Luftbilder der Banlieues von Paris sind beeindruckend. Da winden sich architektonische Grossformen mäandernd durchs Grün, stehen Hochhäuser dicht an dicht, erheben sich riesige Wohnmauern. Umgesetzt wurden so städtebauliche Visionen zwischen 1950 und 1974. Geplant mit den besten Absichten und aus dem Geist der Zeit. Doch wer heute näher heranzoomt, sieht Quartiere, umflossen von Autobahnen, öde Plätze, eingeschlagene Scheiben, herumhängende Jugendliche.

Aus solchen Banlieues kamen die Täter der Terroranschläge gegen «Charlie Hebdo». In diesen Banlieues brannten 2005 Tausende von Autos. Seit über dreissig Jahren gibt es hier Krawalle. Busse fahren kaum mehr hinein, Auswärtige und selbst die Polizei meiden sie. Die Banlieues sind ein Synonym für einen Ort, an dem gesellschaftliche Unordnung herrscht. Aber umgekehrt gilt auch, wer in den Banlieues lebt, hat kaum die Chance herauszukommen, hat kaum die Möglichkeit auf Ausbildung und Aufstieg. Wer sich mit einer solchen Adresse um eine Stelle bewirbt, ist von vornherein bei den Verlierern.

Soziale Diskriminierung, Rassismus und die schlechte Durchmischung der Quartiere werden meist als Gründe für die Gewaltbereitschaft der (jungen) Bewohner angeführt. Tatsächlich sind in diesen Vorortsiedlungen das Durchschnittseinkommen und das Ausbildungsniveau markant tiefer, die Arbeitslosigkeit höher, die der Jungen gar um die 40 Prozent.

Bauen gegen die Wohnungsnot

Doch welchen Einfluss haben Architektur und städtebauliche Konzepte auf das Kippen dieser Grands Cités von normalen Quartieren zu Unruheherden? Waren sie falsch konzipiert? Oder ist gar die pure Grösse der Grund für das Scheitern?

Ein Blick in die Geschichte und eine Präzisierung: Banlieue ist nicht gleich Banlieue. Es gibt auch die noblen Vororte, die Villensiedlungen und Gartenstädte in der Agglomeration Paris. Vor allem im Westen der Stadt (wo die Luft in Zeiten der Industrie natürlich besser war). Der Begriff Banlieue stammt aus dem Mittelalter und ist ein Zusammenzug des germanischen Wortes «Bann» (zu «le ban», der Bann) und des lateinischen Wortes «leuga» (zu «la lieue», die Meile). Es war die Meile ausserhalb der Stadtmauern, die aus wirtschaftlichen Interessen noch der Gerichtsbarkeit der Stadt unterstand. Heute sind die Vororte nicht nur viel grösser als die Kernstadt, hier leben auch mehr Leute. Das historische Paris umfasst lediglich vier Prozent der Fläche und zwanzig Prozent der Bevölkerung des Metropol-Raums Paris.

Der Begriff Banlieues meint heute oft nur die Grosssiedlungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft wurden, um die prekäre Wohnungsnot zu lindern. Denn mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950ern setzten zwei Migrationsbewegungen ein: die Zuwanderung vom Land in die Stadt und die Immigration von dringend benötigten Arbeitskräften aus den Kolonien in Nordafrika.

Konzepte für solche Grand Cités hatte in den 1920er-Jahren schon le Corbusier entwickelt. Auf seine Initiative wurde 1933 die Charta von Athen verabschiedet mit Grundsätzen für die moderne, funktionale Stadt: autogerecht und funktional sollte sie sein, gebaut nach den Prinzipien von Einfachheit und Wirtschaftlichkeit, mit Grünflächen und Licht. Unité d’habitation nannte sie Le Corbusier. Die deutsche Übersetzung «Wohnmaschinen» zeigt schon die Problematik des Ansatzes. Es waren Schlafstädte, ohne urbane Strukturen, hochgezogen in der Nähe der Fabriken für die Arbeiterschaft.

