Kultur

«Paradise City» am Konzert Theater Bern: So bieder und ironiefrei war ein Musical selten

Nichts wird vertieft: Auf Herzschmerz folgt Herzschmerz.

Nichts wird vertieft: Auf Herzschmerz folgt Herzschmerz.

Das Konzert Theater Bern eröffnet Saison mit der Musical-Uraufführung «Paradise City» mit Schweizer Eurovision-Song-Contest-Liedern.

1988 waren wir noch richtig gross: Die Kanadierin Céline Dion gewann für die Schweiz den TV-Wettbewerb. Der Berner Schauspielchef Cihan Inan war damals 19, vielleicht sass er noch mit seinen Eltern vor dem Fernseher, wie er es im Programmheft zur Uraufführung seines Musicals am Konzert Theater Bern beschreibt. Jetzt hat er um 13 der Schweizer Wettbewerbssongs ein Musical auf die Bühne gebracht, der versierte Praktiker Kai Tietje hat sie neu instrumentiert und geschickt leitmotivisch arbeitende verbindende Musikteile geschrieben. Zusammen bringen sie das Konstrukt, dirigiert von Inga Hilsberg, auf die Bühne.

Das Spektrum reicht von 1963 («T’en vas pas») bis 2008 («Era stupendo»), prominent platziert sind Céline Dions «Ne partez pas sens moi», «Io senza te» von Peter, Sue & Marc und Pepe Lienhards «Swiss Lady». Und worum geht es in diesen und allen anderen Stücken? Natürlich um die Liebe.

Harmloser Krimi bildet dramaturgische Klammer

Inan nennt sein «Paradise City» ein «Shoppingmall-Musical», doch dieses Einkaufszentrum ist nicht nur heruntergekommen und von der Schliessung bedroht, sondern nur Notbehelf, um ein gutes Dutzend Figuren und ein als Hintergrund-Chörli tanzendes Musical-Ensemble zusammenzuführen – als wäre das Fernsehballett wiederauferstanden (Choreografie Danny Costello).

Daraus liesse sich eine bissige Mischung brauen und im Tonfall der grossen Schlager durch den Kakao ziehen. Oder im Kleid der leichten Unterhaltung ernsthafte Themen ansprechen, wie gleichenorts vor zwei Jahren mit dem Transgender-Musical «Coco». In «Paradise City» werden viele ernsthafte Themen angeschnitten: falsche Geschlechteridentität, Krebs, gescheiterte Lebensträume. Aber nichts wird vertieft, sogleich folgt der nächste Herzschmerz-Song. Eigentlich könnte das Musical so gut im shoppingcenterinternen Talentwettbewerb teilnehmen, das in ihm veranstaltet wird.

Eine Krimihandlung soll die dramaturgische Klammer bilden: Wer zerstört die Plakate mit der Parfüm-Werbung? Welch weltbewegende Frage! Daraus fast drei Stunden fesselnde Aktion zu zaubern, wäre eine Leistung. Sie gelingt Regisseur Stefan Huber nicht, zu nah hält er sich an den Text, zu wenig geben die Figuren her. Die dreistöckige Drehbühne von Stephan Prattes sorgt dafür, dass die Szene rasch nacheinander oder sogar parallel gespielt werden und der nächste Song wieder an der Rampe performt werden kann.

Grosses Finale im Pauschalurlaub

Sie dienen aber schliesslich nur dazu, die Gesangsnummern zu verbinden. Die «Geschwister Pfister»-Musicalprofis Tobias Born (Sicherheitschef, sängerisch das Highlight) und Christoph Marti (natürlich in der Travestierolle der Kiki) sind in ihrem Element dabei. Das Berner Schauspielensemble nicht immer so gut wie Florentine Krafft in der Hauptrolle Hannahs oder Luka Dimic als Mahmut, der sich erst spät als Hauptfigur herausstellt.

Am Schluss, am Karfreitag, treffen sich alle plötzlich vereinten Pärchen im Pauschalurlaub in Antalya – Osterrabatt zum biederen Glücklein. Und was tun sie da? Singen zusammen die «Swiss Lady» mit ihren (hier falschen) Alphorntönen. Das passte dann schon wieder – wäre nur ein Hauch von Ironie zu spüren. Das jubelnd mitgehende Premierenpublikum erwartete offenbar keine solche.

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