Wir besuchen Dieter Ammann (51) in Zofingen. Er wohne hinter den Geleisen, sagt er scherzend, für viele Zofinger gelte dies als Arbeiterviertel. Wir treffen ein geräumiges altes Einfamilienhaus mit Garten an. Musikinstrumente im Wohnzimmer, unter dem Dach ein Flügel und mit Bleistift eng beschriebene Notenblätter. Hier komponiere er, sagt Ammann, und im Moment schlafe er schlecht, weil er spüre, dass es zeitlich eng werde mit seinem nächsten Auftrag.

Sie haben internationale Auszeichnungen gewonnen. Jetzt bekommen Sie den Kulturpreis der AZ Medien. Welche Bedeutung hat er für Sie?

Dieter Ammann: Eine wahnsinnige Bedeutung! Erstens geht er an den Propheten im eigenen Land. Es ist schön, wenn man dort wahrgenommen wird, wo man lebt. Zweitens: Es gibt Medienpräsenz. Sie zeigen den Leuten, es gibt noch welche, die Noten schreiben, sogar von Hand. Es gibt Orchester, die das spielen. Das finde ich grossartig an dieser Förderung.

Sie arbeiten international – warum sind Sie Ihrer Heimat Zofingen immer treu geblieben?

(Zeigt aus dem Fenster.) Hier sehen Sie mein Geburtshaus, dort habe ich früher gewohnt. Und das Altersheim ist auch noch in der Nähe … (lacht). Ich war viel weg, habe auswärts studiert, in Zürich gewohnt, in Berlin. Es war immer ein gutes Gefühl zurückzukommen, die Leute zu kennen. Und ich kann alles von hier aus machen.

Richtig sesshaft geworden sind Sie aber erst mit Ihrer Familie?

Total. Ohne Familie, ohne meine Frau Yolanda, wäre das Leben für mich unvorstellbar – da bin ich ein bürgerlicher Normalo. Ich habe nicht geplant: Ich will mal heiraten, ich will mal Kinder. Das sind Bedürfnisse, die im Unterbewussten schlummern und wach werden, wenn die Zeit reif ist.

Empfehlen Sie Ihren drei Söhnen eine Musiker-Zukunft?

Nicht unbedingt. Es macht Spass, mit ihnen Musik zu machen (er spielt auf dem Handy eine Aufnahme seines Sohnes Amando ab) –, aber sie haben andere hervorragende Begabungen. Von ihren Mathematik- und Physiknoten konnte ich nur träumen.

Wie wichtig war es, dass Sie in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen sind?

Das war enorm wichtig. Unser Vater hat uns Musik vorgespielt, wir haben es nachgespielt. Es gab Instrumente, die man ausprobieren, sich selber aneignen konnte. Aber Begabung ist angeboren und zeigt sich schon in frühester Kindheit. So war es auch bei mir und meinem Bruder.

Das BBC Symphony spielte eben ein Werk von Ihnen, jetzt kommt das Mariinsky Orchester mit Valery Gergiev: Was bedeutet es Ihnen, dass solche Toporchester Sie spielen?

Das ist ein sehr gutes Gefühl. Weil zeitgenössische Musik von grossen Orchestern immer noch selten gespielt wird. Diese Massierung ist für mich einmalig. Und beim letzten Konzert war es das erste Mal, dass ich nicht vorgängig mit Orchester und Dirigent geprobt habe. Ich konnte einfach dasitzen und es geniessen.

Schön ist sicher auch, dass es Weltklasse-Orchester sind.

Ja, aber meine Musik stellt auch hohe Ansprüche. Es braucht schon Können, um diese Stücke akkurat zu spielen. (Zögert.) Das tönt vielleicht unbescheiden, die Ansprüche stelle ich aber auch an mich.

Sind Sie eigentlich nach Aufwand oder pro Stück bezahlt?

Pro Werk. Das Honorar hängt von der Länge und der Grösse der Besetzung ab – ob es also ein Streichquartett oder ein Orchesterwerk ist.

Sie sind auch Professor an der Musikhochschule Luzern. Ihr Brotjob?

Ich mache das nicht nur wegen des Geldes, sondern weil es mir ein Anliegen ist. Es gibt mir finanzielle Freiheit: Wenn ich noch nicht weiss, wie der Takt 92 enden soll, kann ich warten, bis ich die beste Lösung habe.

Den Applaus bekommen die Musiker, nicht der Komponist. Sie haben als Musiker angefangen – warum haben Sie die Seite gewechselt?

Das war, wie so vieles in meinem Leben, ein Zufall. Zuerst wollte ich Germanistik studieren. Dann sagte mir ein Kollege, er studiere Schulmusik, und als ich hörte, wie wenig man dort anwesend sein muss, schwenkte ich um (lacht). Ich war damit nicht ganz ausgelastet und habe deshalb gleichzeitig an der Jazz-Schule Bern Kontrabass studiert. Aus Interesse habe ich nach Jahren dann noch ein Studium in Musiktheorie gemacht, bekam aus Zufall den ersten Auftrag und bin dann langsam zum Komponisten geworden.

