Pop
Miley Cyrus mutiert auf ihrem neuen Album «Plastic Hearts» zur Rockröhre

Schrill und laut: Der US-Superstar singt auf «Plastic Hearts», als hätte sie gerade den Stadionrock der 1980er Jahre für sich entdeckt. Spannend dabei ist weniger die Musik, als vielmehr ihr Plädoyer für Selbstbestimmtheit.

Lisa Forster/DPA
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Miley Cyrus singt «Midnight Sky» aus ihrem neuen Album während den MTV Video Music Awards.

Miley Cyrus singt «Midnight Sky» aus ihrem neuen Album während den MTV Video Music Awards.

Ho / MTV

Zum Image der US-Musikerin Miley Cyrus gehört der permanente Wandel. Kaum ein Popstar der jüngeren Generation wechselt so radikal die Rollen wie die 28-Jährige. Angefangen hatte sie als braver Disney-Star Hannah Montana, später ritt sie nackt auf einer Abrissbirne, war Pop-, dann Countrymusikerin. Jetzt: Rock im Stil der 80er-Jahre. «Plastic Hearts» ist voller glattproduzierter, rockig angehauchter Popsongs.

Man stellt sich vor, wie sie damit vor 35 Jahren Stadien hätte füllen können. Das passende Outfit hat sie: Cowboy-Boots, Schlaghose, Blondie-Shirt, schwarze Nägel, Vokuhilafrisur, Cowboyhut. Cyrus spielt mit musikalischen und modischen Referenzen aus einem halben Jahrhundert Popmusik. Sie wird nicht müde, den Einfluss ihrer Vorbilder zu zitieren. Auf «Plastic Hearts» gibt es Zusammenarbeiten mit den Rockkoryphäen Joan Jett und Billy Idol. Zugleich zeigte die US-Sängerin in der Vergangenheit, dass sie selbst grosses musikalisches Verständnis hat.

Auch den Blondie-Hit «Heart of Glass» covert sie wie eine Rockröhre

Und sie hat Sinn für eingängige, frische Melodien, war beteiligt an vielen Hits, die Millionen Fans nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dazu gehören eigene Lieder wie «Wrecking Ball», «We Can’t Stop» oder «Malibu». Ihr Talent zeigt sich aber auch in Coverversionen, etwa «Jolene» – eines der grössten Lieder von Dolly Parton. Oder beim Disco-Rock-Klassiker «Heart Of Glass» von Blondie.

Zu ihren Stärken – und manchmal auch zu ihren Schwächen – gehört ihr Sendungsbewusstsein. Es ist interessant, wie sie sich für ihr jüngstes Werk wieder neu erfunden hat. Was das Musikalische betrifft, muss man leider sagen, dass «Plastic Hearts» wenig Erfreuliches bietet. Die meisten Lieder sind glatt und beliebig – kein Hit strahlt heraus. Die Songs klingen altbacken. Im Hintergrund knattert stets ein mechanisch-poppiges Schlagzeug. Immerhin bergen die Balladen ein paar schöne Melodien. Ausserdem kann man sagen, dass Cyrus’ markante Stimme – tief, kräftig, manchmal krächzend – gut dazu passt, eine «Rockröhre» zu sein.

Selbstbestimmung als Motto dieser Platte

Interessanter als die Musik sind auf «Plastic Hearts» die Songtexte, die von Selbstbestimmung handeln. Die Lieder erzählen von einer Frau, die es lernt, sich selbst zu behaupten. «So gimme what I want or I’ll give it to myself» (Also gib mir, was ich will, oder ich geb’s mir selbst), heisst es etwa in «Gimme What I Want», einem der schöneren Lieder. Ihre Fans kennen Cyrus’ persönliche Geschichte – oder zumindest den Teil davon, den sie mit ihrem Publikum teilt. 2019 wurde die Scheidung von ihrer Jugendliebe Liam Hemsworth bekannt. «Vermutlich jede Frau in meiner Familie vor mir hatte jemanden, hatte Kinder ... Deswegen ist das mir eingefleischt, aber ich habe diese Vorstellung tatsächlich nicht», sagt Miley Cyrus. Sich freimachen von Erwartungen und Rollen – das ist ihre Botschaft, die es wert ist, gehört zu werden.

Miley Cyrus: Plastic Hearts. RCA Records