Über den Zeitpunkt, wann der Mensch wirklich tot ist und wann man dessen Körper verwerten darf, herrscht seit den ersten erfolgreichen Transplantationen Ende der 1960er-Jahre Uneinigkeit. In den meisten Ländern gilt zwar heute das Hirntod-Kriterium, das 1968 in den USA eingeführt wurde. Die Zweifel darüber, ob der Mensch wirklich tot ist, wenn sein Gehirn nicht mehr funktioniert, sind indes nie verstummt. Selbst der amerikanische Bioethikrat gab vor drei Jahren zu, dass man sich geirrt habe: Hirntote seien biologisch nicht notwendigerweise tot.

Hirntote sind zum Beispiel fähig, Stoffwechsel und Körpertemperatur zu regulieren. Sie bekämpfen Infektionen und reagieren auf Schmerzreize mit erhöhtem Pulsschlag und Blutdruck und manchmal mit Bewegungen, weshalb sie bei der Organentnahme heute meistens narkotisiert werden. Nun diskutiert man in den USA darüber, ob man die Regel aufheben will, die vorschreibt, lebenswichtige Organe nur von Toten zu explantieren, und die Organentnahme als «justified killing», als gerechtfertigtes Töten, zu legalisieren. Und in der Schweiz wollen die Mediziner die Organentnahme nach Herzstillstand einführen, der ebenfalls kein sicheres Todeszeichen ist. Aufgrund dieser Unsicherheiten plädiert der Basler Bioethiker Andreas Brenner für ein Verbot der so genannten Leichenspende.

Herr Brenner, ist der Mensch tot, wenn sein Gehirn nicht mehr funktioniert?

Andreas Brenner: Ein Hirntoter ist nach allgemeiner Definition ein Mensch mit einer starken Gehirnschädigung. Und diese ist vermutlich irreversibel. Das bedeutet aber nicht, dass er tot ist. Diesem Todeskriterium liegt eine Fixierung auf das Gehirn zugrunde, die Vorstellung, dass das Gehirn den ganzen Organismus integriert und dieser auseinanderfällt, wenn es nicht mehr funktioniert. Das ist ein extrem reduktionistisches Menschenbild: Der Mensch wird auf mentale, neuronale Kapazitäten reduziert, und wenn diese nicht mehr leistungsfähig sind, erklärt man ihn für tot.

In den USA diskutiert man darüber, die Hirntod-Definition fallen zu lassen und von Tötung zu sprechen.

Ja, man findet das Hirnkonzept einerseits nicht schlüssig und gibt zu, dass Organentnahme bei Hirntod eine Tötung ist, will aber mit Transplantationsmedizin trotzdem weitermachen. Man überlegt sich nun, die Organentnahme als «justified killing» zu betrachten, als gerechtfertigtes Töten. Das ist verheerend. Damit verabschiedet man sich vom Geist des über 2000 Jahren geltenden hippokratischen Eides, wonach die Ärzte das Leben nicht beenden dürfen.

Was ist so schlimm daran, einem Sterbenden Organe zu entnehmen? Er würde ja ohnehin sterben.

In den USA stellt man sich genau diese Frage: Diese Menschen sind irreversibel geschädigt, sie können nicht mehr zurück. Mit «zurück» meint man, in ein als «normal» qualifiziertes Leben. Die Frage lautet, warum soll man ihnen also nicht die Organe entnehmen dürfen?

Warum nicht?

Weil man hier beginnt, eine aussenperspektivische Wertung hineinzubringen. Man sagt, dieses Leben ist nichts wert. Oder: Es ist zwar etwas wert, aber gemessen an den zwei, drei anderen Menschen, die mit diesen Organen weiterleben würden, ist es weniger wert. Das sind massive kulturelle Brüche, wie wir sie bisher nur bei totalitären Regimen erlebt haben. Im Nachhinein hat man ein solches Vorgehen als kapitales Verbrechen interpretiert. Jetzt kommt man wieder zu solchen Überlegungen zurück. Das ist der Siegeszug
der kapitalistischen Ökonomie: Sogar beim Leben sagt man mittlerweile, es rechne sich nicht mehr, zumindest im Vergleich zu all den anderen Leben, die wir erhalten können.

Wohin führt das?

Das ökonomische Kalkül wird das Leben in Gänze bestimmen. Schon heute geraten die Alten zunehmend unter Druck, weil nur die wirtschaftliche Effizienz zählt. Und was ein wertvolles Leben ist, wird, wie die Neuordnung des Transplantationsgesetzes zeigt, nach externen Kriterien bestimmt. Auch das liegt in der Logik der ökonomischen Ideologie: Schon heute geraten ja Eltern behinderter Kinder unter Druck, weil sie diese Kinder haben. Der Begriff «Wert des Lebens» wird aufgehoben und ersetzt durch «wertvoll für...».

Umso mehr brauchte es für die Organentnahme zwingend die schriftliche Zustimmung des Spenders.

Das löst nicht das Problem. Das Problem ist die so genannte Leichenspende.

Wie soll man dann das Problem lösen? Die Leichenspende verbieten?

Ja, und dies aus zwei Gründen. Zum einen sind, wie der amerikanische Bioethikrat heute feststellt, viele Menschen, denen Organe entnommen werden, erst nach der Explantation tot. Das heisst, sie werden durch die Explantation getötet. Zum anderen sollte der Staat auch nicht die gesetzliche Möglichkeit eröffnen, dass sich jemand für einen anderen opfert. Denn das führt zu einem Druck, dem man unter Umständen nicht widerstehen kann, obwohl man sich eigentlich nicht opfern will. Der Staat müsste hier einen Riegel vorschieben und sagen: Nein, Selbstopferung ist nicht erlaubt. Man sollte nur noch reine Lebendspenden zulassen.

Auch bei der Lebendspende kann man unter Druck geraten, weil zum Beispiel eine nahestehende Person eine Niere braucht.

Ja, aber wenn man dem Druck unterliegt, ist es weniger katastrophal als bei der Spende nach Hirntod oder Herzstillstand. Die Lebendspende überlebt der Organspender, an der so genannten Leichenspende stirbt er.

Trotzdem sind viele Menschen bereit, ihre Organe zu geben, wenn sie tot sind?

Die so genannten Leichenspende ist, wie gesagt extrem fragwürdig. Ethisch ist sie nicht haltbar. Wir sollten uns daher von diesem System vollends verabschieden und es nicht durch falsch verstandenes Samaritertum künstlich am Leben erhalten.

Und wie erklären Sie dies jenen Leuten, die dringend auf ein Organ angewiesen sind?

Es gibt so etwas wie Schicksal. Jeder von uns stirbt. Und es gibt Situationen, in denen ist ein Leben nicht mehr zu retten. Das ist für die Betroffenen und Angehörigen eine Tragödie. Gerade in einer Kultur der Machbarkeit – und der Käuflichkeit – fällt es uns besonders schwer, dies zu akzeptieren. Wir sind daran gewöhnt, dass wir uns alles beschaffen können, was wir brauchen. So fragt auch keiner nach, unter welchen Bedingungen die Niere aus Indien gewonnen wurde, weil die ganze Beschaffung in der Logik einer Kultur der Käuflichkeit liegt.