Chaos in Cannes. Die Schlangen vor dem Grand Palais sind gigantisch. Produzenten und andere Grössen aus der Filmbranche sind verzweifelt, viele von ihnen schaffen es – trotz Ticket – nicht rein. Ganz Cannes will den neuen Film von Quentin Tarantino sehen. Denn mit «Once Upon a Time in Hollywood« ist der 56-jährige US-Kultregisseur dorthin zurückgekehrt, wo er einst seine internationale Karriere lanciert hat.

Vor 25 Jahren präsentierten Sie «Pulp Fiction» in Cannes. Jetzt sind Sie mit «Once Upon a Time in Hollywood» zurück. Wer ist Quentin Tarantino heute im Vergleich zu damals?

Quentin Tarantino: Ein routinierterer Filmemacher. Damals war ich jung und wütend. Heute bin weder das eine noch das andere (lacht).

Wie hat sich Ihre Wut gelegt?

Ich bin heute sehr zufrieden und muss mir nichts mehr beweisen. Dies ist mein neunter Film. Und ich habe letztes Jahr geheiratet. Zum ersten Mal. Es ist das erste Mal, dass ich an einem Film gearbeitet habe und gleichzeitig in einer ernsthaften Beziehung war. Daniela (Model und Sängerin aus Israel, Anm. d. Red.) hat ein schönes Zuhause geschaffen, in das ich jeden Abend zurückkehren konnte. Ich wusste nicht, was ich bis dahin verpasst hatte, aber ich bin auch froh, habe ich es verpasst, denn ich wartete offenbar auf die richtige Frau.

«Once Upon a Time in Hollywood» ist eine Hommage an das Hollywood Ihrer Kindheit.

Ja, aber ich meine damit nicht nur die Filmindustrie, sondern auch die Stadt. 1969 war ich sechs Jahre alt und ich erinnere mich gut daran, was im Fernseher lief und welche Radiostation man damals hörte. Ich bin alt genug, um dabei gewesen zu sein, aber noch nicht zu alt, um keinen lebendigen Film darüber machen zu können. Der Film ist eine Erinnerung – wie es «Roma» für Alfonso Cuarón war.

Was ist denn besonders an 1969?

1969 explodierte die Hippie-Kultur in Hollywood. Mark Harris schreibt in seinem Buch «Pictures at a Revolution», dass nach der Oscar-Verleihung von 1968, als «Bonnie and Clyde» und «The Graduate» drei Oscars abholten, dem alten Hollywood noch nicht klar war, dass es vorbei war und dem neuen nicht, dass es angekommen war. 1969 war es dann offensichtlich: Das neue Hippie-Hollywood war das Hollywood. Doch was 1969 ausgedacht wurde, fühlte sich Ende 1970 schon wieder veraltet an. Ich betrachte hier also nur ein ganz kleines Zeitfenster – und das aus einer eher anthropologischen als aus einer nostalgischen Perspektive.

Der offizielle Filmtrailer zu «Once Upon A Time In Hollywood».

Hollywood hat in den 27 Jahren, seit Sie Ihren ersten Spielfilm ins Kino brachten, grosse Veränderungen durchgemacht. Was vermissen Sie?

Was ich am meisten vermisse, ist, dass heute nicht mehr auf Film gedreht wird. Und: Ich habe als Indie-Filmemacher angefangen. In den Neunzigerjahren gab es für uns mehr als nur einen Nischenmarkt. Die Filme wurden nicht nur in Kunstkinos in New York und Los Angeles gezeigt. Ich machte eine ganze Welttour mit «Reservoir Dogs». Dieser Markt existiert nicht mehr. Klar kann man Filme heute streamen, aber das ist nicht das Gleiche, wie wenn es eine lebhafte Filmbewegung gibt, die mehr als nur das Cineasten-Publikum anspricht. Aber ich will mich nicht beklagen: Wir Filmemacher haben es besser als die Musiker. Die machen heute nur noch Alben als Werbemittel für ihre Konzerte.

Quentin Tarantino in Cannes.

Quentin Tarantino in Cannes.

Stimmt es, dass «Once Upon a Time in Hollywood» zuerst als Roman gedacht war?

Ja, ich schrieb ein Jahr lange an zwei Kapiteln: eines über den Stuntman Cliff, der von Brad Pitt gespielt wird, und eines über die Karriere von Schauspieler Rick, im Film dargestellt von Leonardo Di Caprio. Dann kam der Hollywood-Agent Marvin dazu, worauf ich anderthalb Jahre lang Konversationen zwischen Rick und Marvin aufschrieb, einfach um ein Gefühl für die Figuren zu bekommen. Dann musste ich mir überlegen, was die Geschichte sein sollte. Zuerst dachte ich, ich stecke sie in einen melodramatischen Plot. Aber dann fand ich, diese Figuren haben das gar nicht nötig. Es reicht, sie einfach ein paar Tage zu begleiten.

Zu den fiktiven Figuren kamen noch die reale Schauspielerin Sharon Tate, gespielt von Margot Robbie, ihr Mann Roman Polanski, Charles Manson und Bruce Lee dazu. Von ihnen lebt nur noch Polanski. Hatten Sie mit ihm Kontakt?

Ich habe Roman nicht gesehen, seit das Drehbuch fertig ist, aber als er hörte, dass ich diesen Film mache, hat er sich bei einem gemeinsamen Freund danach erkundigt. So habe ich diesen gemeinsamen Freund das Drehbuch lesen lassen. Er weiss also, was Sache ist. Die Figuren sind alle einfach Teil der Atmosphäre der Zeit. Es ist alles metaphorisch zu verstehen. Der Film fasst in gewisser Weise auch meine Karriere zusammen. Es war nicht die Absicht, aber von allen bisherigen Filmen ist ein bisschen etwas drin. Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, sagte mein Regie-Assistent, es sei, wie wenn man alle meine Filme in einen zusammengerollt habe. So ist es nicht ganz, aber ich weiss, was er meint.

Gehören Leonardo DiCaprio und Brad Pitt zu einer aussterbenden Spezies von Filmstars?

Wenn es noch mehr gibt, sollen sie sich bitte melden! Julia Roberts kann man wohl noch dazu zählen. Denn es stimmt: Wir haben heute eher Promis als Filmstars. Manchmal ist die Rolle der Star und nicht der Schauspieler. Zum Glück bin ich in der privilegierten Situation, dass ich einen Film machen kann, der sich zwei der besten Schauspieler ihrer Generation leisten kann.

«Once Upon a Time in Hollywood» ist Ihr neunter Film. Sie sagten einmal, nach dem zehnten Film hören Sie auf. Gilt das noch?

Ja, ich habe gemacht, was ich machen wollte und sollte. Jetzt ist dann Zeit, die Pferde in den Stall zu holen.