Nachruf
Ihr Lebensfaden ist zu früh gerissen: Die aus dem Rheintal stammende Künstlerin Nesa Gschwend ist verstorben

Nesa Gschwend nähte emotionale Erinnerungen zu vielschichtigen Kunstwerken. Noch im Winter 2019/20 war sie in einer Einzelausstellung in der Ziegelhütte Appenzell zu sehen. Ende Mai ist die Ostschweizer Künstlerin, die im Aargau lebte, mit 62 Jahren verstorben.

Corinne Schatz
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Nesa Gschwend in ihrer letzten Ausstellung in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Nesa Gschwend in ihrer letzten Ausstellung in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Bild: Michel Canonica (15. November 2019)

Im Winter 2019/20 zeigte die Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell eine grosse Ausstellung von Nesa Gschwend, der aus Altstätten stammenden Künstlerin, die seit Ende der Achtzigerjahre mit ihrem Mann, dem Theatermacher Jörg Bohn, und zwei Söhnen im Aargau lebte. Dass dies eine ihrer letzten Einzelausstellungen werden sollte, konnte niemand ahnen. Am 30. Mai ist Nesa Gschwend nach kurzer Krankheit im Alter von 62 Jahren gestorben.

Es war das Jahr 1986, als sich in St. Gallen die Kunde ver­breitete, man müsse unbedingt eine Performance von Nesa Gschwend sehen. Wer ihre erste Performance «Häutung» erlebte, war zutiefst beeindruckt von der expressiven Kraft der Künstlerin. Sie kam damals aus Berlin, wo sie ab 1980 gelebt, das Aktionstheater Panoptikum mitgegründet und Performances entwickelt hatte.

Mit den Händen denken

Die Welt des experimentellen Theaters hatte die junge Frau schon kurz nach Abschluss ihrer Schneiderausbildung nach Bologna an die Nuova-Scena-Theaterschule geführt. Und Performance blieb ein prägendes Ausdrucksmittel der Künstlerin. Zeichnung und Malerei, Objektkunst und Installation, Fotografie und Video kamen in wechselnder Bedeutung dazu. Zeitlebens beschäftigte sie sich mit dem Gesicht, jedoch nicht im Sinn von Porträts. Es ist die Unfassbarkeit des menschlichen Ausdrucks, welche sie in frühen, blind entstandenen Zeichnungen bis zu den grossformatigen, aus Haaren und Fäden gezeichneten «Humans» aus den letzten Jahren faszinierte.

Nesa Gschwends ganzes Schaffen ging vom Handeln aus, von der Arbeit mit dem Körper und mit den Händen, die in einen intensiven Dialog mit den Materialien gesetzt werden. Zugleich lag ihrem Schaffen immer eine intensive philosophische Reflexion zugrunde. Es tritt darin eine Haltung zutage, welche die manuelle Arbeit als – wie sie es nannte – «Denken mit den Händen» mit der Leistung des Intellekts gleichstellt.

Die Materialien, die Nesa Gschwend für ihre Arbeit wählte wie Textilien, Wachs, Pflanzliches oder eben Haare waren immer mehr als rein ästhetisches Mittel. Sie sind erfüllt von inhaltlichen Bedeutungen und ihre Transformation ist der eigentliche Gehalt des Werkes.

Familiengeschichte wird zu Kulturgeschichte

So ist der Umgang mit den Materialien ein gestalterischer ebenso wie ein sozialer, kulturgeschichtlicher oder auch biografischer. Zu sehen ist dies in den Werkgruppen aus Textilien, welche sie beim Räumen des Elternhauses in Altstätten entdeckt hatte.

Die Vorstellung, dass diese von ihren Vorfahren bestickten Lein- und Tischtücher oder Taufkleidchen zugleich Speicher sind für eine Generationen umfassende Familiengeschichte, prägte ihren Umgang damit. In der Umwandlung zu künstlerischen Objekten erweiterte sie diese persönliche Dimension um die vom Textilen geprägte Kulturgeschichte der Region.

Ausstellungsansicht aus der Ausstellung von Nesa Gschwend in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Ausstellungsansicht aus der Ausstellung von Nesa Gschwend in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Bild: Michel Canonica

Immer wieder fand die Künstlerin bei längeren Aufenthalten in Ländern wie Indonesien oder Indien in der Begegnung mit den Menschen und der Kultur Anknüpfungspunkte für ihr Schaffen. So arbeitete sie in den letzten Jahren mit etwa 1700 Menschen aus 65 Nationen an ihrem wohl grössten Projekt, den «Living Fabrics». Entstanden sind zahlreiche Bildteppiche, die beim gemeinsamen Nähen und Sticken aus Kleidern erschaffen wurden.

Dieses Projekt steht exem­plarisch für Nesa Gschwends Selbstverständnis als Mensch und Künstlerin: «Der Faden und der Stoff werden zum Symbol für das Leben und für das Eingewobensein in die Gesellschaft.» Nesa Gschwends Lebensfaden ist viel zu früh gerissen; im Gewebe ihrer Kunst, das unzählige Menschen vereinigt hat, bleibt sie gegenwärtig.