Ranking
Patti Basler top, Marco Rima flop – das sind die Aufsteiger und Absteiger des Coronajahrs

Wer hat im Covid-Jahr trotz allen Schwierigkeiten geglänzt? Und wer fiel mit negativen Schlagzeilen auf? Eine Auswahl unserer Kulturredaktion.

Kulturredaktion
Drucken
Teilen
Unsere Kulturredaktion hat die Auf- und Absteiger des Jahres in einem Ranking zusammengefasst.

Unsere Kulturredaktion hat die Auf- und Absteiger des Jahres in einem Ranking zusammengefasst.

Simon Maurer

TOP 1 - Filmfestivaldirektor Christian Jungen

Christian Jungen Direktor Filmfestival Zürich ZFF

Christian Jungen Direktor Filmfestival Zürich ZFF

CH Media

«Mutig und mit dem Glück des richtigen Datums»

Christian Jungen liess sich regelmässig auf das Virus testen. Bei so viel Kontakt zu Menschen wäre ihm sonst nicht wohl gewesen. Unbeirrt hielt Jungen an seiner ersten Ausgabe als Direktor des Filmfestivals Zürich fest. Mit Stars, Premieren und gut besuchten Kinos wurde das ZFF ein Fest der Kultur. Und das im September, kurz bevor die zweite Welle die Schweiz traf. Aus jetziger Sicht wie ein schöner Traum.

TOP 2 - Satirikerin Patti Basler

Keystone

«Bei ihr ist Corona ein Infektionsherd der Ideen»

Als der Lockdown kam, war sie gedanklich längst infiziert. Corona ist Patti Baslers Mission. Als das Virus Anfang Jahr alle Kleinkünstler von den Bühnen fegte, gründete sie mit Philippe Kuhn den Satire-Kanal Apocalypso TV. Ihre Reflexe auf die Pandemie sind launig und schwarzhumorig. Wie ihre kürzlich veröffentlichte fiktive Nachrichtenmeldung über einen entgleisten Zug in Olten mit 100 Toten.

TOP 3 - Co-Intendant Nicolas Stemann

CH Media

«Ungewissheiten aushalten, kreativ handeln»

Er kann Corona. Weil das Aushalten von Ungewissheiten beim Co-Intendanten des Schauspielhauses Zürich schon immer zum Kreativsein gehört hat. Während des Lockdowns grenzte er sich in Kolumnen wohltuend vom grassierenden Expertentum ab, warb für Empathie gegenüber Andersdenkenden. In seinen Coronasongs tummeln sich die wütenden, traurigen, sich ins Wort fallenden Stimmen der Krise. Ansteckend!

TOP 4 - Journalist und Schriftsteller Martin Meyer

CH Media

«Er schrieb den schnellsten Coronaroman»

Literaturkritisch betrachtet, ist sein Roman «Corona» eher behäbig. Weil Meyer die Ziellinie als Erster überquert hat, gebührt ihm dennoch ein Ehrenplatz. In nur sechs Wochen hat er den Roman über einen Buchhändler in Quarantäne niedergeschrieben – und dabei fünf Klassiker der Literatur und Philosophie als Rettungsbücher eingebaut. Gar nicht schlecht! Literatur als Wegweiser in existenziellen Notlagen.

TOP 5 - Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage Reina Gehrig

CH Media

«Die Onlineretterin der Solothurner Literaturtage»

Eine Liebesbeziehung wird das nicht: Zu Hause in den Laptop glotzen und drei Tage lang moderierte Lesungen verfolgen. Die Begegnungen vermisst man. Aber dass die Solothurner Literaturtage dieses Jahr überhaupt stattfanden, dafür müsste das ganze Team dieses Traditionsanlasses einen Orden von Alain Berset erhalten. Trostpreis: Bundespräsidentin Simo­netta Sommaruga plauderte mit Simone Lappert («Der Sprung»).

TOP 6 - Intendant Francesco Walter

CH Media

«Wir sind es unseren Musikern schuldig»

Absagen wäre einfacher gewesen: Kurzarbeit anmelden und ein Gesuch für die Ausfallentschädigung einreichen. Ab in die Ferien. Doch Francesco Walter, Intendant des Musikdorfes Ernen, ging finanziell ein Risiko ein, liess spielen und sagte: «Wir sind es den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum schuldig.» Andere Alpenfestivals taten es ihm gleich, sodass irgendwann selbst das Lucerne Festival spielen musste.

TOP 7 - Kunsthalledirektor Daniel Baumann

CH Media

«Beherzt helfen und Vernissagen in Raten»

Reduzieren heisst die Coronadevise der Museen. Nur einer machte es anders: Daniel Bauman von der Kunsthalle Zürich. Er ersetzte die gecancelte internationale Schau durch 30 einheimische Kunstschaffende. Gestaffelt wurde eingerichtet und 30-mal Mini-Vernissage gefeiert im «Sommer des Zögerns». Baumann verteilte zudem sein Budget unter die Künstlerinnen und Künstler. Schnellere Nothilfe gab’s nirgends.

