Musik

Pianist András Schiff: «Bach, das ist eine tiefe innere Liebe»

Auf den Pianisten András Schiff übt Bach eine starke spirituelle Wirkung aus.

Auf den Pianisten András Schiff übt Bach eine starke spirituelle Wirkung aus.

Vor seinen Auftritten in Zürich und Basel treffen wir den Pianisten András Schiff in Berlin zu einem Gespräch über Bach und darüber, was es bedeutet, das «Wohltemperierte Klavier» zu spielen.

Die Stadt an der Spree ist kalt und nass, doch Berlin leuchtet. Leuchtet in der Staatsoper Unter den Linden taufrisch und lebendig wie am ersten Tag: Dort geht die 381. Vorstellung einer Uralt-Inszenierung von Gioachino Rossinis «Il barbiere di Siviglia» über die Bühne.

Berlin leuchtet in der Komischen Oper, wo am einen Abend Alondra de la Parra temperamentvoll George Gershwins «An American in Paris» dirigiert – und tags darauf Vera-Lotte Boecker der Hauptdarstellerin von Giuseppe Verdis «La Traviata» menschliche Tiefe verleiht.

Und Berlin leuchtet, als der 66-jährige Pianist András Schiff in den Pierre-Boulez-Saal tritt, um heute über den zweiten Teil von Johann Sebastian Bachs monumentalem Werk «Das Wohltemperierte Klavier» zu sprechen und ihn morgen zu spielen.

Es ist die Folge von 24 Satzpaaren aus Präludium und Fuge von C-Dur bis h-Moll, die Schiff morgen Sonntag in Zürich (nach einer kurzen Einführung) und am Dienstag in Basel interpretieren wird. Und ob er nur spielt oder auch spricht, András Schiff hat viel zu sagen. In Berlin erzählt er kurze Geschichten, erläutert mal dieses, mal jenes Detail, spielt kurze Passagen und würzt alles mit Humor.

«Ich mache das gern», sagt er danach in seiner Garderobe, «und ich bin mir der Tatsache sehr bewusst, dass mir Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zuhören. Ich muss also einen Mittelweg finden. Ausserdem hat mich das Rituelle am Konzertleben immer gestört, die enorme Distanz zwischen Künstler und Publikum. Wenn ich spreche, schwindet diese Distanz.»

Natürlich spürt man dabei, wie sehr Bach ihm am Herzen liegt, und hier vor allem «Das Wohltemperierte Klavier».

, sagt er in einer sehr persönlichen Annäherung. Das tut sie auch hier, in diesem wunderschönen, von Daniel Barenboim initiierten und vom Architekten Frank Gehry entworfenen Saal. Um mich herum sitzen viele junge Menschen, unter ihnen jene jungen Frauen, die ich danach vor András Schiffs Garderobe antreffe. «Meine Schülerinnen», sagt er.

Die grossen Freiheiten des Interpreten

András Schiff kann nicht beschreiben, was ihm Bachs Musik bedeutet, «das ist eine tiefe innere Liebe. Je mehr man investiert, desto mehr kommt zurück. Es gibt andere, sogar grosse Musik, die meine Lebenssäfte aussaugt. Zum Beispiel, wenn ich Chopin spiele – eine wunderbare Musik, die mich aber völlig erschöpft.» Bei Bach ist es anders.

Seine Musik übe eine starke spirituelle Wirkung aus, erklärt Schiff. «Man spürt, dass ein frommer Mensch sie geschaffen hat. Bach komponiert für die Gemeinde, spätere Komponisten schreiben alle in der Ich-Form.» Doch strenge Formen wie die Fugen stellten kein Gefängnis dar. «Es tut der Kunst gut, wenn sie Gesetzen und Formen folgt – wie auch dem Leben im Allgemeinen. Wir sollen frei sein, aber in einer gewissen Ordnung leben,» sagt Schiff weiter.

Dem Interpreten lässt Bach grosse Freiheiten. Es gibt, gerade im «Wohltemperierten Klavier», kaum Tempovorschriften und auch keine Vortragsbezeichnungen. Klar ist nicht einmal, an welches Instrument Bach gedacht hat. «Man kann ihn sogar auf einem Steinway spielen», sagt Schiff, der in anderen Fällen – etwa für Schubert, oder auch für Chopin – andere, feiner zeichnende Instrumente bevorzugt.

Und der in seinen Bach-Interpretationen viel vom Clavichord mit seinem «wunderbar durchsichtigen Klangbild» gelernt hat. Auch die h-Moll-Messe und die Matthäus-Passion haben seinen Zugang zu Bach verändert. Dass András Schiff immer wieder auch als Dirigent auftritt, erweitert seinen Horizont.

Es ist ein anstrengendes Leben, das ein Pianist wie er führt. Er ist viel auf Reisen, oftmals begleitet von seiner Frau, und ein Konzert wie jenes zum «Wohltemperierten Klavier» gleicht einem Marathon.

, sagt András Schiff. Wobei zur physischen eine enorme emotionale und mentale Anstrengung komme.

Seine Konzentration kann dabei leicht gestört werden durch ein Übermass an Geräuschen aus dem Publikum. Ein Konzert deswegen abzubrechen, wie er es früher schon getan hat, das würde Schiff aber nicht mehr in den Sinn kommen. «Selbst wenn mir ein Stein auf den Kopf fällt, ich höre nicht auf», sagt er mit dem ihm eigenen Humor, und erinnert sich an ein Konzert in Spanien. «Das war die Hölle.»

Tipp:
András Schiff 2. Teil des «Wohltemperierten Klaviers» von Johann Sebastian Bach
So, 18.30 Uhr, Tonhalle Maag Zürich; Di, 19.30 Uhr, Martinskirche Basel. Im Juli/August sind Konzerte in Verbier – wo er unter anderem Mozarts Requiem dirigiert –, Gstaad, Klosters, Luzern und Ernen geplant.

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