Kino
«Race» – eine späte Film-Ehre für den schwarzen Spitzensportler Jesse Owens

Vor 80 Jahren schrieb Jesse Owens bei den Olympischen Spielen von 1936 Sport-Geschichte. Zwei seiner Töchter erzählen von der Zeit danach.

Marlène von Arx, Los Angeles
Drucken
Teilen
Der noch unbekannte Stephan James rennt als Jesse Owens zur Goldmedaille und zum grossen Triumph in Berlin.

Der noch unbekannte Stephan James rennt als Jesse Owens zur Goldmedaille und zum grossen Triumph in Berlin.

Focus Features

Lange bevor die ersten afroamerikanischen Sportler in den obersten Baseball-, Football- oder Basketball-Ligen zugelassen waren, gewann der schwarze Leichtathlet Jesse Owens vier Goldmedaillen an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

Owens war weder der erste schwarze US-Goldmedaillen-Gewinner (John Baxter Taylor gewann in der 4×400-Meter-Staffel 1908 Gold in London und Dehart Hubbard im Weitsprung 1924 in Paris) noch der einzige schwarze Goldläufer an den Spielen in Berlin.

Aber mit seinen vier Siegen über 100 m, 200 m, Weitsprung und in der 4×100-Meter-Staffel liess er alle anderen Sportler der sogenannten Nazi-Olympiade hinter sich und widerlegte Hitlers Theorie der arischen Überlegenheit. Auf diesen historisch brisanten Moment in Jesse Owens’ Biografie konzentriert sich der Spielfilm «Race» von Stephen Hopkins.

Erst 1976 vom Präsidenten geehrt

Eigentlich erstaunlich, dass dieser Triumph, der damals von Propaganda-Filmerin Leni Riefenstahl festgehalten wurde, erst 80 Jahre später von den Amerikanern fürs Kino verfilmt wird.

Vielleicht dauerte es so lange, weil auf der sprichwörtlichen Kehrseite der Medaille der Rassismus im Land des Olympia-Helden eingraviert ist: Es gab keine Einladung ins Weisse Haus, kein Gratulationsschreiben von Präsident Roosevelt, und zu einer Feier zu seinen Ehren im New Yorker Waldorf Astoria Hotel musste der Weltrekordhalter durch die Hintertür und im Frachtlift, da der Haupteingang nur für Weisse war.

Für seine Verdienste wurde Owens erst 1976 von Präsident Gerald Ford mit der Friedensmedaille geehrt. «Hätte er eine andere Hautfarbe gehabt, wäre das mit der Anerkennung schneller gegangen», ist seine Tochter Beverly Owens Prather, die mit ihrer Schwester Marlene Beraterin an «Race» war, überzeugt. «Aber ich bin froh, dass es jetzt den Film gibt, und ich bin sicher, unser Vater schaut vom Himmel herab und denkt: Jetzt ist die Zeit gekommen.»

Owens’ drei Kinder Gloria (*1932), Beverly (*1935) und Marlene (*1939) kennen die Zeit ihres Vaters als Star-Athlet nur von Erzählungen – und hauptsächliche von Drittpersonen: «Es war kein Thema am Familientisch.

Wir erfuhren mehr, wenn er irgendwo geehrt wurde oder er eine Rede hielt», so die pensionierte Sozialarbeiterin Marlene Owens Rankin, die die Jesse-Owens-Stiftung mitverwaltet. «Und eine Sieger-Foto-Wand gab es erst, als die Eltern nach Arizona zogen, aber da waren wir schon erwachsen», doppelt Beverly nach.

Keine Werbeverträge

Das olympische Gold in ein Auskommen umzuwandeln, entpuppte sich für Owens schwieriger als erwartet. Ohne den Amateur-Status konnte er an keinen Wettkämpfen mehr teilnehmen (die nächsten zwei Olympischen Spiele fielen wegen des Zweiten Weltkrieges zudem aus).

Werbeverträge gab es für Schwarze keine. Der deutsche Sportartikelfabrikant Adi Dassler soll ihm immerhin im olympischen Dorf Adidas-Schuhe gegeben haben.

Marlene Owens Rankin: «Nach der Olympiade wurden gewisse Versprechen nicht eingehalten. So befreundete sich Vater mit Bill Bojangles Robinson und trat mit ihm auf, obwohl er nichts von Musik verstand.» Owens versuchte alles Mögliche: als Besitzer einer Chemischen Reinigung, Jugendarbeiter und als Sport-Promoter, der sich hin und wieder auch auf ein Rennen gegen ein Pferd einliess.

«Race»: Olympia-Politik

Die Biografie «Race», englisch für «Rennen» wie auch für «Rasse», rast im
Eilzugstempo an die Ohio State University, wo sich Jesse Owens (Stephan James) unter der Betreuung von Coach Larry Snyder (Jason Sudeikis), einem etwas schroffen, aber weitsichtigen Gesellen, zum Ausnahme-Sprinter entwickelt.

1935 rennt Owens drei Weltrekorde innerhalb von 45 Minuten. Der US-Olympia-Verband debattiert derweil, ob man die Sommerspiele in Hitlers Nazi-Deutschland boykottieren soll. Der durchtriebene Delegierte Avery Brundage (Jeremy Irons) empfiehlt die Teilnahme nach einer «Erkundungsreise» und ebnet so den Weg für Owens Triumphzug gegen die «arischen Sportler», unter denen es auch Owens-Bewunderer gab.

«Race» zeigt Owens’ paradoxe Situation zwischen der damaligen, amerikanischen Rassentrennung und dem deutschen Herrenvolk-Mythos. Emotional kommt der Film seiner Heldenfigur zwar nur selten nahe, aber Regisseur Hopkins gelingt es, die Spannung dieses widersprüchlichen Kapitels in der Sport- und Weltgeschichte bis ins Ziel aufrechtzuerhalten. (MaV)

Schliesslich wurde er zahlungsunfähig, aber kam als Goodwill Ambassador und Motivations-Redner wieder auf die Beine. Die Töchter liess er den Druck, der auf ihm lastete, nicht spüren. «Daddy war streng, aber auch sehr geduldig», erinnert sich Beverly an den 1980 an Lungenkrebs Verstorbenen.

«Er wurde nur einmal wütend auf mich, weil ich meine Haare gefärbt hatte.» Und Marlene fügt lachend an: «Manchmal wäre mir ein Klaps auf den Hintern lieber gewesen als seine Strafpredigten.»

Sportliches Talent nicht vererbt

Das sportliche Talent haben die Töchter nach eigenen Angaben nicht geerbt. Jesse Owens versuchte den Mädchen vergeblich, Golf beizubringen, und Marlenes Sohn, der einzige männliche Nachkomme in der Familie, sei Hobbysportler geblieben, weil er sich nicht mit dem Erbe des Grossvaters messen wollte. Ein Erbe, zu dem in Berlin eine nach Jesse Owens benannte Strasse und eine Suite im Olympia-Stadium gehört.

Übrigens: Die Cinemateca do MAM in Rio zeigt diesen Sommer den Dokumentarfilm «Olympic Pride – American Prejudice» über die 17 anderen, im Gegensatz zu Jesse Owens in Vergessenheit geratenen schwarzen US-Athleten, die sich 1936 in die Höhle von Hitler wagten. Vier von ihnen gewannen ebenfalls Gold: Cornelius Johnson im Hochsprung, John Woodruff über 800 m, Archie Williams über 400 m und Ralph Metcalfe in der 4×100-Meter-Staffel.

Aktuelle Nachrichten