Neuer Roman

Pascal Merciers neuer Roman: Nach dem Bestseller «Nachtzug nach Lissabon» nun «Das Gewicht der Worte»

Mit «Nachtzug nach Lissabon» wurde der Philosoph Peter Bieri als Schriftsteller Pascal Mercier 2004 zum Bestsellerautor.

Mit «Nachtzug nach Lissabon» wurde der Philosoph Peter Bieri als Schriftsteller Pascal Mercier 2004 zum Bestsellerautor.

Der Berner Philosoph Peter Bieri legt als Schriftsteller Pascal Mercier wieder einen Roman vor – bis zur Mitte grossartig, dann wird es kitschig.

Was für ein gedankenreiches Buch! Noch dazu von einem so feinfühligen Erzähler und treffsicheren Existenzialisten – und dann hat sein neuer Roman auch noch eine spannende Dramaturgie. Was will man mehr? Zumindest bis zur Seite 250 Seiten ist man von diesem Buch begeistert.

Nach dem Überraschungserfolg seines philosophischen Romans «Nachtzug nach Lissabon» 2004 und der ziemlich rührseligen Novelle «Lea» 2007 war die Erwartung naturgemäss hoch. Und wenn Pascal Mercier im zweiten Teil seines neuen Romans Schicksal und Zufall nicht zu einer Perlenschnur allumfassender glücklicher Fügungen verbunden hätte, wäre man auch nach 576 Seiten rundum glücklich und beeindruckt.

Man mag Mercier eine ermutigende Menschenfreundlichkeit attestieren: Aber wenn er alle Figuren am Ende zu sich selbst und ihrer Bestimmung finden lässt, tappt er in die Falle kitschiger Versöhnung.

Wie in «Nachtzug nach Lissabon» ist auch die Hauptfigur in «Das Gewicht der Worte» ein älterer Mann an einem Wendepunkt seines Lebens. Der 61jährige Übersetzer Simon Leyland kehrt nach fast dreissig Jahren nach London zurück, wegen einem medizinischen Befund mit Todesangst und Suizidgedanken im Gepäck. Seine Frau Livia, mit der er in Triest einen Literaturverlag geführt hatte, ist vor elf Jahren verstorben, seine erwachsenen Kinder studieren in Italien Medizin und Jura.

«Welcome home, Sir» – die Begrüssungsfloskel am Flughafen reisst tiefe Fragen auf. Er sucht nach seinem vielleicht verpassten Leben. Sein Heimweh-Vehikel ist die Handy-App, auf der er auch in Triest über die Verspätungen der Londoner U-Bahn informiert wurde. Meisterhaft deutet Pascal Mercier hier mit leichter Geste schon an, was Leyland quält: Was wäre gewesen, wenn er im Leben früher, rechtzeitig, gewusst hätte.

Die Todesangst bringt Dramatik in den Roman

Mit bewundernswerter Eleganz legt Pascal Mercier nun die Spuren: Heftige Kopfweh-Anfälle mit kurzzeitigem Sprachverlust, 77 dunkle Tage, die Frage eines möglichen Neuanfangs in der alten Heimat, wo Leyland das Haus seines Onkels erbt. Hinzu kommt die Sprachobsession und der Selbstzweifel des Übersetzers, der in der Poesie zwar das Zeitlose erlebt, sich dem Leben aber zu entfremden droht und keine eigene Sprache findet.

Als Leser vermutet man Diagnose Hirntumor, die Leyland spät als Irrtum herausfindet. Seine verzweifelte Reflexion über die Todesnähe ist beklemmend: Er wankt zwischen Wehleidigkeit, verletzender, rigoroser Ehrlichkeit, Hass auf vergeudete Zeit, Gleichgültigkeit. Die Dramatik beherrscht den ersten Teil des Romans. Aber bald wird klar, dass Simon Leyland eigentlich ein gutes Leben geführt hat, mit den richtigen, mutigen Entscheidungen, der passenden Frau, tollen Kindern, beruflichem Erfolg, loyalen Freunden, Anerkennung.

Er wird zum rettenden Zentrum seiner in Not geratenen Freunde. Zwischen Triest und London wechseln die Schauplätze, bis alle in Leylands neuem Haus in London in glücklicher Fügung zusammenfinden. Leyland ist so auch ein rettender Gegenentwurf zum italienischen Schriftsteller Cesare Pavese, der sich 1950 aus Einsamkeit umgebracht hatte. Nicht zufällig ist Leyland den ganzen Roman lang an der Übersetzung von dessen Tagebuch: «Das Handwerk des Lebens.»

Literatur ist Aufbegehren gegen blinde Redensarten

Viele Reflexionen im Roman wirken eher wie Kurzabhandlungen: über die Zeit, die unverbunden chaotisch ruckt und springt; über das Verhältnis der Fremdsprachen zueinander; über Erinnerung und Geist. Klug, aber in überlange Monologe und Briefe gegossen, wirkt der Roman im zweiten Teil schwerfällig. Kompositorisch grossartig ist hingegen, wie Mercier die Romanthemen von Leylands Autoren, etwa übertriebene Grosszügigkeit, auf Leylands eigenes Leben spiegelt. Die verschiedenen Schriftstellerexistenzen wirken dann wie ein Panoptikum von Hoffnung und Scheitern.

Pascal Mercier erweist sich als Menschendarsteller mit grossem Zartgefühl. Leyland schreibt lange Briefe an seine tote Frau, in denen er Klarheit über sich gewinnen will; in der radiologischen Untersuchung in der Röhre dämpft er seine Angst mit dem maltesischen Wort «tebut» für Sarg; bei Anfällen liest ihm sein Nachbar vor, als Versicherung, dass er nicht auch noch seinen Geist verliert.

Der Verlust wäre für Leyland verheerend. Seine bohrende Selbstbefragung ist trotz hochtrabendem Sinn (Poesie erschaffe Zeitlosigkeit, Literatur sei das Aufbegehren gegen blinde Redensarten) und Hochbegabung (als Sechsjähriger kann Leyland bereits Arabisch lesen) nicht blosse sprachkritische Marotte, sondern hat universelle Dringlichkeit: Wie finden wir sprachlich zu uns? Damit wir uns nicht fremd bleiben, umgeben von hohler Alltagssprache und abgegriffenen toten Metaphern.

Mercier zeigt dies an Gerichtsurteilen gegen Männer auf, die ihre chronisch leidenden Ehefrauen aus Mitleid töten. Die Justiz reagiert mit der Starrheit des Gesetzestextes, vermag – anders als die Literatur – das Leben nicht abzubilden. Leylands Sohn verlässt darum empört die Gerichte. Es ist eine der vielen Facetten, mit der Mercier dem Familien- und Künstlerroman Dringlichkeit verleiht – auch wenn die Dramaturgie am Ende gar versöhnlich ist.

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