Er war Bauernsohn, ältestes von 13 Geschwistern, Theologe, Priester, Missionar, Bürgerrechtler, Ethnologe, Agronom, Afrika-Kenner, Journalist, Schriftsteller, Gassenarbeiter, Lyriker und vieles mehr. Doch selbst durch alle diese Bezeichnungen lässt sich der Querdenker und Publizist Al Imfeld nicht annähernd genau beschreiben. Der Mann hatte vier Studienabschlüsse und war, wie er selbst gerne betonte, auf vier Kontinenten zu Hause. Doch bei allem, was er tat, blieb er ein Freigeist.

Al Imfeld liess sich zeitlebens weder einordnen noch fremdbestimmen. Der Publizist und Seelsorger, der im luzernischen Napfgebiet aufgewachsen war, hat in Artikeln und Büchern immer wieder auf Parallelen zwischen afrikanischen Lebensweisen und dem ländlichen Milieu seiner Kindheit hingewiesen. Er schrieb unter anderem über Entwicklungszusammenarbeit, über kolonialistische Unterdrückungsformen, über Religion in Afrika, über den Vietnamkrieg, über afrikanische Lyrik oder über afrikanische Landwirtschaft.

Im vergangenen Februar ist Al Imfeld im Alter von 82 Jahren in Zürich verstorben. Wenige Tage vor seinem Tod erschien im Zürcher Offizin-Verlag sein letztes Buch mit dem prägnanten Titel «Po-Po-Po-esie». Es handelt sich dabei um eine kleine Sammlung erotischer Gedichte mit zuweilen erstaunlich explizitem Inhalt und erotischen Illustrationen des 2016 verstorbenen Künstlers Werner M. Schmid.

«Hosen runter!»

Tatsächlich mag es auf den ersten Blick überraschen, dass ein Theologe kurz vor seinem Tod Gedichte publiziert mit Versen wie diesem: «sie steigt die Treppe / auf die Bühne hoch / ohne Höschen / mit freiem Arsch // ein Erschauern / wie einst in der Kirche / bei der hl. Aussetzung».

Doch was uns oberflächlich betrachtet vorkommen kann wie ein letztes Aufzucken schmutziger Altmännerfantasien, ist für Al Imfeld die logische Fortschreibung eines seiner Lebensthemen. Der Autor, der lange Jahre im Zürcher Langstrassenquartier als Gassenarbeiter wirkte, erklärt im Vorwort zu «Po-Po-Po-esie»: «Ich habe mich ein Leben lang mit Sexualität und Erotik auseinandergesetzt. Für mich war dies stets auch ein Bereich der Entkolonisierung, der Enthüllung und Aufklärung.» Diese Art der Aufklärung sei letztlich das Gegenteil dessen, was gemeinhin unter Pornografie verstanden werde. Pornografie sei Entmenschlichung, ihm aber gehe es ums Differenzieren, schreibt Imfeld: «Es braucht eine Enthüllung (Lass die Hosen runter!), und dafür eignen sich stellvertretend der Po und das Höschen, die Hotpants und der Mini bestens.»

Al Imfeld war auch Autor der "Quartiergeschichten" in Zürich, wo er selbst lebte. Die Aufnahme zeigt ihn in einem mit Tonanlage ausgerüsteten Bus.

Al Imfeld war auch Autor der "Quartiergeschichten" in Zürich, wo er selbst lebte. Die Aufnahme zeigt ihn in einem mit Tonanlage ausgerüsteten Bus.

Aufklärung hat für den Milieukenner immer auch mit Klärung zu tun. Und zur Klärung eines Sachverhalts gehört es wiederum, die Dinge beim Namen zu nennen. Al Imfeld kennt keine Tabus und keine Schamgefühle, wenn es um erotische Inhalte geht.

Die Sprache entblössen

Hier liegt allerdings auch ein wesentliches, vielleicht unlösbares Dilemma dieses Gedichtbands. Der Dichter selbst plädiert im Vorwort seiner Gedichtsammlung für eine Entblössung der Sprache im aufklärerischen Sinn. Er will also ohne Heuchelei direkt zur Sache kommen. Diese Vorgehensweise mag rühmenswert sein. Aber sie steht im Widerspruch zum Wesen der Poesie. Poesie will die Sprache nicht entblössen oder von falschen Fesseln befreien. Poesie will die Sprache nicht entstauben, sondern ihre Mehrdeutigkeit zum Klingen bringen.

Das gelingt Imfeld in «Po-Po-Po-esie» höchstens streckenweise und am ehesten dort, wo er nicht allzu explizit wird: «sehen möchte ich / sehend werden / eintreten ins Heiligtum / über die Brücke / des schönen nackten Körpers». Doch zu oft wird die angestrebte Verspieltheit von einer eher holprigen und allzu expliziten Sprache gebremst: «sie lüftet den String / schwingt ihn / er wird zur Geissel / kommt von der Bühne / und macht Männer blind.»

Der Band sei ein Genuss, schwärmt der Nachwortverfasser und Prominentenanwalt Valentin Landmann zum Abschluss. «Umso mehr ein Genuss, als es erfrischend ist, zu diesem Thema einmal nicht schwerfällig sozialkritische Abhandlungen, sondern leichtfüssige Poesie vor sich zu haben.»

Man möchte Landmann nicht zu nahe treten, aber seine Anwaltschaft für diese Gedichtsammlung dürfte eher persönlich als literaturkritisch motiviert sein. Bestimmt wird uns Al Imfeld als streitbarer Aufklärer und origineller Querdenker in Erinnerung bleiben. Auch als Vermittler afrikanischer Poesie hat er mit seiner 2015 erschienen Gedichtsammlung «Afrika im Gedicht» einen wesentlichen Beitrag geleistet. Ob nun sein letzter Gedichtband «Po-Po-Po-esie» zu seiner literarischen Unsterblichkeit beiträgt, darf allerdings bezweifelt werden.