Bei Thom Yorke weiss man nie. Wie kein anderer Musiker im Rock- und Popzirkus hat der britische Kultsänger immer wieder die Hörerwartungen untergraben. Mehr noch: Er hat das Unerwartete, die Überraschung zum Konzept erhoben. Mit seiner Band Radiohead, aber auch bei seinen Solo-Projekten. Subordination ist nicht sein Ding. So folgen die Konzerte oft einer eigenen eigenwilligen Logik, die den Gesetzen der Dramaturgie zuwiderlaufen.

Dementsprechend gross war die Spannung in der Halle 622 in Oerlikon. Was zaubert Thom Yorke aus seiner Wundertüte?

Das Konzert, unterstützt vom Radiohead-Weggefährten Nigel Godrich sowie dem Visual-Artisten Tarik Barri, beginnt sphärisch und introvertiert, wechselt dann aber schnell zu jenen Beats und Sounds, die wir von Yorkes Solo-Alben kennen: repetitive Muster und erstaunlich funky Grooves.

In der Future-Disco

Thom Yorke ist in Tanzlaune und präsentiert in Zürich seine Future-Disco. Seine zerbrechliche, leicht quengelnde Stimme kontrastiert mit den pumpenden Grooves. Das ist reizvoll, im Live-Kontext kommen die ausgefeilten, raffinierten Sounds aber weniger zur Geltung. Stattdessen wird der Sound immer technoider. Die Stimme tritt in den Hintergrund, die Beats dominieren.

Gegen Schluss und in den Zugaben gewinnt die Stimme zum Glück das Primat wieder zurück.
Und Radiohead? Erst als letzte Zugabe interpretiert er «Spectre», den Bondsong, der nie zum Bondsong wurde und den die Band auch noch nie live spielte. Yorke vermeidet es auch in Zürich, sich aus dem Repertoire zu bedienen. Solo kann er ausleben, was mit Radiohead nicht geht, und knüpft dort an, wo das epochale «Kid A» aufgehört hat.

Doch das wussten wir schon. Und die Sounds und Beats sind bei aller Raffinesse auch nicht wirklich neu. Es war ein gutes, hitziges Konzert in der Sauna-Halle 622, aber wo war das Unerwartete? Selbst den Avantgarde-Anspruch vermag Yorke nicht mehr zu erfüllen.

Was kann uns Pop noch erzählen, wenn selbst an der Speerspitze der Pop-Avantgarde Stillstand auf hohem Niveau regiert? Die grösste Überraschung war, dass auch Thom Yorke uns nicht mehr überrascht.