Kinodrama

Pumpen, bis das Hirn platzt: «Goliath» zeigt die grosse Männlichkeitskrise

Muskelkult: Der von Sven Schelker gespielte David wird im Film zum «Goliath» – mithilfe von Steroiden.

Muskelkult: Der von Sven Schelker gespielte David wird im Film zum «Goliath» – mithilfe von Steroiden.

In «Goliath» nimmt ein junger Vater Steroide, um nicht wie ein Versager zu wirken. Was stellt der Beschützerinstinkt mit der männlichen Psyche an? Regisseur Dominik Locher fand die Antworten auch bei sich selbst.

Männer, macht euch gefasst! Selten hat ein Film derart brutal mit dem männlichen Ego abgerechnet wie nun «Goliath». Der Film kommt auch exakt zum richtigen Zeitpunkt. Wer auf das ablaufende Kinojahr zurückblickt, stellt fest: 2017 war das Jahr der starken Frauen.

Der erfolgreichste Schweizer Film ist «Die göttliche Ordnung» und handelt vom Kampf für das Frauenstimmrecht; der erfolgreichste Film weltweit ist «Beauty and the Beast» und zeigt eine feministische Prinzessin; und mit «Wonder Woman» hat es die erste grosse Superheldin auf die Leinwand geschafft.

Und jetzt kommt also «Goliath» und zeigt auf der anderen Seite des Geschlechterspektrums die grosse Männlichkeitskrise. Das neue Kinodrama des Aargauer Regisseurs und Drehbuchautors Dominik Locher handelt von einem jungen Mann namens David.

Und David hat ein Problem: Er ist kein Goliath. Sondern nett. Zu nett. Bis er und seine schwangere Freundin Jessy in der S-Bahn angegriffen werden. Und David vom Gefühl übermannt wird, nicht Mann genug zu sein.

Der Trailer zum Film "Goliath"

Der Trailer zum Film "Goliath".

  

Plötzlich ein Manko

«Diese Verunsicherung habe ich bei mir selber erlebt, als meine Frau vor ein paar Jahren erstmals schwanger war», erzählt Dominik Locher im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Als sich damals in einem Tram wildfremde Menschen seiner Frau näherten und ihren Bauch anfassen wollten, sei er dazwischengegangen.

«Dieser aufkommende Beschützerinstinkt war ein völlig neues Erlebnis für mich», sagt der 35-Jährige. «Ich bin mit meiner Mutter und zwei Schwestern aufgewachsen, doch nun hatte ich urplötzlich das Gefühl, dass mir das Männliche fehlte.»

Locher unternahm dann zwei Dinge: Er ging erstmals in seinem Leben ins Fitnessstudio («Ich fühlte mich dann wohler in meinem Körper»). Und er schrieb das Drehbuch zu «Goliath».

Darin schickt er auch David ins Fitnessstudio, wo sich dieser zum Goliath macht – mithilfe von Steroiden.

«Sie sind die Droge unserer Zeit», sagt Locher. «Männer finden es zunehmend wichtig, wie ihr Körper aussieht. Dank Steroiden erzielen sie schnellere Erfolge.» Als er seinen Film Berufsschülern zeigte, hätten sie ihm bestätigt, dass Steroide bei ihnen ein grosses Thema seien.

«Als Filmemacher muss man dort hingehen, wo es wehtut»: Regisseur Dominik Locher.

«Als Filmemacher muss man dort hingehen, wo es wehtut»: Regisseur Dominik Locher.

Lochers Hauptdarsteller Sven Schelker («Der Kreis») legte sich für «Goliath» neun Kilo Muskelmasse zu. Natürlich ohne Steroide, dafür mit rigorosem Training über eine Zeitspanne von zehn Monaten. Der Schauspieler trainierte fünf Mal pro Woche zwei Stunden lang und nahm jeden Tag 3500 Kalorien ein.

Mit breiten Schultern und dicken Armen wirkt er im Film wie ein völlig anderer Mensch.

Die Verwandlung seines Davids zu Goliath ist furchteinflössend, denn die Stoffeinnahme wirkt sich auch mental aus. Der werdende Vater findet im Film keinen gesunden Umgang mit der Droge, er wird aggressiv und beginnt andere Leute anzupöbeln – seine Mitarbeiterin, die Kassiererin im Lebensmittelgeschäft, und sogar seine schwangere Freundin.

Jasna Fritzi Bauer und Sven Schelker in «Goliath»: Statt zum Beschützer wird er zur Bedrohung.

Jasna Fritzi Bauer und Sven Schelker in «Goliath»: Statt zum Beschützer wird er zur Bedrohung.

«Statt zum Beschützer wird er zur Bedrohung», bringt Locher die tragische Dimension seines Films auf den Punkt.

Furchteinflössende Verwandlung

Locher inszeniert seine Filmhandlung ohne falsche Sentimentalität. «Goliath» ist dreckig, unberechenbar und von einer Wucht, die man in Schweizer Filmen nur selten antrifft. Woher kommt das?

«Push the envelope», habe ihm ein Lehrer immer geraten, als er vor ein paar Jahren eine Filmschule in Los Angeles besuchte. Locher versteht das so: «Man soll Sachen nicht halb erzählen, sondern dort hingehen, wo es wehtut, wo man als Geschichtenerzähler auch selber etwas riskiert.»

Zum Beispiel, indem man Figuren auf die Leinwand bringt, die keine Sympathieträger sind. Figuren wie David und Jessy.

Locher sagt aber auch gleich, was «Push the envelope» für ihn nicht bedeutet: «Ein befreundeter Schweizer Filmemacher schlug vor, dass ich mein Ende umschreibe und düsterer mache. Sonst würde mein Film nie an einem grossen Festival wie in Venedig laufen.» Für Locher kam das aber nicht infrage.

Ein Funke Hoffnung musste sein. Er will «Goliath» nicht als Warnung verstanden wissen an Paare, die gerade ans Kinderkriegen denken. Sondern als Plädoyer für eine bessere Kommunikation untereinander.

«Echte Männlichkeit bedeutet für mich, dass ein Mann sich traut, mit seiner Partnerin über seine Unsicherheiten zu reden. Das hilft, diese Unsicherheiten abzubauen.»

Goliath (CH 2017) 87 Min. Regie: Dominik Locher. Mit Sven Schelker, Jasna Fritzi Bauer u.a. Ab Donnerstag 30.11. im Kino.

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