Sie haben mal gesagt, Networking sei nicht Ihr Ding. Wäre das nicht wichtig für die Karriere?

Es gibt all die grossen Festivals für zeitgenössische Musik, wo man dabei sein müsste, um Jobs zu akquirieren. Wenn ich zehnmal schneller arbeiten würde und nicht ausgelastet wäre, würde ich vielleicht hingehen. Da sind von den Verlegern über die grossen Dirigenten und Komponisten bis zu wichtigen Ensembles alle anwesend. Aber das interessiert mich nicht. Und netzwerken? Keine Ahnung, wie das geht.

Für heutige Komponisten ist es hart, dass ihre Werke meist nur eine einzige Aufführung erleben, dann in der Schublade landen. Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Stücke mehrfach gespielt werden?

Von aller Musik, die ich mir vorstelle, erdenke, konstruiere oder improvisiere, mache ich ein Konzentrat. Ich lasse allen Ballast weg. Dadurch arbeite ich sehr langsam; ich brauche etwa ein Jahr für ein Stück. In dieser Zeit aber arbeitet das Unterbewusstsein mit. Man lebt über Monate in dieser Klangwelt, und ich kann mir vorstellen, dass das Resultat darum mehr Gehalt hat. Vielleicht merken das die Musiker und die Hörer.

Sind Sie ein Perfektionist?

Als Komponist ja. Da lasse ich nichts schleifen. Als Musiker kann ich fünf auch mal gerade sein lassen.

Weil Sie so wenig produzieren, müssen Orchester und Musiker auf bestehende Stücke zurückgreifen. Ist das Ihr Trick?

Das ist kein Trick. Orchester und Ensembles wollen nur etwas nachspielen, das wirklich gut ist – wegen der Subventionspraxis: Für eine Uraufführung gibt es leichter Geld, Medienecho, öffentliche Aufmerksamkeit. Beim Nachspielen ist man dem freien Markt ausgesetzt. Ich schreibe wenig, vielleicht schaffe ich bis ans Lebensende 35 oder 40 Stücke – aber ich will bei jedem sicher sein, dass ich das absolute Maximum gegeben habe.

In Ihren Stücken gibt es keine Wiederholungen. Damit machen Sie sich das Leben schwer. Aber auch wir Hörer sind gefordert, sind dauernd mit Neuem konfrontiert.

Deshalb ist es vielleicht sogar gut, wenn meine Stücke nicht allzu lange dauern. Das Wiederholungsverbot stammt aus den 1910er-Jahren, von Komponisten wie Schönberg, Berg, Webern. Mich fasziniert es, dass man etwas nur einmal sagt, dass man es auf den Punkt bringen muss. Komponierte E-Musik darf elitär sein. Denn normalerweise wird Musik gebraucht beim Autofahren, Einkaufen, Kopulieren, Beten, Arbeiten … Solche Begleitmusik darf nicht zu komplex sein, sie muss subkutan funktionieren, muss sich von Bauch zu Bauch vermitteln. Ich mache aber Musik für Leute, die sich fordern lassen.

Wie soll man Ihre Musik hören?

Wie ein Naturschauspiel. Bei einem Gewitter denke ich auch nicht: Der Blitz ist eine elektrostatische Entladung. Und bei einem Sonnenuntergang denkt man nicht über die Lichtbrechung nach, sondern man lässt ihn doch einfach auf sich wirken.

Also naiv hinhören?

Ja, fast naiv. Man kann zum Beispiel auf Verdichtungen, auf Ausdünnungen, auf Klangballungen, auf Pulse hören, also eine Art elementares Hören. Und nicht dauernd auf etwas warten, das einem aus der Alltagsmusik vertraut ist. Denn wenn das nicht kommt, hat man die ganze Zeit am eigentlichen Werk vorbeigehört. Das Hören von Neuer Musik hat jedenfalls nichts mit Wissen zu tun.

Sie betonen, wie wichtig Zufälle in Ihrem Leben sind. Was sind Ihre grössten Ziele?

Da mache ich mir keine Illusionen: Hochkultur ist ein Nischenprodukt, nicht ideal, um im landläufigen Sinn ein Star zu werden. Ein schönes Ziel wäre – aber dafür bin ich wohl zu langsam – eine Oper zu schreiben. Ich mag Dynamik und Dramatik – und die unendlichen Möglichkeiten der Verbindung von Sprache und Musik. Und zum Zweiten: Ich würde gerne endlich Roger Federer persönlich kennen lernen. Vielleicht können Sie mir helfen?