TOP 8 - Musikerin Sophie Hunger

CH Media

«Die schönste Seite der Pandemie»

Andere haben Trübsal geblasen, sich in ihrem Studio verkrochen und phlegmatisch auf bessere Zeiten gehofft. Sophie Hunger nicht. Kreativität kann nicht warten. Was raus muss, muss raus. Den Lockdown hat sie deshalb genutzt, um in einer Art Supergroup mit den Kollegen Faber und Dino Brandao zu musizieren und ein wunderbares Pandemie-Album zu veröffentlichen. Selbst Corona hat ­schöne Seiten.

TOP 9 - Präsidentin Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler

CH Media

«Statt Corona eine Mozartoper zum Heulen schön»

Als die Kulturwelt im Mai bald mäuschenstill, bald mausetot im Lockdown lag, kündigten die Salzburger Festspiele ihr Festival an: ein halbes nur, aber immer noch ein riesiges. Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler (*1948) liess die 100-Jahre-Feier nicht sausen. Man spielte grosse Oper, wurde eine Trotzgemeinschaft, hatte nicht einen einzigen Coronafall. Aber eine Mozartoper, zum Heulen schön.

TOP 10 - Festivalleiterin Nicolette Kretz

CH Media

«Digital, mit Herz und Charme und Lagerfeuer»

Nicolette Kretz und ihr Team vom Berner Theaterfestival Aua­wir­leben trieben im Mai jedem ausgehungerten Kulturmenschen Tränen der Rührung in die Augen. 400 Festivalteilnehmer wurden jeden Tag zu Hause mit einem Brief überrascht. Dazugelegte Wunderkerzen und eine Bastelanleitung für eine Eröffnungsrede ersetzten das Lager­feuer. Unvergessliche Küchentischmomente.

FLOP 1 - Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg

Keystone

«Restaurants offen, Theater, Kinos und Museen zu»

Im Oktober preschte Bern als einsamer Deutschschweizer Kanton vor und beschloss einen Kulturshutdown, um das Coronavirus einzudämmen. In Bern schlossen Theater, Kinos und Museen, in den Restaurants wurde fröhlich weitergeplaudert. O Wunder, die Coronazahlen blieben hoch. Schnegg steht stellvertretend für die widersprüchliche Coronapolitik, unter der gerade die Kultur zu leiden hat.

FLOP 2 - Komiker Marco Rima

CH Media

«Aus schlaflosen Nächten wird politischer Ernst»

Komiker Marco Rima schlief nicht mehr gut. Also wandte er sich eines Nachts per Video an seine Fans. Weil er fand, dass Coronatests nichts bringen. Für seinen Mut könnte man ihn bewundern, wenn sich der Bühnenkünstler nicht in den Applaus seines neuen Publikums verliebt hätte. Längst ist er ­selbst ein Herdentier sendungs­bewusster Coronaskeptiker ­geworden.

FLOP 3 - Spotify-Chef Daniel Eck

CH Media

«Gesetzliche Vorgaben? Nein, danke!»

Spotify gehört zu den Gewinnern des Coronajahres. Das Streamingportal wäre gemäss neuem Urheberrecht verpflichtet, illegale Aufnahmen von seiner Plattform zu entfernen und Rechteinhabern zu ihrem Recht zu verhelfen. Das tut Spotify aber nicht. Die Firma foutiert sich offensichtlich um gesetzliche Vorschriften. Und niemand zieht den Streamingdienst zur Rechenschaft.

FLOP 4 - Opernhaus-Zürich-Intendant Andreas Homoki

Keystone

«Oper für die Kritiker und für das Fernsehen»

Im April erstarrte das Opernhaus Zürich nicht, sondern bereitete den Herbst vor: «Boris Godunow» mit Riesenchor und Riesenorchester ... Als dann naturgemäss alles schlechter kam, andere aber vor 50 Leute weiterspielten, schloss man die Tore, spielte am 6. 12. Verdi für die Kritiker und fürs Fernsehen. Es galt, der Welt die «Bocca­negra»-Regie von Andreas Homoki zu zeigen.

FLOP 5 - Bond-Filmproduzentin Barbara Broccoli

CH Media

«Königin der ­verschobenen Filmstarts»

Viermal wurde der James-Bond-Film «No Time To Die» verschoben. Alles wegen der Tradition: Ein Bond muss unbedingt weltweit gleich­zeitig in den Kinos anlaufen. Dass es auch anders geht, hat Christopher Nolan mit «Tenet» bewiesen. Die Wette läuft, dass die 007-Macher um Barbara Broccoli den geplanten Start im April 2021 ein weiteres Mal hinausschieben. Zum fünften Mal.