Interview

Philipp Tingler liebt Tempo und drastische Urteile – weshalb er als Bachmannpreis-Spötter nun doch als Juror mitwirkt

Als er 2001 als Autor beim Bachmannpreis las, habe er das Gefühl gehabt, «dass ich nicht dazugehöre», sagt Philipp Tingler.

Als er 2001 als Autor beim Bachmannpreis las, habe er das Gefühl gehabt, «dass ich nicht dazugehöre», sagt Philipp Tingler.

Man kennt ihn vor allem als scharfzüngigen Kritiker im Literaturclub des Schweizer Fernsehens. Dass Philipp Tingler nun auch als Juror beim Bachmannpreis angefragt wurde, wundert ihn selbst.

Als ich hörte, Sie würden Juror in Klagenfurt, musste ich schmunzeln. Bisher äusserten Sie sich abschätzig über diesen Literaturwettbewerb. Was macht ein Bachmann-Spötter in dieser Jury?

Philipp Tingler: Das ist eine begründete Frage. Es stimmt, dass ich mich sehr kritisch zu dieser Veranstaltung geäussert habe. Aber meine Haltung ist: Wenn man kritisiert, kann man sich auch nicht verweigern, wenn man dann vielleicht gerade wegen dieser Kritik gebeten wird, mitzuwirken. Schliesslich kann ich so meine Ideen von Literaturkritik einbringen. Was die Namensgeberin angeht: Ich mache weiterhin keinen Hehl daraus, dass ich an Ingeborg Bachmann besonders das Phänomen ihrer andauernden Überschätzung bemerkenswert finde.

2001 waren Sie als Autor in Klagenfurt. Ihr Text wurde kontrovers aufgenommen. Da gab es Urteile wie «langweilig», «überflüssig», «toll, den Quellekatalog gibt es jetzt kommentiert». Das klang abschätzig. Gingen Sie damals unbeschadet nach Hause?

Ich hatte einfach das starke Gefühl, dass ich nicht dazugehöre. Dieses Gefühl habe ich bis heute und auch in anderen Sphären – was kein schlechter Bewusstseinszustand für einen Schriftsteller ist. Ich empfinde dies nicht als Manko. Irgendwie scheine ich recht polarisierend zu wirken, übrigens auch als Kritiker, obwohl ich das nicht beabsichtige. Der Hinweis auf den Quellekatalog kam von Kritiker Denis Scheck, das weiss ich noch. Das gibt uns wiederum einen Hinweis auf seine Lebenswelt. Ich bringe eine andere Lebenswelt nach Klagenfurt.

Sie wehrten sich: «Es ist eine Form von Entertainment. Cheer up!» Es gehe um Heiterkeit.

Genauer: Unterhaltsamkeit. Das ist nicht immer das Gleiche wie Heiterkeit. Sondern das Gegenteil von Langweiligkeit. Und ich habe damals schon die Haltung vertreten, dass die Literaturkritik eine diskursive Angelegenheit sein soll. Ich habe mich als Autor in die Debatte eingemischt, was ich meinen beiden Autorinnen auch jetzt ans Herz gelegt habe. Die meisten Autorinnen und Autoren machen das leider nicht.

Was ist denn Ihre Hauptkritik an dieser Veranstaltung?

Literaturkritik darf nie das Publikum vergessen. Das gilt übrigens auch für die schriftstellerische Tätigkeit. Veranstaltungen wie Klagenfurt müssen unterhaltsam sein, ein gewisses Tempo haben und spontane Reaktionen ermöglichen. Wenn es um den künstlerischen Gehalt geht, so habe ich die altmodische Vorstellung, dass Literatur verbunden ist mit sprachlicher Qualität, die man meines Erachtens objektivieren kann, und mit einer Verdichtung von Wirklichkeit, mit Transzendenz sogar. Das sind alles Kriterien, die Kunst ausmachen, die man feststellen und beurteilen kann.

Ein Vorwurf, den Sie immer wieder vorbringen, lautet: Beim Bachmannpreis würden immer so esoterische, ichbezogene Texte gewinnen, die noch einen Nazi- oder Stasibezug haben müssten. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Nein, wieso denn? Eine Art von Literatur, die ich schlecht ertrage, ist tatsächlich eine hermetische Innerlichkeitsprosa, bei der ich das Gefühl habe, der Leser spiele überhaupt keine Rolle. Sondern hier betreibe irgend ein Ich eine Selbstergründung, und alles andere ist dann wurscht. Was mich ebenfalls a priori weniger interessiert, ist eine gewisse Art von klischierter Unkonventionalität. Wenn man zum Beispiel alles kleinschreibt. Das sagt mir zunächst mal gar nichts.

Als Kritiker äussern Sie sich auch meist pointiert

Im Guten wie im Schlechten. Ich lobe ja auch leidenschaftlich. Für mich gibt es drei Grundprinzipien der Literaturkritik: Die Fiktionalität von Romanfiguren ist sakrosankt. Urteile, ob positiv oder negativ, sind stets zu begründen. Wenn Urteile begründet sind, kann man sie auch drastisch formulieren. Nur so kommen wir in eine Diskussion und bringen auch Leute zum Mitdiskutieren und zum Lesen, die sonst nicht so viel mit Literatur zu tun haben.