Unruhige Schlafstädte

Diese Grand Cités waren in den ersten Jahren durchaus attraktiv für französische Familien. Sie boten mehr Komfort als die dunklen, schlecht unterhaltenen Arbeiterhäuser in der Stadt – und sie waren günstig. Doch mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und mit den besseren Einkommen zog weg, wer konnte. Wirtschaftlich und gesellschaftlich schlecht integrierte Randgruppen übernahmen den unbeliebten Wohnraum. Soziale und ethnische Segregation nennt man das.

Nun rächte sich die Idee der Schlafstadt ohne Läden und Gewerbebetriebe, ohne Infrastruktur für Unterhaltung und Freizeit. Und wenn es solche gab, so machten sie nach ersten Zerstörungen dicht. Ein Teufelskreis. Bauschäden wurden kaum mehr behoben, die Infrastruktur weiter vernachlässigt ...

Architektonische Räume sind immer auch soziale Räume, lautet ein Credo der Architektur und Stadtplanung. Doch wie können Grossstrukturen menschenwürdig geplant und langfristig funktionierend erhalten werden? Reichen breite Strassen, Grünflächen und Plätze, auf denen ein Kunstwerk steht? Kritisiert werden heute die Grösse und der Wahn, die Struktur werde es schon richten. Aber auch die Haltung, der Mensch brauche primär vier Wände zum Schlafen, aber nicht mehr.

Ein Blick über Paris hinaus zeigt: Wo es Unruhen und Randale gibt, herrschen nicht unbedingt dieselben architektonischen Bedingungen. Im Londoner Vorort Tottenham haben wir gewachsene Stadtstrukturen und Ferguson (Missouri) ist ein Arbeiterstädtchen. Was beide mit den Grand Cités gemein haben: Der Bevölkerungsmix hat sich innert weniger Jahre stark verändert und die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch. Wirtschaftskrise und ethnische Diskriminierungen haben zu einer emotional aufgeladenen Situation geführt, zu einem Nährboden für die Radikalisierung gerade von Jungen und zu einem Pulverfass, das ein Einzelereignis zum Explodieren bringen kann.

Programme und Ideen

Weil man sich auch in der französischen Politik bewusst wurde, dass gebaute Strukturen die Integration von Menschen behindern oder fördern können, wurde 1977 das Programm «Politique de la ville» lanciert mit dem Ziel, Bauschäden zu beheben, die städtebaulichen Strukturen zu verbessern, den öffentlichen Raum neu zu gestalten, gewisse Bauten abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen. Umgesetzt wurde das bisher nur punktuell.

Seit den Unruhen 2005 wurde auch versprochen, die Sozialetats für die Grands Cités und generell für Integrationsmassnahmen zu erhöhen. Gescheitert ist bisher der politische Versuch, den Begriff Banlieue aus der administrativen Sprache zu entfernen und gegen den Begriff «Region Parisienne» auszuwechseln. Alltagssprache und Sprachtradition lassen sich nicht so leicht ändern.

Ob und wie man den Metropolraum Paris besser gestalten kann, darüber ist man sich nicht einig. 2007 wurde ein Ideenwettbewerb für «Le Grand Pari(s)» ausgeschrieben. Die Resultate könnten widersprüchlicher nicht sein. Einige der internationalen Architekturbüros setzten gar auf noch grössere, noch dichtere Strukturen. Die meisten jedoch erkannten, dass etwa die achtspurige Ringautobahn, der Boulevard Périphérique, nicht nur eine räumliche, sondern eben auch eine psychologische Grenze zwischen innen und aussen darstellt und überwunden werden muss. Sie propagierten bessere Verkehrserschliessungen, Durchlässigkeit und vor allem die Bildung von Subzentren in den Banlieues. Noch ist nicht absehbar, was aus diesem Ideenwettbewerb wird.