Keiner leidet so schön wie Martin Walser in seinem neuen Buch

In «Spätdienst» entlockt der Schriftsteller Martin Walser seinen literarischen Miniaturen Melancholie und poetische Kraft

Stefan Volk
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Martin Walser während einer Lesung im Stuttgarter Literaturhaus. Der 91-jährige Schriftsteller stellt sein Buch «Spätdienst» vor. (Ulf Mauder/Keystone/DPA)

Martin Walser während einer Lesung im Stuttgarter Literaturhaus. Der 91-jährige Schriftsteller stellt sein Buch «Spätdienst» vor. (Ulf Mauder/Keystone/DPA)

Ein neues Buch von Martin Walser? Das liest sich fast nicht mehr wie eine Neuigkeit, so regelmässig wiederholt es sich. Und doch bleibt es stets bemerkenswert. Keinesfalls nur wegen des hohen Alters des mittlerweile 91-jährigen Deutschen. In «Spätdienst», einer sorgsam komponierten und mit Arabesken seiner Tochter Alissa hübsch illustrierten Sammlung literarischer Miniaturen, legt er bereits im Titel den Finger in die Wunde der eigenen Vergänglichkeit. Und auch in den im Buch enthaltenen Gedichten, Aphorismen und essayistischen Notizen setzt er sich mit dem Tod auseinander.

Allein, dass da ein alter Mann über Altwerden, Demenz und Sterben nachdenkt, wäre nur halb so faszinierend, wäre dieser alte Mann nicht ein deutschsprachiger Grossschriftsteller, einer der letzten seiner Art. Jedes neue Walser-Werk ist vor allem deshalb ein Ereignis, weil selbst das penetranteste dozierende Geraune, die prätentiösesten Wortprahlereien, zu denen sich Walser in Spätwerken wie «Muttersohn» oder «Ein sterbender Mann» verstieg, mit ihrer sprachlichen Wucht begeistern. Noch im gelangweilten Gähnen jagt das dem Leser literarische Lustschauer über den Rücken.

Selbstgefällige Provokationen

Auch die schlüpfrigen Ausfälle, die sich dieser Sprachkünstler immer wieder leistet, wie zuletzt in seinem Liebesroman «Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte» (2018), in dem der Protagonist eine Widersacherin wiederholt als «trockene Scheide» verunglimpft, auch diese selbstgefälligen sexistischen Provokationen, mit denen Walser sich als Feuilletonschreck inszeniert, lassen sich nicht einfach abtun. Viel zu virtuos sind sie formuliert. Von einem seltenen Glücksfall wie «Statt etwas oder Der letzte Rank» von 2017 einmal abgesehen, waren Walsers Romane zuletzt insgesamt eine Zumutung, in fast jedem einzelnen Satz aber grandios.

So gesehen, macht es Walser seinem Publikum diesmal leicht. Bei «Spätdienst» kann man getrost hinein- und herauslesen, auch wenn «Bekenntnis und Stimmung», so der Untertitel, lose im Wechsel der Jahreszeiten arrangiert sind. Vieles, auch der melancholische Grundton, erinnert an Walsers «Messmer»-Trilogie. Fand Messmer als Protagonist schon in «Messmers Momente» kaum noch Erwähnung, ist er nun ganz verschwunden.

Zeitlos und leicht

Geblieben ist ein namenloses lyrisches Ich, das sich freilich mit den gleichen, alten Walser-Problemen herumschlägt: dem Tod, der Sehnsucht, der Liebe, dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit – und mit seinen Kritikern. Gleich mit der Widmung lässt er erahnen, dass ihm diese Feindschaft längst zum kreativen Quell geworden ist: «Für Gegner: ein gefundenes Fressen. Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute.» Wie aktuell die kleinen Texte sind, die nie über ein paar Zeilen hinausgehen, bleibt ungeklärt. Zu den Literaturkritikern, an die Walser seine Seitenhiebe verteilt, zählen neben Volker Weidermann oder Iris Radisch von der «Zeit» auch der ehemalige «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher, Hellmuth Karasek und Walsers einstiger Intimfeind Marcel Reich-Ranicki, die alle drei tot sind. Zeitlos dagegen wirkt die mit Selbstironie gepaarte Wehmut, die aus den Zeilen spricht, das Wortspiel mit existenziellen Widersprüchen: «So einsam, wie ich bin, kann ich nicht sein.»

Man könnte mit Walser verzweifeln an dieser tristen Welt, zögen seine Texte nicht eben daraus ihre Kraft: «Ich bin ein angebundenes Tier, das so tut, als möchte es gern frei sein, während es mit Genuss die Gefangenenkost frisst.» Möglicherweise liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis von Walsers Werk verborgen, dass es gerade die Qualen sind, die er loswerden will, die ihn ausmachen.

Martin Walser: Spätdienst. Rowohlt, 208 S., Fr. 33.-

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