Kann feucht-modriges Laub einem Menschen warm geben? Wenn draussen ein Krieg tobt, der 17 Millionen Menschenleben fordern wird, offenbar sehr wohl. Und so verkriecht sich denn die Schauspielerin Maren Gamper unter den braun-welken Blätterhaufen, der unter einem zerstörten Klavier liegt. Noch nicht lange ists her, da spielte die junge Frau schulterfrei-adrett gekleidet auf einem weissen Flügel Weihnachtslieder in einer schmucken Bar. Damals vor dem Kriegsbeginn, vor dem 28. Juli 1914, in der Welt von gestern.

In der neuen Produktion des Teatro Palino liegt zwischen dem Abgrund und der Insel der Seligen die Badener Rathausgasse, wechselt man doch im Laufe des Abends von der stimmungsvollen, warmen UnvermeidBAR hinunter in den dunklen, wahrlich stinkenden, engen Keller.

Den Ersten Weltkrieg macht Stella Palino da wie dort zum Thema. Regisseurin Hilde Schneider hat zusammen mit Matthias Dix das Textbuch für «An Weihnachten sind wir zurück» geschrieben, das Konzept freilich stammt von Stella Luna Palino: von der Leiterin des Teatro Palino, dem das Aargauer Kuratorium kein Geld mehr geben will, da das Kleintheater das «geforderte Niveau» nicht erreiche. Erfreulich für den sogenannten Kulturkanton Aargau, falls überall anderswo Besseres geboten wird …

Wenn Zeitungen marschieren

Womit auch immer sich Stella Palino in den vergangenen Produktionen beschäftigte, sie und ihr Team setzen sich diesmal nicht nur einen sehr hohen und gewagten Anspruch, sondern sie lösen ihn auch ein. Gewiss: Da gibt es ein Gefälle im Ensemble, in dem Yannick Longet brilliert. Aber man sollte die Aufgabe der im ersten Teil mitagierenden «Statisten» Helga Starcevic und Teresina Müller auch nicht überbewerten. Umso eindrücklicher, wie Longet und Palino als Soldaten im zweiten Teil um ihr Leben ringen.

Auch der Handlungsstrang des Abends mag erahnbar sein. Vor 1914 scheint die Leichtigkeit des Seins ausgebrochen: Die plaudernden Diskussionen in der Bar sind Scheingefechte – nicht weit weg beginnt das grosse Sterben. Doch es gelingt Palino über die 80 Spielminuten hinweg, das schwierige Thema flüssig und ohne Brüche zu einem schlüssigen Theaterspiel zu machen. Die Worte mögen vorerst gar nicht so stark wirken.

Später merkt jeder, wie brutal die Kriegsplaudereien in der Bar zu Beginn waren. Brechungen gibt es durchaus: Perfid, wie die Kaiserhymne mit einem Marschieren unterlegt wird, das alleine durch das Aneinanderreiben von Zeitungsseiten verursacht wird. Die Medien scheinen hier geradezu in den Krieg zu ziehen. Wer bedenkt, mit welcher triumphheulenden Propaganda-Maschinerie das Massensterben medial begleitet wurde, versteht das Bild sofort. Karl Kraus prangerte in «Die letzten Tage der Menschheit» nicht zuletzt die monsterhafte Fratze der Medien an.

Der Duft nach Schleimsuppe

Noch unheimlicher wirds, wenn man «drinnen» in der Bar die weitum duftende Schleimsuppe serviert, alsbald gar Weihnachten feiert, zu «Stille Nacht» draussen hingegen Flüchtlinge durch die Rathausgasse hetzen, sich sammeln und schliesslich langsam auf die UnvermeidBAR zuschreiten. «Die werden jetzt doch nicht alle reinkommen!», denkt unsereins bange – und will sich gleich aufs Maul setzen, so etwas überhaupt gedacht zu haben.

Einer der Flüchtlinge öffnet dann tatsächlich vorsichtig die Tür, spricht in fremden warmen Worten, das Wort Mohammed meinen wir, herauszuhören. Was auch immer er wirklich sagt: Jeder reimt sich seine eigene Bedeutung zusammen – und das macht diesen Moment zu einem beklemmenden Höhepunkt des Theaterabends. Die Fantasie des Zuschauers vollendet die Szene. Und so schafft es die Regie, das vermeintlich ferne Geschehen «Weltkrieg» ganz ohne Brechstange in die kalte Gegenwart zu hieven.

Fünf Prozent der Opfer waren aus der Zivilbevölkerung. Im 2. Weltkrieg waren es 50, in heutigen Kriegen 80 Prozent.

An Weihnachten sind wir zurück: Teatro Palino, 11 Mal bis 13. Dezember.