Kultur

Peter Handke ist ein Romantiker, kein politischer Autor

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Der österreichische Schriftsteller Peter Handke ist ein Dichter, der weder politisch sein, noch mit Poesie dagegenhalten will. Er ist etwas Drittes – ein Romantiker. Realität und Traum, Politik und Poesie – so wird gewöhnlich unterschieden. Gegenwärtig wieder beim Nobelpreisträger - Ein Essay.

Nach Feierabend erlaubt ist «Romantik» als Sentiment – tagsüber bleibt’s Sediment. Sand im Betrieb. Der Gipfel allen Gefühls ist erreicht mit der «Hühnerhaut» (aktuell «abzuholen» bei Chris von Rohr, Gretas Segeltörns und der Choreo für Köbi Kuhn im Letzigrund). Folgerichtig löst «Hühnerhaut» auch Gegacker aus. Dass «Romantik» mal etwas ganz anderes war – daran erinnert immerhin noch einer, beeindruckend stur: Peter Handke. Möglicherweise ist er deswegen so verhasst.

Die NZZ nannte Handke einen «Neo-Romantiker». Präziser vielleicht wäre «Alt-Frühromantiker». Mit jenen – hellwachen, mitnichten verträumten – Jungs hat Handke einiges gemeinsam. Mit Novalis etwa und Friedrich Schlegel: «Romantik ist progressive Universalpoesie.» Das muss man im Grund nicht verstehen, aber zweierlei darf man festhalten: «Progressiv» bedeutete nichts Ideologisches (im Gegensatz zu heute). Und «universal» galt wirklich umfassend, nicht bloss am Feierabend.

Selbstverständlich hält sich Handke an das Leben hier und «flieht» es nicht. Er muss die Realität nicht «ausblenden» oder «überwinden», sich auch nicht «zurückträumen» in einen besseren Zustand. Er bleibt «universal», selbst bei jahrelanger Betrachtung eines Tümpels, in der «Niemandsbucht». Bei Handke wird ein solcher Roman auch mal tausend Seiten stark, getragen vom Gefühl, nur so vertraut zu werden mit dem eigentlichen Leben. Darum ist die aktuell abgenudelte Unterscheidung so peinvoll falsch: zwischen dem «begnadeten Poeten» und dem «politischen Irrlicht». Handke ist nicht von restlos klarem, geschweige denn von reinem, aber stets angetrieben von ein und demselben Geist. Auch mit Blick auf Serbien, in der «Winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien». Im «sommerlichen Nachtrag» darauf. Und im Nachtrag zum Nachtrag: «Die Tablas von Daimiel.»

Die drei Publikationen deuten seismisch die Empörungswellen an ab Mitte der Neunzigerjahre bis 2006. Da wurde dem Präsidenten Serbiens und der Republik Jugoslawien, Slobodan Milošević, der Prozess gemacht beim UN-Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, wegen Völkermords. Diesen Milošević hatte Handke im Gefängnis besucht – Ausrufezeichen! Manchen genügt das schon. Was man dazu nachlesen könnte: Handke stand auf der Zeugenliste; Miloševićs Berater empfahlen den Besuch; Handke lehnte am Ende eine Zeugenschaft ab. Verirrte sich damals tatsächlich ein «weltfremder Träumer», indem sich Handke auf die Seite Serbiens schlug? Von «schlagen» kann keine Rede sein. Handke ging mit gewohnter (notorischer?) Universal-Skepsis vor, verflüssigte nahezu alles, was an Nachricht zum Jugoslawien-Krieg festgefügt schien. Zitierte unzählige Zeitungsartikel (bemerkenswert für den Verächter von Pressemeuten), prüfte dauernd auch die eigene Wortwahl – kurz: rückte die Dinge ganz à la Handke noch in den fernsten Saum des Bewusstseins. Dass auch Kriegsopfer in jene Ferne «geschoben» wurden, wo «alles verschwimmt im Ungefähren», weckt natürlich Abwehr, Entrüstung. Die Moral (?), das Herz (?), jede Menschlichkeit (?) sträubt sich, wo das Schicksal namenloser Opfer «relativiert wird». Das aber tut Handke nicht. Er erwähnt «Unpassendes», «Marginales» in der Zone der Verbrechen, stellt quälende Fragen – nie explizit, indirekt: Warum verflüchtigen sich Gesichter der Opfer so rasch? Warum gedenken wir (an runden Jahreszahlen) ihrer Summe, nie den Einzelnen? Handke erheischt «Gerechtigkeit». Wem er gerecht werden will in Bezug auf Serbien ist unmöglich zu klären. Ist es ein reales oder verlorenes Land? Ein «Neo-Jugoslawien», frei von globaler Kapitalismuspest? Ein Heimatempfindungs-Pastiche? Eine Sache muss man ihm zugutehalten, der Gerechtigkeit halber: Handke hat die hohe Kunst bewahrt, den verborgenen Zauber im Leben zu entdecken, zu filtern, zu verdichten. Das erfordert erheblich mehr Kraft als der vom Entertainment zu Teig gewalzte «Kulturschaffende» von heute ahnt. Aus Kunst kann nie Wellness werden.

Worin aber liegt dieser Zauber? Machen wir ein Kinderspiel: Bemalen wir, zum Vergnügen im Freundeskreis, ein paar Steine, Flusskiesel. Verwandeln wir die Steine in Tiere, passend zu ihrer Form. Es entstehen bald fantastische Geschöpfe, «frei nach der Natur»: Frösche, Vögel, Lurche, Wespen … Und kaum ein Teilnehmer eines solchen Vergnügens dürfte fortan einen Fluss entlanggehen, ohne am Ufer sofort eine Vielzahl von Tieren zu entdecken in grauen, kalten, scheintoten Steinen.

Genau das tut Literatur, die den Namen verdient. Stufenweise führt sie zu solchen Geheimnissen … Es gibt nicht nur ein Leben zwischen Business-Lunch und Altglas-Sammelstelle, wie einem weisgemacht wird. Den Blick für die Poesie der Dinge könnte man täglich von neuem schärfen, indem wir noch das kleinste Wunder freilegen, unmittelbar neben den billigsten Alltagskonventionen. Genau das ist der Wert von Handkes Lektüre: Sie festigt die eigene Sicht gegen die angeblich «objektive Wirklichkeit». Nährt das Wissen, dass die «Realität» lediglich ein Püree darstellt aus Mittelwerten und kleinen gemeinsamen Nennern. Alles darunter und dahinter ist eine Reihe schöner Bilder und Rätsel. Sie durchziehen, durchwehen, durchatmen das Leben. Und führen vielleicht sogar darüber hinaus.

In dieser Sorgfalt ist Handke von anderen deutschsprachigen Autoren kaum zu übertreffen. Um es mit den Worten eines anderen Magiers der Wahrnehmung zu sagen (in der dreidimensionalen Sinnlichkeit seiner Beobachtungen meisterhafter noch als Handke), mit Vladimir Nabokov: Die Durchschnittsrealität beginnt im selben Moment zu faulen und zu stinken, in dem das individuelle schöpferische Tun erlischt, das einer subjektiv wahrgenommenen Textur Leben verleiht.

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