Die Spaghetti von Nonno, die Blini der Babka, der Apfelkuchen der Mutter – dass Liebe durch den Magen geht, weiss die ganze Welt. Im aargauischen Boswil weiss man mehr. Nämlich, dass Liebe auch durch die Ohren geht. Darum spielt und speist man heuer am Klassikfestival Boswiler Sommer unter dem Motto «Delikatessen». Und das ist durchaus ernst gemeint.

Jeder Musiker darf im Programmheft seine Leibspeise vorstellen (Geiger Sebastian Bohren hat etwa im Studium täglich eine Tafel Schoggi verputzt und Klarinettenstar Sebastian Manz seine knoblauchfreie Kindheit mit einer regelrechten Passion für eben jene Knolle besiegelt) – und im Konzert seine «Leibmusik» spielen, sprich: ein Werk, das ihm besonders am Herzen liegt. So entsteht ein sehr persönliches Festival, überbordend an musikalisch-kulinarischen Entdeckungen. Künstlerischer Leiter Andreas Fleck bestätigt: «Es gibt das Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Oft gilt das auch für die Klassik. In Boswil präsentieren wir unserem Publikum mit jedem Konzert eine Spezialität, die er meist noch nicht kennt, aber von der er weiss: es ist eine Delikatesse.»

Von Tom Waits bis Tan Dun

Da schlagen etwa fünf Perkussionisten rund um Johannes Fischer wortwörtlich neue Töne an: mit Tan Duns Cellokonzert, das sich an den Soundtrack zum Kultfilm «Crouching Tiger, Hidden Dragon» anlehnt. In einem weiteren der rund ein Dutzend Konzerte taucht man ein in die Welt spiritueller Klänge mit John Taveners «Svyati – Oh Holy One» und der jungen Cellistin Anastasia Kobekina; dann wieder begibt sich das Ohr des Publikums in nächtliche Gassen zu Songs von Kurt Weill, Sting oder von Tom Waits – letztere gebrummelt auf Frederic Bells Posaune.

Und am zweiten Festival-Wochenende singt Sopranistin Emma Moore passend zum Festivalmotto Rezepte, aber nicht von Betty Bossi, sondern vom West-Side-Story-Komponisten Leonard Bernstein. Der mochte Ochsenschwanzsuppe und Plumpudding offenbar so sehr, dass er aus ihren Rezepten Songs komponierte. Nur den Bleistift zum Mitschreiben können Sie von Anfang an zu Hause lassen, dermassen blitzartig gehts in Bernsteins Küche zu und her.

Wer je behauptete, viele Köche verdürben den Brei, hat den Boswiler Sommer nicht gekannt, gehört oder gekostet. Verschiedene Nationalitäten und musikalische Einflüsse verleihen der Musik hier spezielle Würze. «Denn», so Andreas Fleck: «Gut ist gut, egal, wo es herkommt.» Deshalb sorgt für die kulinarischen Köstlichkeiten vor den Konzerten neu die «Krone» Lenzburg. Und deshalb dürfen dieses Jahr auch gleich drei Werke mit Bezug zu China aufs Konzertprogramm. «Wir sind irgendwie auf den chinesischen roten Faden gekommen», meint der künstlerische Leiter und Cellist dazu lachend. Etwa mit dem Geigenkonzert «Butterfly Lovers», gespielt vom Solisten Xiaoming Wang. «‹Butterfly Lovers› fasst die chinesische Seele sozusagen in Bollywood-Manier», resümiert Fleck. «Ganz schöner Kitsch. Aber wenn Kitsch mit Geschmack gepaart ist, ist das sehr ernst zu nehmen, denn dann ist es ein echtes Gefühl.»

Echtes Gefühl

Genauso echt wie das spezielle Boswil-Feeling, das bei Publikum und Musikern aufkommt. Bei den Musikern dadurch, dass sie hier in die Musik eintauchen, gemeinsam mit ihr und miteinander leben, wenn sie für die Dauer des Festivals das Künstlerhaus gleich neben der Alten Kirche beziehen. Ob die geografische Konzentration auf rund 30 Meter Radius dazu führt, dass die Konzerte so intensiv sind? Oder ist es eher die Liebe der Musiker zur Sache? «Wir wollen die Zuhörer nicht einführen in die Konzerte, sondern sie darauf einstimmen, sie umarmen mit Musik», verrät Andreas Fleck. «Denn für die Dauer eines Konzertes sind wir eine eingeschworene Gemeinschaft.»

Boswil Alte Kirche. Sa., 1. Juli bis So., 9. Juli. www.kuenstlerhausboswil.ch