Beim Literaturclub stimme ich Ihnen zu. Dort wird begründet. Aber in den Steiner/Tingler-Clips des Schweizer Fernsehens sagten Sie etwa, Simone Lapperts Romandebüt «Wurfschatten» sei ein kitschtriefendes, übles Buch und schoben dann hinterher, die Autorin dürfe gerne in achtzig Jahren wieder ein Buch schreiben. Dann sind wir ja alle tot.

«Steiner&Tingler» ist ein schnelles, zugespitztes und wie ich finde ziemlich revolutionäres Format. Wir gehen in die siebte Staffel, ich habe den fraglichen Clip nicht genau im Gedächtnis, glaube aber, ich sagte sowas wie dass die Autorin für ihr in jeder Hinsicht schmales Buch sechs Jahre gebraucht habe, so dass wir wenigstens, wenn sie in diesem Tempo weiterschriebe, die nächsten Jahre von weiteren Hervorbringungen verschont blieben.

Das tönte ein wenig so wie Marcel Reich-Ranicki, der 1977 über Karin Struck gesagt hat, ihr Text sei ein Verbrechen.

So ein drastisches Urteil macht einen Text ja schon wieder interessant. Das Debut von Simone Lappert war hingegen, soweit ich mich erinnere, einfach langweilige Literaturbetriebsprosa, nicht für Leser geschrieben, sondern zur Weltbildbestätigung und Selbstvergewisserung zum Beispiel von Institutionen, die Preise und Stipendien vergeben. Allgemeiner gesagt finde ich schon, dass es der hiesigen Literaturkritik oft an Tempo und klarer Beurteilung fehlt. Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass Literaturredaktionen Bücher, die sie schlecht finden, gar nicht erst besprechen. Dies ist ein Vorteil des Literaturclubs im Schweizer Fernsehen. Da habe ich keinen Einfluss darauf, was die anderen vorschlagen.

Warum haben Sie Katja Schönherr und Jasmin Ramadan nominiert?

Meine Kandidatinnen repräsentieren sehr unterschiedliche Stimmen, aber jede ist für sich einzigartig. Ich will jetzt nicht in Details gehen, denn die Debatte findet in den nächsten Tagen statt. Aber meine Hauptfragen sind immer: Will ich unbedingt weiterlesen? Involviert mich der Text? Auch nach der Lektüre? In der Literatur sollte es doch immer auch darum gehen, mich als Leser mit elementaren Fragen des Menschseins zu verbinden. Literatur ist Wahrheit, schön erzählt. Und das ist bei den Texten von Katja Schönherr und Jasmin Ramadan der Fall.

Zum ersten Mal findet der Bachmannpreis nur digital statt. Kann das funktionieren?

Ich finde es grossartig, dass der Wettbewerb trotz Schwierigkeiten nun trotzdem stattfinden kann. Und ich betone gerne, dass man die Jurydiskussionen ja nicht nur digital, sondern wie jedes Jahr drei Tage live am Fernsehen via 3sat mitverfolgen kann. Man sollte nämlich trotz Digitalisierung nicht vergessen, dass das gute alte Fernsehen immer noch einen kulturprägenden Status und eine wichtige Rolle für unsere Gesprächs- und Debattenqualität haben kann.

Alle Lesungen und Jurydiskussionen des diesjährigen Bachmannpreises kann man von Donnerstag, 18. bis bis Samstag, 20. Juni ab 10 Uhr live auf 3sat mitverfolgen. Am Sonntag, 21. Juni, werden die Preisträger ab 11 Uhr bekannt gegeben. Infos: bachmannpreis.orf.at

Diese Schweizer lesen beim Bachmannpreis

Katja Schönherr

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Katja Schönherr wuchs in Dresden auf und studierte Journalistik und Kulturwissenschaften. Sie lebt in Zürich und schreibt unter anderem für die «NZZ am Sonntag». 2017 erwarb sie in Bern einen Master in Literarischem Schreiben. 2019 erschien ihr Débutroman «Marta und Arthur», laut Buchrücken «definitiv keine Liebesgeschichte». Sie liest auf Einladung von Philipp Tingler.

Meral Kureyshi

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Meral Kureyshi ist 1983 in Prizren im ehemaligen Jugoslawien geboren. 1992 reiste sie mit ihrer Familie in die Schweiz, wo sie blieb, sie lebt in Bern. Sie studierte von 2008 bis 2012 Literatur und Germanistik und gründete anschliessend das Lyrikatelier. Ihr Romandébut «Elefanten im Garten» war für den Schweizer Buchpreis nominiert. Sie liest auf Einladung von Michael Wiederstein.

Levin Westermann

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Levin Westermann ist 1980 in Meerbusch, einer Kleinstadt im deutschen Nordrhein-Westfalen, geboren. Er studierte an der Hochschule der Künste Bern und lebt als freier Schriftsteller in Biel. Für seinen aktuellen Lyrikband «bezüglich der schatten» erhielt er dieses Jahr den renommierten Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg. Er liest auf Einladung von Hubert Winkels.

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