerateams, Radiomenschen und auch Kolleginnen aus Deutschland zogen nach der Orientierung mit (fast)leeren Händen von dannen: Das Kunsthaus wollte über die Provenienzforschung in Bezug auf die in der Kritik stehende Sammlung Bührle informieren, Christoph Becker, Kunsthaus-Verantwortlicher, stellte sich den Medien. In der Stunde der Wahrheit zeigte er sich defensiv.

Ein männlicher Sixpack rechtfertigt seine Arbeit

Die Inszenierung immerhin beeindruckte: In der Raummitte stapelten sich Berge von fein säuberlich aufgebauten Bührle-Akten aus dem neuerdings öffentlich zugänglichen Bührle-Archiv: das Corpus Delicti quasi. Am Tisch dahinter aufgereiht sodann ein Bollwerk ausschliesslich aus Männern − Stimmführer Christoph Becker, Kunsthausdirektor sowie Vertreter der Stiftung Sammlung E. G. Bührle. Ans Ende des Tisches verbannt sass jener, um dessen Arbeit es schliesslich − auch − gehen sollte: Provenienzforscher Lukas Gloor, seit 2002 Direktor der Sammlung.

«Es geht hier nicht um gut oder böse, es geht um die Wahrheit»

Bevor um seine Person Brisantes bekannt wurde, droschen die Gastgeber leeres Stroh und kauten längst Bekanntes wieder. «Bührle hat keine Nazi-Sammlung hinterlassen», war etwa zu hören, als ob das jemals zur Debatte stand. Aufschlussreich war auch das Votum: «Es geht hier nicht um gut oder böse, es geht um die Wahrheit.»

Dabei war nicht «die Wahrheit» das Thema − wessen «Wahrheit» auch immer −, nein, im Raum stand stattdessen Konkretes: Die auch von Stadt und Kanton geäusserte Forderung, dass nicht die Bührle-Stiftung die Provenienz ihrer eigenen Bilder abklären solle, ­sondern ein unabhängiges Gremium dafür verantwortlich sein muss. «Die Kritik an uns wurde gehört», brachte Christoph Becker schliesslich über die Lippen. Mehr an Zugeständnis seinerseits war nicht.

«Die Kritik an uns wurde gehört»

Beckers Haltung machte klar: Die Nerven am Kunsthaus liegen blank. Wie sonst hätte er auf eine kritische Nachfrage eines Journalisten derart die Fassung verlieren können? Denn so ist und bleibt die Sache in Zürich, am Mittwoch wurde es besiegelt: Das Kunsthaus als Besitzerin der Dauerleihgabe und die Stiftung Sammlung E. G. Bührle als Eigentümerin der Bilder haben keinerlei Absicht, ähnlich wie kürzlich das Berner Kunstmuseum allfällige Raub- oder Fluchtkunst an die Erben zurückzugeben. Im Gegenteil, man ist sich seiner Sache absolut sicher: «Man kann heute feststellen, dass die Sammlung Bührle keine ungeregelten Fälle von Raubkunst enthält.» Das Verdikt vom Mittwoch äusserte Lukas Gloor nicht zum ersten Mal.

Dennoch steht im Kunsthaus neuerdings das Folgende fest: Die von Experten und Historikern geforderte Offenlegung des Leihvertrages zwischen Museum und Stiftung sei aus rechtlichen Gründen zwar nicht möglich. Es wird aktuell dennoch daran gearbeitet, um allenfalls «Eckpfeiler» der Verträge öffentlich zu machen. Im Januar erfährt man möglicherweise mehr.

Das Museum versprach zudem inhaltliche und methodische Verbesserungen des kritisierten Dokumentarraums in der Sammlung Bührle, der die Hintergründe der Bilder aufzeigen soll. Noch im Dezember, so die Ansage, werden thematische Führungen zur Provenienzforschung angeboten, im Januar dann soll die Sammlung online «benutzerfreundlich» neu lanciert werden

Lukas Gloor, Bauernopfer oder Buhmann?

Nichts relevant Neues am Kunsthaus demnach? Ganz so ist es nicht. Doch die heisse Kartoffel wurde so beiläufig serviert, dass sie ungehört auch unter den Tisch hätte fallen können: Ob auf eigenen Wunsch oder auf Drängen, Lukas Gloor tritt auf Ende des Jahres von seinem Amt zurück. Damit geht die Provenienzforschung – endlich – in die Verantwortung des Kunsthauses über.

Zum Abschluss von Gloors Ära liess man an der Medienorientierung seinen 35-seitigen Abschlussbericht über die Jahre 2002–2021 verteilen (er ist online nachzulesen) und gab bekannt: Ein vom Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft beauftragtes «unabhängiges» Expertengremium soll sich mit der Frage befassen, inwiefern die Methodik und das Vorgehen der Stiftung korrekt war. Will heissen: Das Kunsthaus stellt die fast 20-jährige Arbeit des Provenienzforschers – und der von ihm eingesetzten Fachkräfte – auf den Prüfstand. Ob geschönt wurde? Man weiss es nicht. Klarheit tut not. Auf dem Spiel steht der Ruf eines Museums.

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